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Wilhelms Arbeitstag in der Textilfabrik
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Für Schülerinnen und Schüler der Klassen 6 - 8
Gruppenstärke: max. 20 Kinder
Dauer: 2 Std.
Zielvorstellungen:
In Anlehnung an Artikel 7 unserer Landesverfassung sollen sowohl Unterricht als auch die daran anknüpfenden museumspädagogischen Exkursionen die Schüler und Schülerinnen für eine Parteinahme für soziale Gerechtigkeit und Menschenwürde sensibilisieren.
Gerade die museumspädagogischen Programme im Textilmuseum, die die Verhältnisse des Zeitalters der Industrialisierung widerspiegeln, bieten vielfältige Möglichkeiten, die Chancen der Erhaltung gesellschaftlicher Ressourcen ebenso wie die Bedeutung abhängiger Arbeitsbedingungen im Sinne der Verwirklichung von heute selbstverständlichen Grundrechten zu reflektieren.
Das leitende Erkenntnisinteresse des Programms sollte daher durch das Streben nach Humanität in einer sich wandelnden Berufs- und Arbeitswelt bestimmt sein.
Im Sinne der Gegenwarts- und Zukunftsorientierung des Geschichtsunterrichts bestehen überdies vielfältige Bezüge zur in den Richtlinien geforderten Berufswahlorientierung sowie zur Umwelt- und Gesundheitserziehung.
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Kurzbeschreibung des Programms
"Wilhelms Arbeitstag in der Fabrik" ist ein museumspädagogisches Programm zur Alltagsgeschichte westfälischer Textilarbeiter um die Jahrhundertwende. Der alltagsgeschichtliche Blickwinkel soll die Industrielle Revolution und die Soziale Frage beleuchten und dabei den wichtigen Aspekt historischen Lernens erfüllen, die Handlungs- und Denkmuster der „kleinen Leute" greifbar zu machen. Dieses Programm setzt sich zum Ziel, Aspekte der Alltagswelt eines jugendlichen Fabrikwebers um 1900 zu erleben.
Alltagsgegenstände als Ausgangspunkt für aktives, selbständiges Lernen führen in diesem Programm in die Themen Wohnen, Ernährung, Arbeit und Gesundheit ein. Die Schüler erforschen arbeitsteilig das alltägliche Umfeld der Gegenstände „vor Ort" . Sie entwickeln im Arbeiterhaus und im Websaal mit Hilfe von Museumsobjekten und Quellentexten Situationen aus dem Alltag der Fabrikweber. Praktische Erprobungen innerhalb dieser Situationen machen Alltagsgeschichte anschaulich.
Das Programm eignet sich als Einführungsprogramm besonders für den Erstbesuch im Bocholter Textilmuseum. Eine Einbindung des Museumsbesuchs in eine Unterrichtsreihe erscheint zwar wünschenswert, ist jedoch keine Voraussetzung für das Programm.
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Skizzierter Programmverlauf
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1. Vorstellung und Erfassung der Alltagsgegenstände
Im Maschinenraum des Museums setzen sich die Schüler zu Beginn des Programms zusammen. Ihnen werden die Alltagsgegenstände Waschschüssel, Kartoffelkorb, Stempelkarte und Webschützen vorgestellt, die den typischen Arbeitstag eines Fabrikwebers verkörpern:
Die Waschschüssel symbolisiert die morgendliche Wäsche, damals natürlich mit kaltem Wasser, weit entfernt von unseren heutigen Vorstellungen von Sanitärkomfort.
Die Stempelkarte symbolisiert die strenge Fabrikdisziplin und die systematische Kontrolle der Pünktlichkeit der Arbeiter.
Der Webschützen verkörpert die Arbeitsbedingungen im Websaal. Der ohrenbetäubende Lärm der Webmaschinen musste von den Arbeitern ebenso ertragen werden wie der beim Weben entstehende, alles durchdringende Staub. Die Schüler sollen also Arbeitsbedingungen erfassen, die weit von unseren heutigen Vorstellungen von Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit entfernt waren.
Der Kartoffelkorb symbolisiert die Notwendigkeit der Selbstversorgung angesichts knapper Löhne.
Das bedeutete, dass die Arbeiter nach den langen Stunden der Fabrikarbeit sich nicht etwa ausruhen konnten, sondern vielmehr weiterhin hart arbeiten mussten, um ihren Speiseplan etwas abwechslungsreicher gestalten zu können.
Der Einstieg in das Gespräch soll:
- das Interesse der Schüler an diesen Gegenständen wecken bzw. fördern.
- mögliche Alltagserfahrungen der Schüler mit diesen Gegenständen in das Gespräch einbeziehen.
Möglicher Impuls:
Der Name dieses jugendlichen Arbeiters ist heute nicht mehr bekannt. Wir könnten ihn „Wilhelm" nennen, ein damals gebräuchlicher Name. (Foto: siehe oben)
2. Erarbeitungsphase
Für die nun anschließende Phase bilden die Schüler vier Arbeitsgruppen. Jede Gruppe sucht sich einen Alltagsgegenstand aus und erhält entsprechende Arbeitsbögen.
Ziel dieser Gruppenarbeit ist das selbständige Erforschen des alltagsgeschichtlichen Umfeldes der Gegenstände.
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Gruppe I |
Gruppe II |
Gruppe III |
Gruppe IV |
| Alltagsgegenstand |
Waschschüssel |
Stempelkarte |
Webschützen |
Kartoffelkorb |
| Thema |
Arbeiterwohnen |
Fabrikdisziplin |
Arbeitsplatz Webstuhl |
Ernährung |
| Ort |
Arbeiterdoppelhaus |
Websaal |
Websaal |
Arbeitergarten |
| Schwerpunkte |
Wohnen im Arbeiterdoppelhaus: Hygiene |
Reglementierung in der Fabrik: Arbeitskontrolle und Fabrikordnung |
Arbeit am Webstuhl: Unfallgefahren und Gesundheitsgefährdung |
Ernährung im Arbeiterhaushalt: Existenzsicherung durch Selbstversorgung |
| Ziele |
Die Schüler entdecken Aspekte der Wohn- und Lebensverhältnisse im Arbeiterhaus |
Die Schüler erkunden Ursache und Wirkung der Fabrikdisziplin |
Die Schüler erforschen Arbeitsbedingungen am mechanischen Webstuhl |
Die Schüler erforschen Vor- und Nachteile des Arbeitergartens für die Arbeiterfamilie |
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3. Rundgang und Präsentation der Gruppenergebnisse
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Nach der Gruppenarbeit treffen sich die Schüler vor dem Arbeiterhaus des Museums. Ziel des anschließenden Museumsgangs ist die Rekonstruktion eines Arbeitstages eines Fabrikwebers um die Jahrhundertwende.
Wie sah ein Arbeitstag in Wilhelms Leben aus?
3.1 Morgendliche Situation in der Wohnküche
thematischer Schwerpunkt: Wohn- und Lebensverhältnisse im Arbeiterhaus
Durchführung
Vor den Schlafkammern des Arbeiterhauses liest ein Schüler der Gruppe I den erweiterten Text von Seite 10 des Arbeitsbogens (So könnte Wilhelms Arbeitstag begonnen haben...).
Die Erprobung der Waschschüssel „vor Ort" beantwortet folgende Fragen:
- Wie wurde das Arbeiterhaus mit Wasser versorgt?
- Warum wusch man sich in der Wohnküche?
- Wohin gelangten die Abwässer?
Entsprechend der Altersstufe der Schüler können folgende Schwerpunkte entwickelt werden:
Klasse 6 und 7:
Zentraler Lebensraum Wohnküche
(Körperhygiene, Kochen, Essen, Wäsche trocknen, Spielen usw. Bevölkerungswachstum)
Klasse 8:
Trinkwasserverschmutzung und Gesundheitsgefährdung
3.2 Morgendliche Situation an der Stempeluhr
thematischer Schwerpunkt: Fabrikdisziplin
Durchführung:
Im Websaal des Museums erproben die Schüler die Stempeluhr. In Verbindung mit der Stempelkarte wird die systematische Kontrolle der Pünktlichkeit der Arbeiter deutlich. Dies wird durch das Vorlesen aus der Fabrikordnung (Arbeitszeiten, Ordnungsstrafen bei Verspätungen ...) ergänzt.
Weiterhin wird die Kontrollfunktion des Pförtners und der Meisterbude erörtert.
Entsprechend der Altersstufe der Schüler können folgende Schwerpunkte entwickelt werden:
Klasse 6 und 7:
- Vergleich der Arbeitszeiten damals - heute
- Wirkung der Disziplinierung durch Ordnungsstrafen
Klasse 8:
- Ursache und Wirkung der Fabrikdisziplin
Fabrikant: ökonomisches Interesse
Arbeiter: fremdbestimmter Zeitrhythmus durch Maschinenarbeit |
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3.3. Situation am Arbeitsplatz Webstuhl
thematischer Schwerpunkt: Arbeitsbedingungen / Gesundheitsgefährdungen
Durchführung:
Die Schüler erleben einen mechanischen Webstuhl in Funktion. Die Lärmbelastung am Arbeitsplatz Webstuhl wird deutlich, die Lärmquelle (Schützenschlag) wird untersucht.
Dabei erörtern die Schüler Unfallgefährdungen und Unfallschutz. Sie haben auch die Möglichkeit, das Putzen eines Webstuhls praktisch zu erproben.
Entsprechend der Altersstufe können folgende Schwerpunkte entwickelt werden:
Klasse 6 und 7:
Webergang - Gefahr, in die Mechanik eines Webstuhls zu geraten.
Interesse des Fabrikanten <-> Unfallschutz
Klasse 8:
technischer Fortschritt an den Webstühlen (Kettfadenwächter, Automatisierung des Schuss-Spulenwechsels ...), veränderte Arbeitsbedingungen, ohne diese grundlegend zu verbessern. Schüler haben die Möglichkeit, das Putzen eines Webstuhls praktisch zu erproben.
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3.4. Situation im Arbeitergarten
thematischer Schwerpunkt: Existenzsicherung durch Selbstversorgung
Impuls:
Lektüre eines Quellentextes: (Auf die Frage: Was würden Sie sich anschaffen, wenn Sie das nötige Geld hätten, antwortete ein Textilarbeiter 1912 ...).
Die Schüler erforschen Vor- und Nachteile des Gartens für die Arbeiterfamilie.
Dabei können folgende Schwerpunkte entwickelt werden:
Klasse 6 und 7:
Vorteil: Existenzsicherung
Nachteil: zusätzliche Arbeitsbelastung
Klasse 8 und 9:
Fabrikbesitzer bindet den Arbeiter an die Fabrik
Arbeiter haben kaum Zeit, über ihre Situation nachzudenken - Entpolitisierung
Praktische Durchführung:
Eine Arbeit, die besonders Jugendliche nach der Arbeit in der Fabrik zu verrichten hatten, war das Holzhacken.
Schüler haben die Möglichkeit, diese Arbeit am Sägebock zu erproben.
Text und Idee: Hans-Jürgen Schürenkamp
Fachwissenschaftliche Beratung: Westfälisches Industriemuseum
Redaktion: Referat für Museumspädagogik
Fotonachweis: Landesbildstelle Westfalen (H. Beckhaus)
© 1993 Landschaftsverband Westfalen-Lippe
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