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Kesselexplosion in der Textilfabrik
Für Schülerinnen und Schüler der Klassen 6 - 9
Gruppenstärke: max. 20 Kinder
Dauer: 2 Std.

Zielvorstellungen:

In Anlehnung an Artikel 7 unserer Landesverfassung sollen sowohl Unterricht als auch die daran anknüpfenden museumspädagogischen Exkursionen die Schüler und Schülerinnen für eine Parteinahme für soziale Gerechtigkeit und Menschenwürde sensibilisieren.
Gerade die museumspädagogischen Programme im Textilmuseum, die die Verhältnisse des Zeitalters der Industrialisierung widerspiegeln, bieten vielfältige Möglichkeiten, die Chancen der Erhaltung gesellschaftlicher Ressourcen ebenso wie die Bedeutung abhängiger Arbeitsbedingungen im Sinne der Verwirklichung von heute selbstverständlichen Grundrechten zu reflektieren.
Das leitende Erkenntnisinteresse des Programms sollte daher durch das Streben nach Humanität in einer sich wandelnden Berufs- und Arbeitswelt bestimmt sein.
Im Sinne der Gegenwarts- und Zukunftsorientierung des Geschichtsunterrichtes bestehen überdies vielfältige Bezüge zur in den Richtlinien geforderten Berufswahlorientierung sowie zur Umwelt- und Gesundheitserziehung.

Kurzbeschreibung des Programms

In diesem museumspädagogischen Programm erkunden die Schüler selbständig ökonomische und soziale Strukturen der Arbeitswelt einer Textilfabrik um die Jahrhundertwende aus einem alltagsgeschichtlichen Blickwinkel. Neben den technischen Abhängigkeiten von Kesselbetrieb, Dampfmaschine und mechanischem Webstuhl lernen die Schüler die Arbeitsbedingungen eines Heizers, eines Maschinisten und der Weber in einer Textilfabrik um 1900 kennen. An dem Fallbeispiel einer Kesselexplosion werden exemplarisch ökonomische Interessen und deren Wirkung auf die Arbeitsbedingungen in einer Fabrik deutlich.
Ein unregelmäßig befeuerter Dampfkessel verursachte Betriebsstörungen, die selbst für den Weber Lohnkürzungen zur Folge hatten. Zur Leistungssteigerung wurde ein Sicherheitsventil ohne Rücksicht auf Verluste manipulier, was eine Kesselexplosion zur Folge haben konnte. Hier könnten auch Gegenwartsbezüge hergestellt werden, indem nach Parallelen zwischen dem Zeitalter der Industrialisierung und heutigen Tendenzen einer globalisierten Ökonomie gefragt wird.

Skizzierter Programmverlauf

1. Die Einführung in Darstellung und Zielsetzung des Museums ermöglicht den Schülern eine zeitliche Einordnung der musealen Inszenierung.

2. Durch eine Spurensuche am nicht restaurierten Dampfkessel des Museums entdecken die Schüler Zusammenhänge, die auf die Funktion des Kessels schließen lassen (Erprobung einer differenzierten Wahrnehmung der Museumsgegenstände).

3. In Gruppenarbeit erkunden die Schüler den Arbeitsplatz des Heizers, des Maschinisten und der Weber. Aufgabe der Gruppe ist es, Medien zu erstellen, mit deren Hilfe sie ihren Mitschülerinnen und Mitschülern ihre Arbeitsergebnisse vorstellen (Schautafeln, Modelle, Interviews).

4. Während des Rundgangs (Kesselhaus, Maschinenhaus, Websaal) erarbeiten die Schüler die technische Verflechtung der Arbeitsplätze und deren Wirkung auf die Arbeitsbedingungen in einer Textilfabrik.

5. Im Kesselhaus des Museums rekonstruieren die Schüler eine Alltagssituation, in der zur Leistungssteigerung der Dampfmaschine das Sicherheitsventil eines Kessels manipuliert wurde.

6. In einem Museumsgespräch beurteilen die Schüler aus unterschiedlicher Sicht die Mitverantwortung der beteiligten Personen an einer möglichen Kesselexplosion.

Beschreibung des Programmverlaufs

1. Einführung in Darstellung und Zielsetzung des Museums

- "Museumsfabrik", gebaut nach historischen Vorbildern mit einem historischen Maschinenpark
- zeitliche Einordnung: museale Inszenierung einer kleineren Textilfabrik um die Jahrhundertwende
- Zielsetzung des Museums: Reflexion der Alltagswelt in einer Textilfabrik um 1900 mit dem Ziel, Besucher unter Herstellung vielfältiger Gegenwartsbezüge im Sinne eines Strebens nach Humanität in einer sich wandelnden Arbeitswelt zu sensibilisieren.
 
Querschnitt durch einen Dampfkessel


2. Museumsgegenstand Dampfkessel - Spurensuche

"Wie könnt ihr mit diesem Museumsgegenstand etwas über den Alltag der Fabrikarbeiter vor rund 100 Jahren erfahren? Die Schüler entdecken Einzelheiten des Dampfkessels wie z. B. das Baujahr, Feuerungsroste, Kesselstein in den Dampfleitungen.
 
3. Der Arbeitsplatz des Heizers, des Maschinisten und der Weber
Für die folgenden Gruppenarbeit werden 6 Gruppen gebildet.

 
Ort Gruppe Thema Medien
Arbeitsplatz des Heizers Gruppe I Funktion des Dampfkessels Schautafel
Gruppe II Sicherheit im Kesselhaus Schautafel
Arbeitsplatz des Maschinisten Gruppe I Funktion der Dampfmaschine Schautafel
Gruppe II Damfpkessel und Dampfmaschine Modell
Arbeitsplatz der Weber Gruppe I Der Webvorgang Handwebstuhl
Gruppe II Arbeitsbedingungen der Weber Webschützen
 
Jede Gruppe erhält eine Aufgabenkarte und findet an ihrem Untersuchungsort neben den oben genannten Medien Informationsblätter, mit deren Hilfe sie die Aufgaben der Gruppenarbeit selbständig lösen.

4. Technische Abhängigkeiten prägen Arbeitsbedingungen

In einem Rundgang (Kesselhaus, Maschinenhaus, Websaal) stellen die Schüler ihre Ergebnisse vor.

Station Kesselhaus

- Mit Hilfe der Schautafel (Funktionsskizze des Dampfkessels) erklären die SchülerInnen ihren Mitschülern die Funktion eines Kessels.
"Welches Prinzip macht man sich bei dem Dampfkessel zu Nutzen?"
- An dem Dampfkessel des Museums erklärt die Gruppe II die Aufgabe eines Druckmessers und eines Sicherheitsventils (Sicherheit im Kesselhaus).
"Welche Folgen konnte ein defektes Sicherheitsventil haben?"
- Aus den technischen Zusammenhängen erarbeiten die SchülerInnen die Aufgaben (Feuerung des Kessels, Überprüfen des Dampfdrucks) und Arbeitsbedingungen des Heizers.

Station Maschinenhaus

- Mit Hilfe der Schautafel erklären die SchülerInnen ihren Mitschülern die Funktion einer Dampfmaschine.
- Das Dampfmaschinenmodell wird von der Gruppe II in Gang gesetzt. Die technischen Zusammenhänge zwischen Kessel und Dampfmaschine werden am Modell erarbeitet.
- Aufgaben und Arbeitsbedingungen des Maschinisten.

Station Websaal

- Mit Hilfe des Handwebstuhls erklären die SchülerInnen ihren Mitschülern den Webvorgang.
- SchülerInnen führen ein Interview mit dem Maschinenvorführer im Websaal, bei dem Aufgaben und Arbeitsbedingungen der Weber um 1900 deutlich werden.

5. Rekonstruktion einer Szene aus einem Kesselhaus

Die Schüler lesen mit verteilten Rollen eine Szene aus einem Kesselhaus.
Inhalt: Nachdem in einer Weberei 24 zusätzliche Webstühle in Betrieb genommen wurden, reicht die Kraft der Dampfmaschine nicht mehr aus, um alle Webstühle anzutreiben. Eine Manipulation des Sicherheitsventils erhöht den Dampfdruck im Kessel und führt zu einer Leistungssteigerung der Dampfmaschine. Mit der Manipulation des Sicherheitsventils wächst jedoch die Gefahr einer Kesselexplosion.

6. Schülerdiskussion im Maschinenhaus
In einem abschließenden Gespräch wird aus der Sicht eines Heizers, eines Webers und eines Fabrikanten nach den Gründen für ihre jeweilige Handlungsweise gefragt. Insbesondere steht die Frage nach der Verantwortung für die Kesselexplosion und ihre Folgen im Mittelpunkt des Gesprächs.
Diese Diskussion kann an die eigene Betroffenheit der Schüler mit der Frage anknüpfen, wie sie sich in den jeweiligen Rollen verhalten hätten.

Impuls: Spiel einer „Gerichtssituation"- Schüler sollen sich in die Lage eines angeklagten Heizers versetzen.


Landschaftsverband Westfalen-Lippe
Landesbildstelle Westfalen
Referat für Museumspädagogik
Text und Idee: Hans Jürgen Schürenkamp