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Lernen mit Mail und Lippenlesen

Laura Möller ist gehörlos und Auszubildende beim LWL

"Dort, wo die Zahlen unterschiedlich sind, musst Du die Bilanz prüfen." Jan Tombrock zeigt am PC-Bildschirm auf das Detail der Jahresbilanz. Laura Möller beobachtet das Gesicht des Kollegen genau. Der Sachbearbeiter aus der Abteilung für Krankenhäuser und Gesundheitswesen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) in Münster wiederholt entscheidende Wörter und Begriffe und nimmt dabei Blickkontakt auf. Die Auszubildende nickt und signalisiert Jan Tombrock, dass sie den Auftrag verstanden hat. Jahresbilanzen und Reisekostenabrechnungen prüfen, Exceltabellen erstellen, den Zahlungsverkehr bearbeiten: alles ganz normale Aufgaben für eine Auszubildende zur Verwaltungswirtin im Sachbereich Finanzen und Wirtschaft. Das Besondere an Laura Möller: Sie ist gehörlos.

"Es gefällt mir gut hier beim LWL", sagt die 24-Jährige, die sich jeden Morgen aus Haltern am See auf den Weg nach Münster macht. In ihrem ersten Ausbildungsjahr hat sie bereits die LWL-Behindertenhilfe kennengelernt und den Blockunterricht im Studieninstitut Westfalen-Lippe Münster durchlaufen. Jetzt steht ihr Schreibtisch für sechs Monate in der LWL-Abteilung für Krankenhäuser und Gesundheitswesen. In der Schule (und bei besonderen Anlässen wie zum Beispiel bei diesem Interview) bekommt sie Unterstützung durch Gebärdendolmetscherinnen, die den Unterricht simultan für sie übersetzen und vom LWL bezahlt werden. Im Büro ist sie auf sich alleine gestellt. Kommunikation ist trotzdem möglich. "Wenn ich Fragen habe, schicke ich einfach eine E-Mail", erklärt Laura Möller, die von Geburt an gehörlos ist. Sie ist es gewohnt, sich auf anderen Wegen mitzuteilen als mit Lautsprache. Für die Kolleginnen und Kollegen war die Situation hingegen Neuland.

"Das war für uns schon sehr ungewohnt", sagt Susanne Lutterbüse, die zusammen mit ihren Kollegen, Chantal Rothe und Jan Tombrock, Laura Möller im Büro anleitet. "Ich hatte am Anfang immer wieder Gewissensbisse, dass ich Laura von unserer Kommunikation ausschließe. Und wir müssen hier wirklich viele Informationen austauschen", sagt die Sachbearbeiterin aus der LWL-Abteilung für Krankenhäuser und Gesundheitswesen. Mal eben einen Hinweis über den Schreibtisch geben, ein kurzes privates Gespräch nach dem Wochenende - Laura Möller kann es nicht hören. Wenn die Kollegen die Auszubildende ansprechen wollen, dann funktioniert das per E-Mail. "Oder wir tippen sie kurz an die Schulter und reden von Angesicht zu Angesicht. Laura ist nämlich sehr gut im Lippenlesen", erklärt Susanne Lutterbüse.

Nach jetzt fünf Monaten in der Abteilung sind die Abläufe eingeübt und für die Beschäftigten im Sachbereich Finanzen Gewohnheit. Auch die weiteren Kolleginnen und Kollegen in der Abteilung haben ihren Weg gefunden, mit Laura Möller zu kommunizieren. "Manche schicken mir eine E-Mail und erklären mir dann noch Details direkt am Computer, manche schreiben mir auch mal einen Zettel", sagt die Auszubildende. "Alles funktioniert und ich kann damit gut arbeiten."

Die Ausbildungsinhalte gelten für Laura Möller genauso wie für jeden anderen Auszubildenden im mittleren Dienst. Für die 24-Jährige stellen sie bislang keine Hürde dar. Von den Kolleginnen und Kollegen bekommt sie durchweg positive Rückmeldungen. "Laura ist pfiffig", sagt Ausbilderin Susanne Lutterbüse. "Mir fällt keine Aufgabe ein, bis auf das Telefonieren, die sie trotz ihrer Behinderung nicht erledigt. "Wir sind froh, dass sie uns unterstützt", ergänzt Chantal Rothe.

Derzeit arbeiten zwölf Auszubildende mit Behinderung beim LWL. "Wir achten bei der Auswahl in besonderem Maße darauf, dass Menschen mit Handicap - im Rahmen ihrer Fähigkeiten - eine Ausbildung beim LWL beginnen können", sagt der Erste Landesrat und Kämmerer des LWL, Dr. Georg Lunemann. "Der LWL hat bei der Beschäftigung von Menschen mit Handicap eine ganz besondere Verantwortung", so Lunemann weiter.

In dem mehrstufigen Auswahlverfahren werden die Auswirkungen der jeweiligen Schwerbehinderung berücksichtigt und möglichst ausgeglichen. So stand zum Beispiel auch Laura Möller beim Bewerbungsgespräch ein Gebärdensprachdolmetscher zur Seite. "Und natürlich stellt der LWL auch während der Ausbildung Gebärdensprachdolmetscher zur Verfügung, zum Beispiel für die Schule und für Teamgespräche oder Prüfungen", so Gisela Stockamp, Leiterin des Teams Ausbildung in der LWL-Hauptverwaltung.

Laura Möller weiß jetzt schon, dass sie auch nach ihrer zweijährigen Ausbildung gerne beim LWL arbeiten möchte. "Ich fühle mich hier wohl und die Verwaltungsarbeit liegt mir", sagt sie.

Pressemeldung

Publikationsdatum: 28.12.2017

Themen: Arbeit