Das Bild zeigt mehrere Kinder in einer Klasse. Ein Junge trägt ein Hörgerät

Beispiel

Warum Inklusion dann besonders gut funktioniert, wenn die Vorbereitung stimmt

Fast ein Drittel der Kinder in der jahrgangsübergreifenden IN-Klasse an der städtischen Michael-Ende-Schule in Minden haben eine Hörbehinderung. Die Lehrerinnen setzen auf ausgereifte Technik, feste Regeln und viel Rücksichtnahme – die im Alltag so leicht und locker daherkommt, dass es wirkt, als ob sich die Grundschüler dafür überhaupt nicht anstrengen müssten.

Auf hellen Holzbänken sitzen die Kinder im Kreis. Manche rutschen ein wenig auf ihren Plätzen herum oder schauen aus dem Fenster, durch das an dem herrlichen Morgen die Sonne hereinscheint. Aber sie sind ruhig, fast gelassen, obwohl sie wie alle Sechs- bis Neunjährigen ordentlich Energie haben. Heute diskutiert die Klasse, wie beim Versand eines Briefes die Person heißt, die das Schreiben bekommt. „Absender, oder?“, fragt eines der Mädchen, die direkt vor der Tafel sitzen. Einige schütteln den Kopf, aber niemand ruft laut herein. Die Achtjährige nimmt Leon dran – in der Morgenrunde in der Michael-Ende-Schule in Minden organisieren die Kinder selbst die Gesprächsreihenfolge. Der Junge mit dem braunen Kapuzenpulli schaut kurz zu seiner Lehrerin Nicole Albrecht. „Empfänger?“, sagt er mit einem leichten Zweifel in der Stimme. „Richtig“, sagt die Lehrerin und gibt die nächste Frage in die Runde.

Alltag in der IN-Klasse, die sich aus 23 Schülerinnen und Schülern aus dem 1. bis 3. Schuljahr zusammensetzt. Sieben von ihnen haben eine Hörbehinderung. Das Modellprojekt – IN steht für Inklusion – soll den jahrgangsübergreifenden Unterricht für Kinder mit und ohne Hörbehinderungen weiterentwickeln.

Leon ist ein Beispiel, wie gut das funktionieren kann. Bei ihm fällt gerade einmal das Cochlea-Implantat auf. Die Hörhilfe, die bei einer Operation eingesetzt wurde, ersetzt mit Sensoren im Innenohr geschädigte Hörzellen und gibt dem Hörnerv Impulse. Ansonsten nimmt der Junge wie die anderen Kinder am Unterricht teil.
Einige Voraussetzungen müssen allerdings erfüllt sein. Am Boden stehen drei Mikrofone, die sich die Kinder wie selbstverständlich gegenseitig weitergeben, wenn sie etwas sagen wollen. Die technischen Hilfsmittel sind mit den Hörgeräten der Kinder gekoppelt, die Lehrerinnen haben Mikros an ihrer Kleidung befestigt. Die Beiträge aus der Runde gelangen so verstärkt und direkt zu den Kindern mit Behinderungen, damit sie ebenso gut hören und reagieren können wie die anderen Schülerinnen und Schüler.

Ebenso wichtig wie die vom LWL finanzierte Technik und die Schallschutzausstattung im Klassenraum, die die Stadt Minden als Schulträger bezahlt hat, ist der Umgang miteinander. „Wir haben von Anfang an besondere Gesprächsregeln vermittelt“, sagt Anke Soller. „Die Kinder sollen sich zum Beispiel nur von vorne ansprechen und möglichst nicht zu laut durcheinanderschreien“, erklärt die Förderschullehrerin, die für die IN-Klasse von der Westkampschule in Bielefeld nach Minden abgeordnet wurde. An dieser LWL-Förderschule, Förderschwerpunkt Hören und Kommunikation, unterrichtet sie gar nicht mehr direkt. „Ich treibe die Inklusion in der Regelschule voran. Das gefällt mir sehr gut“, sagt Anke Soller.

Beide Lehrerinnen haben sich und die Kinder vor der Einrichtung der IN-Klasse gut vorbereitet. „Wir wollen die Zahl der Schülerinnen und Schüler mit Behinderungen in unserer Schule in kleinen Schritten steigern“, erzählt Nicole Albrecht. „Deswegen müssen wir von Anfang an die Grundlagen legen, damit wir das auch vernünftig hinbekommen.“ Ein Besuch an einer Schule in Süddeutschland, die ein ähnliches Konzept verfolgt, gehörte ebenso zur Vorbereitung wie Projekte mit den Grundschulkindern zum Thema „Ohr“, sagt Anke Soller.

„Wir haben die Schülerinnen und Schüler so schon früh für die Besonderheiten einer Hörbehinderung sensibilisiert.“

 

Eine große Hilfe bei der Inklusion sind die Kinder selbst. Mit einem Patensystem haben die Lehrerinnen für einen direkten Bezug gesorgt, der neben der sowieso schon freundlichen Atmosphäre noch einmal für eine enge Bindung der Schülerinnen und Schüler untereinander sorgt. Das ist auch bei Leon zu sehen. „Lieber Jannis“, schreibt er auf einen Zettel, „wollen wir uns heute verabreden?“ Der Junge schaut erwartungsvoll nach links. Celina blickt ihn an und zeigt auf eine Stelle auf dem Blatt Papier. „Da müsstest du mehr Abstand zwischen den Worten lassen“, sagt das zwei Jahre ältere Mädchen, das mit Leon gerade das Briefeschreiben übt, und deutet auf die eng zusammenstehenden Buchstaben. „Aber sonst ist das schon sehr gut.“