Bibliothek Westfalica

Paul Zech

 

Geboren am 19. Februar 1881 in Briesen bei Torún (Thron) in Westpreußen als Sohn eines Landschullehrers. Zech verbrachte seine Jugend bei bäuerlichen Verwandten im Bergischen Land auf der Grenzscheide zwischen westfälischer und rheinischer Kultur, zwischen eigenwilligem Bauerntum und aufstrebender Industrie, in der Landschaft bewaldeter Höhenzüge, schmaler Wiesengurte und steiniger Äcker. (Selbstzeugnis) Schulbesuch in Wuppertal-Elberfeld. Anschließend verlebte er rastlose Lehr- und Wanderjahre als Frabrikarbeiter und Konditor in Elberfeld und Barmen und als Bergmann in den bergischen Kohlenschächten. Anschließend nicht abgeschlossenes Studium in Bonn, Heidelberg und Zürich. Ab 1900 Journalist in Elberfeld. 1901 Kontakte zu französischen Sozialisten und Dichtern in Paris. Aus sozialem Idealismus arbeitete er 1902/03 als Berg- und Metallarbeiter in belgischen und nordfranzösischen Bergwerken. Reisen nach England und Skandinavien. Nach seiner Heirat 1904 bis 1909 Arbeit in Bergwerken in Bottrop und Hamm. 1910 in Paris Bekanntschaft mit Stefan Zweig und Emile Verhaeren. Auf Anraten Else Lasker-Schülers Umzug nach Berlin. Von 1913 bis 1923 Herausgabe der Zeitschrift Das neue Pathos. 1913 erschien die völlig überarbeitete Ausgabe seines erstmals 1909 als Privatdruck erschienenen Gedichtbands "Das schwarze Revier" [...], eine expressive Verarbeitung eigener Erlebnisse in der Arbeitswelt der Berg- und Hüttenwerke mit deutl. Sympathie für die Arbeiter, doch ohne pol. Tendenz. Auch in seinem Gedichtband "Die eiserne Brücke" [...] werden seinen suggestiv beschworenen Industrie- und Großstadtszenarien oft natürl. Landschaften gegenübergestellt. In der Natur sah Z. einen Gegenpol zur Industrie, in der "Verbrüderung" [...] der Menschen die einzige Möglichkeit zur Lösung sozialer Konflikte. (Killy-Literaturlexikon)
Von 1915 bis 1918 Soldat an der Westfront. Mehrere Antikriegsbücher. 1918 Kleist-Preis aus der Hand von Heinrich Mann. 1918/1919 Tätigkeit als Leiter des Werbedienstes der jungen deutschen Republik. Er versuchte sich mit mäßigem Erfolg als Dramaturg und Bühnenautor. Seinen größten Erfolg als Dramatiker hatte Z. 1926 mit der Berliner Aufführung seines Rimbaud-Stückes "Das trunkene Schiff" (Lpz. 1924) unter der Regie von Erwin Piscator im Bühnenbild von George Grosz. Zwischen 1918 und 1930 war Z. ein populärer und anerkannter Autor. Dazu trugen auch seine sprachgewaltigen Übertragungen von Rimbaud und Villon bei. (Killy-Literaturlexikon) In der wegweisenden Anthologie Menschheitsdämmerung von 1920 war er mit zwölf Gedichten vertreten. Er wurde nun nicht mehr als Arbeiterdichter klassifiziert, sondern den Expressionisten zugerechnet. 1925 bis 1933 Tätigkeit als wissenschaftlicher Bibliothekar an der Stadtbibliothek in Berlin. 1933 vorübergehende Inhaftierung in Spandau. Flucht über Prag und Paris nach Südamerika. Er lebte in Argentinien in ärmlichen Verhältnissen und war Mitarbeiter von Exilzeitschriften und trat für den kommunistischen Widerstand ein. Er starb am 7. September 1946 in Buenos Aires, bevor er die geplante Rückkehr nach Deutschland verwirklichen konnte.
Er war mit Else Lasker-Schüler, Richard Dehmel, Georg Heym und vielen Autoren des "Sturm"-Kreises bekannt. Freundschaft verband ihn u.a. mit Peter Hille.
Z. war einer der produktivsten Schriftsteller seiner Zeit. Sein Werk umfasst etwa 30 Gedichtbände, 14 Erzählbände, 8 Romane, 28 Dramen, zahlreiche Essays und Hunderte von Nachdichtungen. Dennoch hat ihm sein z.T. noch unveröffentlichtes Werk weder einen festen Platz im literarischen Kanon gesichert noch hat es spürbare Nachwirkungen gehabt. (ebd.) Oft als Expressionist oder Arbeiterdichter eingestuft, zeigt Zech in seinen metrisch sicheren, sinnlich-pathetischen Landschaftsgedichten realistische Tendenzen, die ihn auch in die Nähe der modernen Naturlyriker rücken. In eindrucksvollen Sonetten und Balladen schildert er den fatalen Zwiespalt zwischen Natur und Industriewelt und beschwört das erlösende Ideal der Einheit aller Lebewesen. (Smith 1984) Zech hat sich aus ähnlichen Gründen wie Hermann Löns, aber mit größerem Recht zu westfälischer Herkunft bekannt: Wenn der Autor seine gefühlsmäßige Doppelbindung an Natur und bäuerliches Leben einerseits, an den -lebenslang aber negativ gesehenen - Komplex von Industrie, Großstadt und Technik andererseits mit seinen Ahnen aus Bauernstand und Kohlenbergbau Westfalens begründet, so ist das eher eine Privatmythologie; aber die Erlebnisse einer zweijährigen "Gastarbeiter"-Zeit als Kohlenhauer im Ruhrgebiet (und in Belgien) haben sein Dichten in der Tat nachhaltig geprägt.
Zechs frühe Arbeiten - es sind in dieser zeit noch einige mehr, darunter auch der den Opfern des Kohlenbergbaus gewidmete eindrucksvolle Novellenband "Der schwarze Baal" (1917, überarbeitet 1919) - zeigen den Dichter zum Teil in neuromantischen Bahnen; seine Verehrung für Rilke hat er schon 1912 und auch später immer wieder bekannt. Doch wurde er damals, wohl wegen der Formstrenge der frühen Gedichte, auch mit Stefan George in Verbindung gebracht. Aber vom Ethos wie von der formal überzeugendsten Leistung her gehört Zech weder zu den subjektivistischen Überwindern des Naturalismus, die vor allem den Schwingungen der eigenen Seele nachlauschen, noch zu den Schöpfern und Vertretern reiner Wortkunst, sondern - darin nicht anders als die "Werkleute" - zu den expressionistischen Nachfolgern und Vollendern der ethisch-idealistischen Dichtung um die Jahrhundertwende.
(von Heydebrand 1983)
Pseudonyme: Timm Borah; Paul Robert; Karl Herb.