Das Bild zeigt eine Baustelle

Beispiel

Wie ein eigens gegründetes Unternehmen Menschen mit Behinderungen zu einem Arbeitsplatz und mehr Selbstvertrauen verhilft

Die Firma Inklusia aus Löhne (Kreis Herford) ist ein Integrationsunternehmen, in dem Menschen mit und ohne Behinderung zusammenarbeiten. Tim Wieprich hat bei dem Garten- und Landschaftsbaubetrieb einen Platz auf dem ersten Arbeitsmarkt gefunden – und ist sehr zufrieden damit, dass er sein Geld endlich selbst verdienen kann.

Der Staub wirbelt an diesem heißen Nachmittag durch die Luft, die Sonne brennt. Tim Wieprich schwitzt unter seinen Ohrenschützern, die er gegen den Lärm des Rüttlers aufgesetzt hat, mit dem er den Boden verdichtet. Mit viel Geduld führt er die Maschine den geschwungenen Weg entlang, der den neu entstehenden Sinnesgarten des LebenshilfeCenters in Minden umfassen wird.

Ein Abschnitt ist geschafft. Wieprich macht eine kurze Pause und trinkt einen Schluck Wasser. „Ich bin sehr froh, diese Arbeit gefunden zu haben“, sagt der 25-Jährige, der zuvor in der Gärtnerabteilung einer Werkstatt für behinderte Menschen beschäftigt war. „Hier kann ich endlich richtig arbeiten, das fühlt sich gut an.“ Tim Wieprich ist im September 2013 beim Integrationsunternehmen Inklusia gestartet. Von den 19 Beschäftigten haben acht eine Behinderung.

„Das ist ein besonderes Arbeiten“, sagt Karsten Keske. Der Kolonnenführer lehnt seine Schaufel an einen Zaun und geht zu Tim Wieprich. Er legt ihm die Hand auf die Schulter und erläutert ihm, was nun ansteht. „Tim und die anderen Kolleginnen und Kollegen mit Behinderung benötigen für manche Aufgaben etwas länger, aber schaffen alles. Wir müssen also nur ein wenig mehr Geduld haben und mehr erklären.“ Ansonsten, das macht Keske klar, gibt es keine Unterschiede. „Wir haben mittlerweile bei jedem erkannt, was er besonders gut kann. Und so setzen wir die Kolleginnen und Kollegen auch ein.“ Tim Wieprich zum Beispiel fährt mit der Schubkarre Randsteine an den Weg, verteilt aber auch mal mit dem Bagger Kies.

Eine anspruchsvolle Aufgabe, erst recht auf der aktuellen Baustelle. „Wir haben hier ein Vorzeigeprojekt, das für uns eine gute Referenz darstellt“, sagt Guido von Fürstenberg. Der Geschäftsführer von Inklusia hat an dem heißen Tag Eis und Getränke mitgebracht, die seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gerne annehmen. „Das mache ich zwar aus Zeitgründen nicht oft“, sagt er mit einem Grinsen, „aber wir versuchen, unser besonderes Unternehmen doch auch anders zu führen.“ Mehr und engerer Kontakt als üblich ist notwendig. Der Sozialpädagoge betreut dementsprechend selbst auch zwei der Beschäftigten mit Behinderung.

Ein Inklusionsunternehmen zu gründen war für Guido von Fürstenberg der richtige Schritt. Er ist Regionalleiter der euwatec gGmbH, die mit 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Kreisen Herford, Minden-Lübbecke und Lippe jedes Jahr rund 400 arbeitslose Jugendliche und langzeitarbeitslose Erwachsene weiterqualifiziert. „Wir haben im Rahmen der Maßnahme ,Job Perspektive’ drei Spätaussiedler im Garten- und Landschaftsbau trainiert und gemerkt, dass wir sie gerne auch weiterbeschäftigen würden.“ Nachdem die Förderung ausgelaufen war, entstand die Idee, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Auf der LWL-Messe der Integrationsunternehmen in Münster im Jahr 2012 lernte von Fürstenberg die besondere Unternehmensform kennen. Er entschied kurze Zeit später, eine solche Firma zu gründen, in der 25 bis 50 Prozent der Beschäftigten ein Handicap haben – bei Inklusia sind es sogar 40 Prozent. „Ich habe mich an das LWL-Integrationsamt Westfalen gewandt und innerhalb kürzester Zeit eine fundierte Beratung vom LWL, aber auch von der Handwerkskammer Münster und der Gesellschaft für Innovative Beschäftigungsförderung bekommen. Ebenso schnell kamen auch die finanziellen Zusagen.“

Der LWL fördert Inklusia nun seit April 2012 mit dem Minderleistungsausgleich für die Menschen mit Behinderung und zahlt für den besonderen Betreuungsaufwand. Hinzu kamen Investitionskostenförderungen für Maschinen, Werk- und Fahrzeuge, an denen auch die Stiftung Wohlfahrtspflege und die Aktion Mensch beteiligt sind.

Das Unternehmen muss sich gegen den großen Wettbewerb der Garten- und Landschaftsbauer in der Region durchsetzen, sagt Guido von Fürstenberg. Bei der Qualität der Arbeit darf es für Guido von Fürstenberg keine Unterschiede zu anderen Firmen geben. In dem Sinnesgarten ist das eindeutig zu sehen. Höchst akkurat verlegt das Team die Kantensteine und verteilt das Sand-Zementgemisch für die Wegplatten. Tim Wieprich, der wie alle Beschäftigten mit Behinderungen über ein Praktikum in die Firma gekommen ist, schwitzt immer noch. Aber es scheint ihm nichts auszumachen. „Die Arbeit war früher oft langweilig. Heute macht es mir mehr Spaß, weil ich gefordert bin.“ Er rammt die Schaufel in den Boden. „Und mehr Geld verdiene ich auch.“