Karg und verlassen, bizarr und hässlich, aber doch Heimat mit herbem Charme: Mehr als 40 Jahre hat Joachim Schumacher das Revier porträtiert. Schon früh entwickelte er ein sicheres Gespür für die Einzigartigkeit, aber auch für die weitreichende Metamorphose dieser Region. Das LWL-Industriemuseum präsentiert am Standort Zeche Zollern mit finanzieller Unterstützung der Emschergenossenschaft insgesamt 72 Arbeiten aus dem bisherigen Gesamtwerk Schumachers. Sie werden ergänzt durch die Kooperation mit der Dortmunder Galerie Projektraum Fotografie (Dortmund-Dorstfeld, Huckarder Str. 8-12).
Joachim Schumacher hat an der Essener Folkwangschule studiert und gehört zu den Vertretern der sogenannten „New Topographics“. Diese Richtung der Fotografie entstand in den 1970er Jahren in den USA und entwickelte einen neuen, kritischen Blick auf menschen-gemachte Landschaften. Noch während seines Studiums griff Schumacher Impulse auf und darf als einer der frühesten Vertreter der „New Topographics“ in Deutschland gelten.
Das Revier hat den gebürtigen Saarländer von Anfang an fasziniert: „Meine ersten Fotos vom Ruhrgebiet in den 1970er Jahren waren kleine Reportagen, in denen aber die Darstellung der Landschaft schon im Mittelpunkt meines Interesses stand. Als Saarländer kannte ich Schwerindustrie-Landschaften. Was mich hier besonders beeindruckte, war die Dimension des menschlichen Eingriffs in die Landschaft, die Existenz einer absoluten Industrielandschaft“, so Joachim Schumacher.
Gerade die Emscherregion bietet dem Fotografen ein reiches Experimentierfeld: Der Abriss von Altindustrien, die Rückführung von Halden und Mülldeponien, die Verödung der Städte durch Abwanderung und sozialen Niedergang, das oft hilflose Bemühen um Modernisierung und städte-baulichen Neuanfang sowie die Umgestaltung des Emschersystems sind Schumachers vorrangige Themen.
Er dokumentiert, ohne registrierend-dokumentarische Reihen zu erstellen, er klagt nicht offen an, bezieht aber implizit Position. „Schumacher erschafft eigene Bildwirklichkeiten, er sieht das Emscher-Revier für uns neu, so wie wir es noch nicht gesehen haben und fordert uns implizit zu Fragen und Stellungnahmen heraus“, so Museumsleiterin Dr. Ulrike Gilhaus.
Die Ausstellung beginnt mit 40 Schwarz-weiß-Arbeiten aus den 1970er bis 90er-Jahren, die den Industrieabbruch, die Entstehung von Freiflächen und die beginnende Umnutzung behandeln. Dann folgen 32 Farbfotos aus den letzten elf Jahren – alles extreme Querformate. Besonders in den jüngeren Arbeiten thematisiert Schumacher nicht das Spektakuläre, nicht die Vorzeigeobjekte und Postkartenmotive des Ruhrgebiets, sondern die „alltägliche“ Erfahrung von Stadt- bzw. Industrielandschaft. „Hier setze ich den Schwerpunkt nicht auf das Austauschbare, das ich in jeder deutschen Industriestadt finden kann, sondern versuche ein spezifisches Ruhrgebiets-Milieu aufzuspüren, das sich zunehmend auflöst, aber für die Identität der Region noch eine wichtige Rolle spielt“, erläutert der Fotograf.
Schumacher hat an zahlreichen Ausstellungsprojekten mitgewirkt. Beim Fotoprojekt „Bridges“, das die Emscher Genossenschaft jährlich seit 2005 veranstaltet, war er zweimal unter den Preisträgern. Mit seinen Arbeiten ist er außerdem am „Pixelprojekt Ruhrgebiet“ beteiligt.
Die Ausstellung wird finanziell unterstützt von der Emscher Genossenschaft und ergänzt durch die Kooperation mit der Dortmunder Galerie „Projektraum Fotografie“ (www.projektraum-fotografie.de). Unter dem Titel „Joachim Schumacher: Land schafft“ werden dort vom 19. Mai bis 17. Juli 2011 Industrie- und Stadtlandschaften aus dem Ruhrgebiet, dem Saarland und dem Rheinischen Braunkohlerevier gezeigt.
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen (19,90 €)
Bundespräsident Gauck übernimmt Schirmherrschaft
Bundespräsident Joachim Gauck hat die Schirmherrschaft über die Ausstellung übernommmen. Mehr dazu in einer Pressemitteilung der EVZ.
Die nächste Veranstaltung
Do, 14.6. 19 Uhr
Die Entschädigung von NS-Zwangsarbeit am Anfang des 21. Jahrhunderts.
Buchpräsentation von Constantin Goschler, Professor für Zeitgeschichte an der Ruhr-Universität Bochum
Ort: Gedenkstätte Steinwache
Eintritt frei!
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Ausgewählte Pressestimmen zur Ausstellung:
Westdeutsche Allgemeine Zeitung
Vertonte Fotostrecke im Online-Angebot des WDR
Ausstellungseröffnung
Am Sonntag (18.3.) fand auf der Zeche Zollern die Ausstellungseröffnung statt. Unter den mehr als 300 Gästen waren auch die Zeitzeugen und ehemaligen Zwangsarbeiter Gabriela Turant aus Polen (auf dem Foto mit Dieter Gebhard, Vorsitzender der Lanschaftsversammlung), Vera Friedländer und Jean Chaize. Vor allem die Erinnerungen des polnischen KZ-Überlebenden Marian Turski, der als letzter von sechs Rednern die Bühne betrat, bewegten die Zuhörer. Bilder von der Eröffnung finden Sie in unserem Fotoalbum auf Facebook.
Eröffnungsreden
Folgende Reden, mit denen die Ausstellung eröffnet wurde, stehen als PDF zum Download bereit.
Günter Saathoff, Stiftung evz
Dr. Volkhard Knigge, Direktor der Stiftung Buchenwald und Mittelbau-Dora
Dieter Gebhard, Vorsitzender der Landschaftsversammlung des LWL
Ullrich Sierau, Oberbürgermeister der Stadt Dortmund