Sprachliche Barrieren überwinden

Fragen & Antworten

Dr. Ulrike Gotthardt ist Chefärztin im Behandlungszentrum für Hörgeschädigte in der LWL-Klinik Lengerich. Sie ist selbst seit der Geburt beidseitig nahezu gehörlos.

Was ist für hörgeschädigte, also gehörlose und schwerhörige Menschen anders, wenn sie eine Klinik aufsuchen?

Wesentliche Schwierigkeiten liegen natürlich im Bereich der Kommunikation. Bei einer stationären Behandlung wird den Patienten in der Regel kein Gebärdensprachdolmetscher zur Seite gestellt. Nicht wenige Ärzte und gerade auch Psychotherapeuten lehnen diese Unterstützung ab, weil sie das Gefühl haben möchten, direkt mit den Betroffenen zu kommunizieren.

Man könnte sich schriftlich verständigen.

Ja, häufig versucht man, über die Schriftsprache eine Verbindung herzustellen. Dabei wird allerdings nicht nur im Vergleich zur  Lautsprache begrenzter kommuniziert – die Gefühlsebene wird auch nicht ausreichend erfasst. Gerade im Rahmen von psychiatrischen und psychotherapeutischen Behandlungen spielt die emotionale Ebene aber eine wesentliche Rolle.

Ist das nur ein Problem der Kliniken?

Nein, wenn unsere Patienten nach einem stationären Aufenthalt weiterführende ambulante Therapien bekommen sollen, stehen wir oft vor dem Problem, dass nur wenige Psychiater und Therapeuten mit Hörgeschädigten arbeiten. In allen anderen Bereichen medizinischer Versorgung sieht es ebenso aus: Hörgeschädigte Menschen können aufgrund von Kommunikationsbarrieren selten ausreichend, geschweige denn optimal beraten und versorgt werden.

Was ist das Besondere an Ihrem Versorgungsangebot?

Eine psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung setzt ein gegenseitiges "Verstanden-werden" voraus. Da wir in unserem Zentrum ausschließlich mit hörgeschädigten Menschen arbeiten, sind wir auf deren Bedürfnisse spezialisiert. Sprachliche Barrieren zwischen den Patienten und den Mitarbeitern gibt es bei uns nicht.

Im stationären Bereich setzen wir verstärkt optische Hilfsmittel ein. Plakatives Beispiel: Bricht ein Feuer aus, werden die Patienten über eine rote Lampe an der Wand alarmiert. Wenn jemand das Zimmer betreten möchte, wird das ebenfalls über ein – in diesem Fall weißes – Lichtsignal angezeigt. Ein Anklopfen können unsere Patienten ja nicht hören.

Warum war es nötig, eine spezialisierte Abteilung einzurichten?

Unser Behandlungszentrum besteht seit 1985 und entstand aus einem konkreten Bedarf heraus: Die LWL-Klinik war seinerzeit zuständig für ein Wohnheim in Minden, in dem psychisch Kranke mit einer Hörschädigung lebten. Als die Einrichtung aufgelöst werden musste, verlegte man die Bewohnerinnen und Bewohner in unsere Klinik nach Lengerich. Aufgrund von sehr bald zunehmenden Anfragen entstand unsere Abteilung, die im Laufe der Jahre immer größer wurde.

Widerspricht es nicht dem Gedanken von Inklusion, die hörgeschädigten Patienten innerhalb der Klinik zu separieren?

Wie jeder Mensch sind auch Hörgeschädigte sehr kommunikativ. Zur optimalen Entwicklung und um ein möglichst ausgeglichenes Leben zu führen, benötigen sie eine vollwertige Kommunikation. Wer sich als Hörgeschädigter jedoch vorwiegend unter hörenden Menschen bewegt, ist häufig isoliert. Unser Behandlungskonzept berücksichtigt daher die Bedürfnisse und Eigenheiten der hörgeschädigten Patienten in möglichst idealer und umfassender Weise. Arbeits-, Freizeit- und Sportangebote finden zusammen mit hörenden Patienten, also inklusiv, statt.

Es ist eine Kombination?

Ja, die Kombination aus speziell abgestimmten und inklusiven Angeboten hat sich sehr gut bewährt, was wir auch am positiven Feedback von Patienten und Angehörigen merken. Denn es spiegelt einen Teil des tatsächlichen Alltagslebens wider. Mit einem rein inklusiven Angebot wird man den Bedürfnissen unserer Patienten hingegen nicht gerecht. Ein inklusives Konzept ist meiner Meinung nach dann gut, wenn Hörgeschädigte die notwendigen kommunikativen Hilfen – z.B. Gebärdensprach- und Schriftsprachdolmetscher – erhalten,  wenn die psychosozialen Bedürfnisse berücksichtigt werden, wenn zusätzlich Kontakte zu anderen Hörgeschädigten bestehen und gefördert werden.

 

Heißt das, man tut hörgeschädigten Menschen mit Inklusion keinen Gefallen?

Als Hörgeschädigter bewegt man sich in einer Welt, in der man hauptsächlich mit hörenden Menschen zusammenlebt und -arbeitet. Darin muss man sich zurechtfinden und das muss man akzeptieren. Allerdings ist die Verbindung zu anderen Hörgeschädigten sehr wichtig, weil man nur von ihnen tatsächlich und grundlegend verstanden wird – nicht nur im Hinblick auf die sprachliche Kommunikation.

Bisher gingen hörgeschädigte Kinder meist auf spezielle Schulen. Das ermöglichte einen sehr guten emotionalen Austausch untereinander, aber der Bildungsaspekt blieb oft auf der Strecke: In Deutschland gibt es nur wenige Schulen für Hörgeschädigte, an denen ein Abitur absolviert werden kann. Wenn die Kinder in „hörenden Schulen“ mit Gebärdensprachdolmetscherunterstützung unterrichtet werden, haben sie deutlich bessere Bildungschancen. Allerdings fehlt dann oft die Integration in die hörende Klassengemeinschaft, weil keine ausreichende Verständigung möglich ist, denn die Dolmetscher werden nicht durchgängig eingesetzt.

Die Lösung wäre aus meiner Sicht eine Kombination: Hörgeschädigte Kinder sollten mit den für sie notwendigen Hilfen auf normale Schulen gehen können und parallel dazu aktiv in Freizeit- und andere Angebote für Hörgeschädigte eingebunden werden.

Sollten hörgeschädigte Kinder Gebärdensprache lernen oder besser sprechen lernen?

Generell bin ich der Meinung, dass hörgeschädigten Kindern alle Möglichkeiten der Verständigung angeboten und sie zu deren Nutzung angeregt werden sollten. Sie sollten im Sinne einer „Total Communication“ sowohl sprechen lernen als auch die Gebärdensprache beherrschen und von den Lippen ablesen können. Dies unter anderem deswegen, da mit dem Lippenlesen höchstens 30 bis 40 Prozent der Worte erfasst werden können und somit Missverständnisse recht häufig vorkommen. Technische Innovationen wie die Cochlea-Implantate können Betroffene zwar unterstützen, immer noch aber bestehen Einschränkungen, und das Hören damit ist nicht dem Hörender gleichzusetzen. Betroffene bleiben dennoch hochgradig schwerhörig.

Welche Angebote für Hörgeschädigte müsste es noch mehr geben?

Vor allem Gebärdensprachdolmetscher brauchen eine höhere Akzeptanz, denn immer noch begegnen Hörende deren Einsatz mit Bedenken und Verunsicherung. Mehr Informationen über die Bedürfnisse von Hörgeschädigten – beispielsweise in den Medien – sind zwar wichtig, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass man leichter persönlich überzeugt. Ich besuche z. B. regelmäßig die Psychotherapiewochen in Lindau, eine Fachtagung zur Fort- und Weiterbildung in Psychotherapie, Psychiatrie und Psychosomatik. Oft halte ich auch eigene Vorträge. Wenn die Zuhörer dann selbst die Erfahrung machen, dass Gebärdensprachdolmetscher sich im Hintergrund halten und einer persönlichen Gesprächsatmosphäre nicht im Wege stehen, sind sie oft positiv überrascht und es ist eine Menge gewonnen.

Was raten Sie Eltern hörgeschädigter Kinder?

Wird im Kindesalter eine Hörschädigung festgestellt, so benötigen die zumeist hörenden Eltern umfassende Informationen. Diese Informationen sollten nicht allein auf  „hören können“ ausgerichtet sein. Die Fachleute – meist hörendes Lehr- und Erziehungspersonal sowie Ärzte – neigen manchmal dazu, nur in diese Richtung zu informieren. Parallel und gleichwertig müssen verstärkt Beratungsstellen für Hörgeschädigte und Selbsthilfeorganisationen Hörgeschädigter, beispielsweise Deutscher Gehörlosen-Bund und Deutscher Schwerhörigen-Bund, einbezogen werden. Dies wird vor allem durch eine offenere Zusammenarbeit zwischen dem Selbsthilfe- und dem professionellen Bereich gelingen. Die Chancen dazu werden dann besonders groß sein, wenn es mehr gehörlosen und schwerhörigen Menschen gelingt, auch im professionellen Bereich Fuß zu fassen.

Wenn Sie sich etwas wünschen dürften, was wäre das?

Am liebsten wäre mir ein deutlich höherer Anteil an gehörlosen und schwerhörigen Mitarbeitern, nicht nur in unserer Einrichtung. Allerdings ist das leider bisher nicht realisierbar, weil es zu wenige Hörgeschädigte gibt, die eine entsprechende Qualifikation haben. Ich würde mir wünschen, dass im Zuge der Inklusion eine Verbesserung der Bildungschancen erreicht wird.

Eine große Hürde stellt auch der Zugang zu Hilfsmitteln dar, denn Kostenträger schieben oft die Zuständigkeit einander zu, oder die Bearbeitung von Anträgen nimmt eine zu lange Zeit in Anspruch. Studenten beispielsweise können so zum Teil ein komplettes Semester verlieren. Das ist sehr demotivierend für die Betroffenen.

Außerdem halte ich es für erstrebenswert, vor allem psychisch kranken Menschen mit einer Hörschädigung mehr ambulante Spezialangebote zu bieten. Ebenso brauchen hörgeschädigte Kinder und Jugendliche umfangreichere ambulante und stationäre psychiatrische und psychotherapeutische Angebote. Und schließlich könnte in allen Krankenhäusern eine Verbesserung für hörgeschädigte Patienten durch so genannte „Kliniklotsen“ – speziell geschultes und weitergebildetes medizinisches Personal mit Gebärdensprachkompetenz – erreicht werden, die für die Zeit des Klinikaufenthaltes Unterstützung leisten.