| |
Geliebt und verspottet - der Gartenzwerg wird 130 Ausstellung auf der Zeche Zollern II/IV
|
 |
|
|
| |
|
|
Von den einen geliebt von den anderen als Ikone deutscher Spießigkeit verspottet: der Gartenzwerg polarisiert wie kaum ein anderer.
Rund 25 Millionen Exemplare stehen allein in Deutschland und jedes Jahr kommen Hunderttausende dazu. Während Kleingärtner eher traditionelle Motive bevorzugen, gewinnen die modernen Modelle, ausgestattet mit Handy, Laptop oder obszönen Gesten ganz neue Käufergruppen. Gartenzwerge als Exhibitionisten, Punks, Scharfrichter oder mit einem Messer im Rücken sind heftig umstritten – ein Kampf zwischen Tradition und Moderne, der nicht selten vor Gericht ausgetragen wird.
Über die Herkunft der Wichtel mit roter Mütze ist nicht viel bekannt. Der Kabarettist Omurca behauptet, das "Männlein aus Ton" sei vor 600 Jahren in Kappadokien erfunden worden und somit der erste türkische Gastarbeiter in Deutschland. Andere vermuten seine Geburtsstätte im thüringischen Gräfenroda, denn dort begann August Heissner 1872 als erster mit der Serienproduktion des "deutschen Hartbrandwichtels". Dieses Datum nehmen wir zum Anlass für eine Wanderausstellung, die Kulturgeschichte, Produktion, Design, Befreier, Beschützer, Anwälte, Ankläger, Freunde und Feinde der Gartenzwerge präsentiert.
Die Ausstellung zeigt u.a.
- Gnome, Trolle und Putten: die Ursprünge und Vorläufer des Gartenzwergs
- vom Gartenhelfer zum Businessman: traditionelle Motive und moderne Varianten
- Standpunkte
- Zwerge vor Gericht
- Herstellungsverfahren
- Designer und Produzenten
- Schutzbewegungen
- Gartenzwerginnen
|
| |
|
Themen der Ausstellung
|
 |
Die gegensätzlichen Einstellungen zum Gartenzwerg sind das zentrale Thema der Ausstellung. Kulturgeschichte wird verbunden mit persönlichen Statements. Besitzerporträts und Standorte zeigen die unterschiedlichsten „Zwergentypen“, denn der Gartenzwerg polarisiert nicht nur sondern vereint auch Gegensätze: er ist Kitsch und Kult, Dekoration und Protest in einem.
Ursprünge und Vorläufer
Zwerge sind in Fabeln und Mythen meist Erd- oder Naturgeister, die mit geheimem Wissen, großen handwerklichen Fähigkeiten und elementaren Kräften dem Menschen behilflich sind. Diese Gnome und Wichtel sind vermutlich Vorbilder des Gartenzwergs. Äußerlich erinnern sie an Illustrationen in frühen Märchenbüchern und die Darstellung von Bergleuten in der romantischen Malerei.
Schon im Barock schmückte der Adel Parkanlagen mit steinernen Miniaturen. Mit der Entwicklung der Schrebergärten beginnen Kleinbürger diese Mode nachzuahmen. Die "Putten des einfachen Mannes" sind Zwerge mit roter Mütze, weißem Bart und freundlichem Gesichtsausdruck. Grüne Gärtnerschürze, Schubkarre und andere Werkzeuge kennzeichnen ihn als fleißigen Helfer und Freund des Menschen. |
| |
|
|
|
Gartenzwerg(innen)-Produktion bei der Firma Philipp Griebel in Gräfenroda (Thüringen)
|
Produzenten und Geschichte
August Heissner begann 1872 in Gräfenroda mit der Serienproduktion des Gartenzwergs, der zunächst als "Gnom" in den Handel kam. Andere Manufakturen folgten. Nachdem der Absatz zwischen 1914 und 1945 stockte, kommt es in den 50er Jahren zu einer Renaissance des Gartenzwergs. Die Plastikindustrie förderte ab den 60er Jahren mit preisgünstigen Varianten die weitere Verbreitung. Doch auch heute noch werden Tonfiguren hergestellt und von Hand bemalt. Sowohl das Rotationsgußverfahren als auch Fertigung von Tonfiguren werden in Bild und Film gezeigt.
Heute gibt es in Deutschland fünf Firmen, die Gartenzwerge in die ganze Welt exportieren. Darunter die Fa. Heissner, die jedes Jahr 700.000 Zwerge in Tschechien produziert, die Firma Griebel, eine der ersten Manufakturen in Thüringen, das Zwergenkaufhaus, Hersteller der umstrittenen und gerichtlich verfolgten "Frustzwerge", die Fa. Liebermann, die seit 1964 Plastikzwerge produziert, sowie das jüngste Unternehmen, Zwergenpower, das über Internet Wunschzwerge vertreibt. Diese Firmen und ihre Produkte werden porträtiert und damit die Geschichte der Gartenzwergproduktion, Absatzländer und –gebiete vorgestellt.
Streitfälle
Kitsch oder Kult? Spießig oder cool? Ton oder Plastik? Traditionell oder modern? Schmuck oder Verschandelung? Der Gartenzwerg wirft viel Fragen auf, z.B. ist ein exhibitionistischer Zwerg kriminell? Ist die Vereidigung von 450 Gartenzwergen eine Verunglimpfung der Bundeswehr? Ist Gartenzwerg ein Schimpfwort?
Gerichtsurteile gegen Gartenzwerge und Schutzbewegungen wie die Internationale Vereinigung zum Schutz der Gartenzwerge (IVZSG) des Baseler Nanologen Friedmann und die in Frankreich aktive "Front zur Befreiung der Gartenzwerge", die Zwerge wieder "auswildert", sind nur einige Beispiele für die Emotionalität der Auseinandersetzungen um den Zwerg. Eine bunte Collage zeigt, dass Spaß und Ernst manchmal sehr eng beieinander liegen.
|
| |
|
|
|
Zipfelige Bücherwürmer aus Thüringen.
|
Standpunkte
Laut einer Umfrage von 1991 freut sich durchschnittlich jeder 2. zwischen 18 und 59 Jahren über einen Gartenzwerg. Die Ablehnung steigt mit dem Ausbildungsniveau und dem Einkommen und sie ist am höchsten in Großstädten. Doch die Produzenten bieten inzwischen auch Modelle für diese Zielgruppe. "Zwergenhasser" und "intelektuelle Verneiner" können z.B. mit erdolchten Zwergen ihre Nachbarn provozieren und Protest ausdrücken. Dem kreativen Individualisten eröffnen Rohformen jede Möglichkeit und Liebhaber des "klassischen" Gartenzwergs können unter rund 150 Modellen auswählen. So hat der Markt für jeden Zweck das Richtige. Ob Kleingarten oder Loft, der Zwerg findet immer einen Platz und verrät uns etwas über seinen Besitzer. Aufnahmen von Gartenzwergstandorten dokumentieren verschiedene Standpunkte, in denen der Besucher auch seinen Klischees und Vorstellungen begegnet.
Die Gretchenfrage
In der Werkstatt wird das Serienprodukt mit persönlichen Einstellungen des Besuchers konfrontiert, denn hier stellt sich ihm die Gretchenfrage: Wie hältst Du’s mit dem Zwerg? Hunderte von unbemalten Exemplaren warten auf Farbe und Persönlichkeit. Im Laufe der Ausstellung verwandelt sich das Warenlager in eine lebendige Inszenierung ...
Konzept und Realisation: Rücker & Szatmary, Berlin, Juni 2001
Geliebt und verspottet - der Gartenzwerg wird 130
Sonderausstellung im Westfälischen Industriemuseum Zeche Zollern II/IV, Grubenweg 5, in Dortmund-Bövinghausen
15. September bis 3. November 2002
Öffnungszeiten: Di - So 10 - 18 Uhr (letzter Einlass 17.30 Uhr)
|
| |
|