Kompromisse müssen möglich sein

Fragen & Antworten

Renate Wiechers ist wissenschaftliche Referentin für Museumspädagogik in der LWL-Archäologie und berichtet im Interview von Herausforderungen und Erfolgen in der inklusiven Kulturvermittlung.

Frau Wiechers, wie waren Ihre ersten Erfahrungen mit Angeboten für Menschen mit Behinderungen?

Enttäuschend und ermutigend zugleich. Das ist bald 20 Jahre her, ich hatte eine Ausstellung über Felsbilder der Bronzezeit zum Ertasten für blinde, sehbehinderte und sehende Menschen initiiert und auf große Resonanz gehofft – die, die kamen, waren begeistert, aber es kamen nur wenige.

Was hatten Sie falsch gemacht?

Ich war mit falschen Erwartungen gestartet und hatte die potenziellen Besucher falsch eingeschätzt. Die meisten blinden Menschen sind erst im Alter erblindet, haben also Jahrzehnte als Sehende gelebt und wenig Zeit gehabt, sich auf ihre neue Situation einzustellen. Hinzu kommt, dass sie oft auf Grund ihres Alters auch nicht mehr ganz so mobil sind.

Wer dagegen von Geburt an blind ist oder in frühen Jahren erblindet ist, hatte viel mehr Zeit, andere Wahrnehmungskanäle als das Auge zu trainieren. Diese Menschen lassen sich gern auf Angebote wie eine Tastausstellung ein, es sind nur zahlenmäßig nicht sehr viele.

Also besser keine Ausstellung für blinde Menschen machen?

Doch, unbedingt, es muss mehr Ausstellungen geben, die für behinderte und nichtbehinderte Menschen gleichermaßen geeignet sind. Man soll den Erfolg aber nicht nur an den Besucherzahlen messen, es zählt mehr die Qualität der Besuche.

Wie müssen solche Ausstellungen aussehen?

Es fängt mit den kleinen Dingen an: Kleine Menschen, Kinder und Rollstuhlfahrer zum Beispiel brauchen niedrigere Podeste, auf denen die Ausstellungsstücke stehen. Es hilft, wenn man sich als Ausstellungsmacher bei der Entscheidungsfindung über die Höhe für Ausstellungspodeste einfach mal auf einen Stuhl davorsetzt.

Es geht weiter mit der Nutzung möglichst vieler Sinne für die Wahrnehmung. Ich finde es immer wieder spannend zu sehen, wie intensiv Menschen eine Ausstellung erleben, wenn sie Dinge auch anfassen dürfen. Dafür müssen Sie zum Beispiel den Helm in einer historischen Ausstellung aus der Vitrine befreien, damit ihn die Besucher berühren können. Das geht natürlich nicht mit dem Original. Dafür braucht man eine gute, materialgerechte Kopie. Die können die Besucher dann aber auch aufsetzen, was wiederum einen ganz anderen Zugang zum Objekt eröffnet und zum historischen Hintergrund, in dem es einmal stand. Und es macht auch noch Spaß, ganz gleich, ob man blind ist oder sehen kann. Für blinde Menschen ist diese Wahrnehmungsmöglichkeit aber unersetzlich.

Mir hat der Bericht einer von Geburt an blinden Frau die Augen geöffnet: Bevor sie einmal ein Auto gewaschen hatte und die Formen der Scheinwerfer fühlen konnte, dachte sie immer, Autoscheinwerfer sähen so aus wie die Schreibtischlampe, die sie kannte.

Und nicht zuletzt müssen wir Museumsleute verstehen, dass es den einen behinderten Menschen nicht gibt, sondern viele verschiedene. Jemand mit Sehschwäche braucht große Bilder, Menschen mit Tunnelblick brauchen genau das Gegenteil. Die Kante auf dem Fußboden als Leitsystem für Blinde kann für Rollstuhlfahrer eine Barriere sein.

Wie sollen denn Museumsmacher mit so vielen Anforderungen fertig werden?

Nicht verrückt machen lassen, das Thema durchdenken, sich herantasten, mit betroffenen Menschen reden, sie testen lassen, immer wieder zusammen mit ihnen justieren, es aushalten, wenn etwas nicht sofort den gewünschten Erfolg hat.

Und: Kompromisse müssen möglich sein. Lösungen für große und kleine Menschen, für alte und junge, für behinderte und nichtbehinderte Menschen. Nicht allen Ansprüchen kann man überall gerecht werden, nicht jedes Exponat eignet sich als Kopie zum Anfassen.

Und durch Kompromisse der Kritik gegenüberstehen, nicht alles für Menschen mit Behinderungen getan zu haben?

Das Leben besteht aus Kompromissen. Das ist bei Ausstellungen nicht anders, nur sollte man in diesem Fall erklären können, warum sie so getroffen wurden und dazu auch stehen. Ein Beispiel: Wir haben im LWL-Römermuseum einen Video-Guide für gehörlose Menschen entwickelt. Beim ersten Test wurde der sehr kleine Monitor beanstandet, auf dem man die Gebärdensprachen-Dolmetscherin sah. Auch uns erschien der Monitor recht klein. Trotzdem haben wir uns für dieses Gerät entschieden, weil hier die Bedientasten fest installiert sind und nicht wie beim iPod-Touch verschwinden, wenn der Film läuft und bei Bedarf wieder aufgerufen werden müssen. Nach dem Rundgang mit dem Video-Guide gab uns ein Mann recht, die ständig verfügbaren Tasten waren für ihn wichtiger gewesen als zwei Zentimeter mehr Bildschirm – ein Kompromiss.

Nicht jede Rollstuhl-Rampe in einem historischen Gebäude muss gleich in Beton gegossen werden, oft reicht auch das mobile Modell aus Aluminium. Bei einem neuen Museum muss man hingegen die Rampe sofort mit einplanen und so gestalten, dass sie sich gut einfügt oder gar nicht erforderlich ist.