Das erste Schiffshebewerk-Modell der Welt Leihgabe aus Sachsen für Westfälisches Industriemuseum
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Waltrop (lwl). Im Rahmen der Recherchen für das im Juni erschienene Buch "Schiffslift – die Schiffshebewerke der Welt" ist es Dr. Eckhard Schinkel vom Westfälischen Industriemuseum gelungen, das erste Schiffshebewerk-Modell der Welt als Leihgabe aus den Sammlungen der Technischen Universität / Bergakademie Freiberg in Sachsen zu gewinnen. Bis zum Jahresende ist das Holzmodell aus dem Jahr 1787 im Museum Altes Schiffshebewerk Henrichenburg des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) in Waltrop zu sehen.
Das von Johann Friedrich Mende für ein Schiffshebewerk an der Unstrut (heute Sachsen-Anhalt) gebaute Modell im Maßstab 1:12 wurde zwar nie verwirklicht, war aber eine Vorstudie für das erste ausgeführte Hebewerk, das Rothenfurther Kahnhebehaus in Sachsen.
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Das erste Hebewerk-Modell der Welt aus dem Jahr 1787. Foto: WIM |
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Historische Daten
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Ende 1787 / Anfang 1788
Johann Friedrich Mende führt dem kursächsischen Bergamt in Eisleben ein großes Modell vor: Damit sollen „mäßige 40 bis 50 Centner tragende Fahrzeuge über Wehre, oder von tiefern zu höhern Punkten“ gehoben werden.
20. Juni 1788
Weiterer Bericht Mendes zur Schiffbarmachung der Flüsse Unstrut, Saale, Parthe und Mulde bis zur Elbe
21. Juni 1788
Aufforderung an Mende, "in Dresden, aufm Schlosse, sich einzufinden, um dem Churfürsten die in Eisleben gebrauchte Maschine im Modell zu zeigen. Dies geschah und noch desselben Tages wurde, mittelst besondern Rescripts, dem Maschinendirector Mende aufgetragen Localuntersuchungen in den Gegenden und Flussthälern vorzunehmen wo Schiffahrt eingerichtet werden könne, mit der Weisung, dahin jedoch zu sehen, daß von der Navigations-Idee vor der Zeit nicht zu viel auskäme [d.h.: bekannt würde; Anm. E. Sch.]."
< class=g>Hintergrund-Informationen zum Modell
Wie später beim ausgeführten Rothenfurther Hebehaus sollte auch an der Unstrut ein Höhenunterschied zwischen zwei Kanal- bzw. Stau-Haltungen mit Hilfe eines Hebewerks überwunden werden. Im Unterschied zum ausgeführten Hebehaus hat das Modell an Stelle der seitlichen Kammerwänden aus Stein ein Holzgerüst für die Führungsschienen, auf denen die Hebemaschine waagerecht verfahren wird. Ob seine Statik in dieser Form ausgereicht hätte, den wirklichen Belastungen Stand zu halten, kann man mit Fug und Recht bezweifeln.
Der Vergleich mit dem Balkenwerk des Gradierwerks von Kösen belegt jedoch, dass derartige Probleme zu lösen waren. Das variable Gegengewicht zur Minderung der Handarbeit an der Winde ist - theoretisch betrachtet - eine Weiterentwicklung gegenüber der ausgeführten Winde auf der Hebemaschine, d.h. auf dem Hubwagen, am Rothenfurther Hebehaus. Das Gewicht in Verbindung mit dem Hubwagen am Modell unterstützt seine Horizontal-Bewegung in Richtung Oberwasser.
Warum verschwanden Mendes Vorschläge so spurlos? Waren technische Entwicklung und ökonomischer Nutzen auch beim Unstrut-Projekt nicht aufeinander abgestimmt?
Im Unterschied zu einem neuen Kanalsystem mit stehendem Gewässer sind die Probleme der Schiffshebung bei einem Fluss vielschichtiger und die technischen Lösungen schwieriger. Die Fundamentierung der Konstruktion unter Hochwasserbelastungen, die Gefährdung des fragilen Hochbaus und der Hochwasserabfluss waren zu bedenken. Mende hatte auch dazu Vorschläge eingereicht, blieb jedoch erfolglos. Möglicherweise waren die Mehrkosten zu hoch.
Aber noch ein weiterer Grund mag eine Rolle gespielt haben. Im Unterschied zum Kurprinzer Bergwerkskanal, wo er als Systembauer tätig war, musste sich Mende an der Unstrut in ein vorhandenes System einpassen. Hier gab es bereits Schiffe. In seinem Tätigkeitsbericht vom 7. November 1791 an das Geheime Finanz-Kollegium in Dresden beschreibt Mende, welche er bei seinen Wasserbauarbeiten in welcher Weise einsetzt. Es sind kleinere Schiffe vom Typ "Gille": etwas länger als 21 m und knapp drei Meter breit; aber auch Schiffe "nach dem Muster der schwersten Elbschiffe": etwa 44 m lang und etwas breiter als 5 m mit einer Tragkraft zwischen 45 und 68 Tonnen. Die Gewichte für einen beladenen Kahn beim Rothenfurther Hebehaus betrugen dagegen zwischen 2,5 und 3 Tonnen. Schon diese im Vergleich wesentlich geringeren Lasten und die damit beim Heben und Senken angreifenden dynamischen Reibungskräfte beanspruchten die Rothenfurther Konstruktion stark.
Es wäre interessant, alle vom Rothenfurther Kahnhebehaus bekannten Erfahrungwerte auf die Größendimensionen eines Hebewerks für die Unstrut umzurechnen. Leider sind bisher keine weiteren Quellen zum Unstrut-Projekt bekannt geworden. Mendes Vorschlag für ein Hebewerk an Stelle einer Schleuse war denkbar. Vertretbar war er offensichtlich nicht. Tatsächlich gebaut wurden traditionelle Kammer-Schleusen (nutzbare Länge: 47 m, nutzbare Breite: 5,65 m; größte Schiffe: Länge: 42 m, Breite 5 m). Zwischen 1791 und 1795 wurden zwölf Unstrut-Schleusen fertiggestellt.
Wann diese Entscheidung fiel, wer sie fällte, ist nicht bekannt. Wahrscheinlich hat das Finanz-Kollegium Mendes Vorschlag korrigiert. Wassermangel als ein wichtiger Grund für den Bau eines Hebewerks an Stelle einer Schleuse bestand an der Unstrut nicht. Wenn am Ende des 18. Jahrhunderts ein Hebewerk vielleicht auch kostengünstiger zu bauen war als eine Schleuse, so war letztere wirtschaftlicher zu betreiben und in jedem Fall einfacher und sicherer zu handhaben.
Mendes Ruhm blieb regional begrenzt und bald hatten verbesserte und neue Technik die alte weitgehend abgelöst. An die Stelle von Konstruktionen aus Holz waren die kühneren aus Eisen getreten. Als Trockenhebewerk jedoch, bei dem die Schiffe senkrecht aus dem Wasser gehoben und horizontal befördert werden, fand das Kahnhebehaus Nachfolger im engeren Sinn in den Niederlanden, in Deutschland, in Frankreich und in China und im weiteren Sinn bei den Hubwerken in vielen Häfen der Welt.
Hintergrund-Informationen zu Johann Friedrich Mende
Johann Friedrich Mende wurde am 3. Oktober 1743 als Sohn eines Mühlenbesitzers zu Lebusa in der Niederlausitz geboren.
Von einem Studium der Mathematik in Leipzig riet man ihm ab und empfahl ihn statt dessen an die junge Bergakademie nach Freiberg. Eine Grundlage für die Aufnahme war Mendes "erfinderischer Geist", handwerkliches Geschick stellte er im praktischen Modellbau unter Beweis. 1767 wurde er zum "Kunstmeister" bestellt. Noch im selben Jahr führte ihn eine Studienreise in offiziellem Auftrag in den Harzer Bergbau. Auf der Grundlage eines genau vorgeschriebenen Programms für Besichtigungen und persönliche Begegnungen machte sich der 23-jährige mit der neuesten Maschinen-Technik vertraut.
Mendes Leistungen müssen Gönner und Förderer überzeugt haben. Mit der Verordnung vom 28. Februar 1770 erhielt er als erster in dieser Funktion das Amt eines sächsischen Kunstmeisters bei allen Bergämtern. Von dieser neuen Kontroll-Instanz erwartete die oberste Landesbergbehörde wesentliche Verbesserungen bei den "in elendester Verfassung sich befindenden Bergwerksmaschinen". Am 19. Januar 1788 erfolgte die Ernennung Mendes zum Maschinendirektor.
Die Bedeutung Mendes für die Fortschritte im Maschinenwesen des Bergbaus ist unstrittig, beeindruckend die Vielzahl der Maschinen und technischen Anlagen, die Mende entwickelt hat oder bauen ließ. Der Bergbau im engeren, heutigen Sinn war jedoch nur ein Teil des regionalen Industriesystems. Im Verständnis der Zeit gehörten dazu neben dem Bergbau auch die Energie-Versorgung und der Transport. Infolge dessen lagen in Mendes Verantwortung auch die Planungen und der Bau von Kanälen. Mit oft mehreren Funktionen dienten diese der bergmännischen Wasserhaltung ebenso wie sie den Radwerken und Mühlen Aufschlagwasser zuführten.
Wie ein Civil-Ingenieur verfügte Mende über ein Wissen und die praktischen Fertigkeiten, die neben dem Bergmaschinen-Wesen den Wasserbau einschlossen. Sein bekanntestes Werk auf diesem Gebiet war das System des Kurprinzer Bergwerkskanals zwischen der staatlichen Grube `Churprinz Friedrich August ErbstollnA und der Erzverhüttung in Halsbrücke nahe Freiberg, südwestlich von Dresden. In der kurfürstlichen Anweisung an das Freiberger Oberbergamt vom 15.8.1788 wird die Genehmigung zur Erweiterung eines Kunstgrabens für Zwecke der Schifffahrt und einen kostengünstigen Erz-Transport auf dem Wasserweg erteilt. Eingeschlossen ist "die Anlegung der etwa nötigen Schleusen und Hebezeuge unter des Maschinenmeisters Mendes spezieller Aufsicht".
Am 1. Juli 1798 starb der kurfürstlich sächsische Maschinendirektor Johann Friedrich Mende im Alter von 56 Jahren.
Kontakt: Dr. Eckhard Schinkel, Tel. (0231) 69 61 - 138, e.schinkel@lwl.org |
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Das erste Schiffshebewerk-Modell der Welt (1787) |
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