Es muss nicht immer Demenz sein
Das Gedächtnis im Test:
Männer wie Markus Wiegand gibt es Hunderttausende. Im Beruf hat er viel Stress. Wiegand kann sich wichtige Termine nicht gut merken. Oft verlegt der Endfünfziger seinen Autoschlüssel. Nun lässt ihn offenbar auch das Gedächtnis im Stich. Vor zwei Wochen vergaß Wiegand den 30. Hochzeitstag. Seine Frau war sauer und sagte, auf ihn sei „sowieso kein Verlass“. Wiegand beschleicht ein ungutes Gefühl. Er denkt jetzt an Alzheimer. Verliert er seinen Geist? Beginnt etwa die Demenz?
Hirnleistungsstörungen möglichst frühzeitig erkennen
Mit seinen Befürchtungen steht der Unternehmer nicht allein. Millionen von Menschen in Deutschland sind vergesslich und machen sich deshalb mit Zunehmendem Alter große Sorgen. Doch kleine Ausfälle und Erinnerungslücken sind nicht immer ein Indiz für eine schwere Erkrankung.
Erst wenn jemand die alltagspraktischen Dinge des Alltagslebens dauerhaft nicht mehr bewältigen kann, werde es ernst, sagt Dr. Bernhard Sibum (50), Leitender Arzt der Abteilung Gerontopsychiatrie im Westfälischen Zentrum Paderborn des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL).
Trotzdem sei es sehr wichtig, Hirnleistungs- störungen möglichst frühzeitig genau zu untersuchen. Denn gerade im Anfangsstadium seien solche Störungen sehr oft noch gut behandelbar. Um eine intensive Frühdiagnostik durchzuführen, gibt es inzwischen in den Kliniken des LWL Anlaufstellen, die sich „Gedächtnis- sprechstunde“, „Gedächtnisambulanz“ oder auf Neudeutsch „Memory-Clinic“ nennen. Hier arbeiten Neurologen, Psychiater, Internisten und Psychologen eng zusammen, um Patienten, die unter Hirnleistungsstörungen leiden, die notwendige Gewissheit zu geben und ihnen gegebenenfalls Rat und Hilfe zu vermitteln.
Durch den Einsatz von genannten psycho- metrischen Tests können die Ärzte heutzutage eine beginnende Alzheimer-Demenz gut diagnostizieren. Bei diesen Tests wird analysiert, wie gut sich die Patienten in Raum und Zeit orientieren können. Klassisch ist der so genannte Uhrentest: Der Patient bekommt eine Uhrzeit vorgegeben und muss dazu eine Uhr mit der passenden Zeigerstellung zeichnen.
Nicht zwangsläufig Alzheimer
Demenzähnliche Krankheitszeichen, wie Geistesverwirrtheit, anhaltende Desorientierung, Vergesslich- und Willenlosigkeit deuten nicht zwangsläufig auf Alzheimer hin. Diese Symptome können auch durch dauerhaften Alkoholkonsum, den Gebrauch illegaler Drogen sowie durch Bluthochdruck oder Depressionen verursacht werden. In diesen Fällen sind die Therapie- chancen häufig recht gut. Depressionen und Bluthochdruck können beispielsweise mit Medikamenten sehr erfolgreich behandelt werden.
Im Falle einer Alzheimer-Demenz, von der unter den 60-Jährigen jeder Zweihundertste, unter den 90-Jährigen bereits jeder Dritte betroffen ist, gibt es heute noch kein Heilmittel. Allerdings ist ein frühes Erkennen auch hier von großem Vorteil. Denn es gibt Medikamente, die die beginnende Alzheimer-Erkrankung verzögern und ihre Symptome lindern können. Leider würden viele Menschen ihre Gedächtniseinbußen, Wortfindungsprobleme oder Konzentrations- störungen „möglichst lange verbergen“, sagt der Paderborner Psychiater Dr. Bernhard Sibum. Sie täten es meistens aus Scham.
Die Schwelle zur Gedächtnissprechstunde zu überwinden sei für viele ein erster, wichtiger Schritt, sagt Sibum. Das Wort „Memory Clinic“ mag er nicht besonders. Es klingt ihm zu sehr nach Krankenhaus. Man wolle ja eine Anlaufstelle sein, die einen Klinikaufenthalt möglichst zu vermeiden oder hinauszuschieben hilft.
Hintergrund: Demenztests im Rahmen von Gedächtnissprechstunden, Gedächtnis- ambulanzen oder so genannten Memory-Kliniken sind wissenschaftlich erprobte und standardisierte Verfahren zur Beurteilung der Gehirnleistung. Studien haben gezeigt, dass damit in 95 Prozent der untersuchten Fälle eine sich anbahnende Erkrankung frühzeitig erkannt werden kann. Außerdem helfen die Tests, eine dementielle Erkrankung etwa von einer Depressionserkrankung oder anderen behandelbaren Krankheitsfaktoren wie zum Beispiel niedrigem Blutdruck oder Flüssig- keitsmangel zu unterscheiden. Auch hierdurch können Gedächtnisstörungen auftreten, wie die Fachleute wissen.
Gedächtnissprechstunden gibt es an jeder der elf erwachsenenpsychiatrischen Kliniken des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL). Sie bieten neben dem notwendigen methodischen Fachwissen einen weiteren Vorteil: Wenn nämlich die Diagnose ‚Demenz’ lautet, werden Betroffene wie auch Angehörige nicht allein gelassen, sondern erfahren eine gründliche Beratung und Hilfe zum Umgang mit der Krankheit.