In mehreren Zugangsvarianten denken

Fragen & Antworten

Dr. Ulrike Gilhaus ist Leiterin des LWL-Museumsamtes Westfalen. Sie möchte das Thema Inklusion stärker in den Museen verankern und unterstützt Einrichtungen dabei, Maßnahmen umzusetzen.

Sie haben einen Fragebogen an 30 von rund 650 Museen in Westfalen verschickt, in denen es um das Thema Inklusion in Museen ging. Was war der Anlass dafür?

Seit der Unterzeichnung der UN-Menschenrechtskonvention sind wir dabei, auch die Museen tauglich zu machen für Menschen mit Behinderung – egal welcher Art. Barrierefrei zu sein, heißt eben mehr, als nur für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen nutzbar zu sein. Wir wollten durch diese Befragung einen Status quo feststellen und erfahren, wie gehen diese Häuser bisher mit dem Problem um, was haben sie schon getan, welche Richtung wollen sie in Zukunft einschlagen – und wo hat es bisher gehapert. Mit Hilfe der Handlungsempfehlungen des Deutschen Museumsbundes zum barrierefreien Museum wollen wir im nächsten Jahr Fortbildungen zu diesem Thema anbieten und bis dahin auch einige best-practice-Beispiele gesammelt haben. Das Museumsamt würde also eine Multiplikatorenfunktion übernehmen.

Welche Erkenntnisse konnten Sie bisher denn schon sammeln? Was läuft schon gut bei einer behindertengerechten Gestaltung – und wo hakt es?

Im Bereich der baulichen Zugänglichkeiten haben wir schon eine relativ gute Quote, aber wo es im Prinzip hapert, sind die Maßnahmen, für die mehr Personal und vermehrte Vermittlungsaktivitäten erforderlich sind. Im Prinzip sind es immer zwei Gründe, die sich wiederholen und die sich auch gegenseitig bedingen: finanzielle und personelle.

Was glauben Sie, was denken Museumsleiter und –leiterinnen spontan, wenn es um das Thema "Inklusion in Museen" geht?

Ich glaube, dass sie zunächst  ein dumpfes Gefühl bekommen. Sie denken: "Das ist ein wichtiges Thema, das mich angeht, das ich machen muss, an dem ich nicht vorbeikomme – aber es stehen noch so viele andere drängende Probleme an…"

Was können Sie denn konkret leisten, um den Museen vor Ort Hilfestellung zu bieten – wie etwa jetzt bei dem Ziel, den Inklusions-Gedanken voranzutreiben?

Zunächst einmal geben wir ihnen die Informationen, die der Deutsche Museumsbund kompakt zusammengestellt hat. Wir stellen immer wieder fest, dass selbst diese Basics nicht bekannt sind. Dann gibt es schonmal ein großes Aufatmen beim Gegenüber, wenn man sieht, da gibt es ja schon etwas zu dem Thema, auch konkrete Leitfäden von anderen Häusern, man muss nicht alles selbst erarbeiten. Dann helfen wir, den wirklich wichtigen Kontakt zu den Behindertenverbänden vor Ort herzustellen. Wir empfehlen als Dach die Landesarbeitsgemeinschaft für Selbsthilfe in NRW, die auch ein Netzwerk auf örtlicher Ebene hat, auf das man dann dankbar zurückgreifen kann.

Das dritte Element sind die Gestalter, für die dieses Thema auch Neuland ist, und die sich weiter qualifizieren in diesem Bereich. Wir unterstützen sie bei Fragen, helfen mit Empfehlungen, geben kleine Anschübe und fungieren im gesamten Prozess als Bündelungsstelle.

Und ich selbst komme ja auch relativ frisch aus der Museumsarbeit, so dass ich da selbst viele persönliche Erfahrungen mitbringe, was Menschen mit Behinderungen brauchen, wie unterschiedlich sie sind. Aber ich kann sagen, dass sich dieser manchmal mühsame Prozess, sich in vielen Gesprächen mit den Bedürfnissen der Behinderten auseinanderzusetzen, lohnt. Weil man dadurch neues Expertenwissen bekommen hat und die Ergebnisse viel offensiver in der Öffentlichkeit vertreten kann. Gehörlose, Sehbehinderte, Rollstuhlfahrer – sie alle  brauchen unterschiedliche Medien und Hilfestellungen.

Aber gerade durch die Unterschiede bei der Behinderung gibt es besondere Erwartungen an ein inklusives Museum. Können Sie die denn alle erfüllen?

Nein. Man muss sich von dem Gedanken verabschieden, dass man es allen recht machen kann. Da kann es bestimmte Anforderungen von Blinden und Sehbehinderten geben, die wiederum Mobilitätseingeschränkten im Weg stehen. Dafür gibt es Noppen oder Steine, die Blinden  Orientierung geben, die aber  manche Rollstuhlfahrer als unangenehm empfinden. Immer, wenn man solche Elemente entwickelt, stellt man fest: Was der eine braucht, stört oft den anderen. Insofern gibt es nicht den optimalen Zustand für alle, davon muss man sich frei machen. Aber es gibt gestaffelte Angebote, von denen mehrheitlich dann alle profitieren. Auch die, die einen Kinderwagen oder Rollator haben oder Einschränkungen nach einer Knie-Operation. Und ab einem gewissen Alter sind wir doch alle dankbarer für eine große Schrift. Und wenn ein Kunstmuseum sehr reserviert gegenüber Texten ist, dann gibt es hier vielleicht Audio-Guides, die dann tatsächlich eine Hilfe für alle sind, die gerne die Augen offen für die Objekte haben wollen. Und Menschen, die an Demenz erkrankt sind, freuen sich vielleicht über die Möglichkeit, ein Objekt berühren zu dürfen.

Das heißt, es profitieren nicht nur die "klassischen" Behinderten von einem inklusiven Museum. Aber da muss vermutlich so mancher noch umdenken lernen?

Auf jeden Fall. Dieses Denken verlangt Ausstellungen, die sehr viel mehrkanaliger sind. Schon bei der Konzeption und der Einbindung der Exponate muss man darüber nachdenken, wie man bestimmte Zugänge schaffen kann – im Sinne von nicht nur sehen, sondern eben auch hören, erreichen, nahekommen.  Wir werden in mehreren Zugangsvarianten denken müssen, während wir heute noch sehr viel stärker vom Gesichtspunkt Konservierung denken oder dass eine Inszenierung ästhetisch gelungen aussieht. Aber wir müssen nicht so sehr vom Exponat aus denken, sondern stärker von der Nutzung, von den Bedürfnissen des Gastes. Dadurch wird eine Ausstellung vielschichtiger, und der ganze Raum wird anders strukturiert werden müssen. Wir werden nicht mehr so viele Hauben haben, sondern wir müssen dann vielleicht mehr Repliken haben. Es wird ein ganz anderes Museum sein, das so entsteht.

Gibt es auch Grenzen, bei dem, was das Museumsamt da an Hilfe leisten kann?

Natürlich. Wir können zum Beispiel nicht die Erwartung erfüllen, dass wir zu 100 Prozent die Wünsche finanzieren können. Da gibt es schon manchmal Enttäuschungen. Auf der anderen Seite muss man auch hervorheben, dass wir wirklich einen Stein ins Rollen gebracht haben, weil der Landschaftsausschuss gerade erst beschlossen hat,  dass es für umfangreiche neue Maßnahmen 70 Prozent Förderung gibt. Das waren früher nur 30 Prozent. Und  Museen, die einzelne Elemente wie beispielsweise ein Tastmodell nachträglich wollen, die erhalten immerhin noch 50 Prozent Förderung. Da haben wir dank der guten Unterstützung aus der Politik wirklich etwas erreicht.

Und welche inhaltlichen oder organisatorischen Einschränkungen gibt es bei der Zusammenarbeit?

Natürlich müssen alle Museen selber mitarbeiten, das ist eigentlich eine Aufgabe, der sich keiner entziehen kann. Wir schreiben keine Konzepte – und das ist für manche ein Problem. Gerade kleinere Häuser, die ehrenamtlich geführt werden, oder kommunale, die personell ausgeblutet sind, kranken daran.

Dann müssen wir ihnen aber trotzdem klar machen: Wir vom Museumsamt sind es nicht, die die Konzepte für Euch schreiben. Schließlich fußt jede Ausstellung ja immer noch auf der eigenen Sammlung und der damit verbundenen Dokumentation; so viel kleinteilige Arbeit können wir nicht leisten, denn Konzepte entstehen in einem vielschichtigen Prozess - manchmal über Jahre. Wir versuchen aber, maßgeschneiderte Lösungen zu finden oder Hilfe zu empfehlen.