Bibliothek Westfalica

Josef Winckler

 

Geboren am 7. Juli 1881 auf der Saline Gottesgabe in Bentlage (heute Rheine) als Sohn des Salineninspektors. Nachdem der Vater seine Stellung in Rheine verloren und in Marburg eine ehrenamtliche Stellung angenommen hatte, zog die Mutter mit den Kindern 1886 nach Ibbenbüren und 1889 zu ihren Eltern nach Hopsten. Hier verbrachte Winckler seine Kinder- und frühen Jugendjahre bis 1894, als die wiedervereinte Familie nach Kempten am Niederrhein übersiedelte. Besuch der Rektoratsschule in Hopsten und verschiedener Gymnasien in Kempten und Krefeld. 1901 Unterprimarreife. Von 1902 bis 1905 Studium der Zahnmedizin an der Universität Bonn. 1906 Examen und Approbation. Von 1907 bis 1921 führte er eine Zahnarztpraxis in Moers, Niederrhein, mit einer Knappschaftszweigstelle im benachbarten Homberg. Seit 1921 wirkte er als freier Schriftsteller. In Westfalen geboren, verbrachte Winckler die meiste Zeit seines Lebens im Rheinland (seit 1894). Dennoch blieb sein Werk vor allem auf seine westfälischen Ursprünge hin konzentriert, was sicherlich in den Erfolgen seiner Westfalenbücher Der tolle Bomberg. Ein westfälischer Schelmenroman und Pumpernickel. Menschen und Geschichten um Haus Nyland begründet ist. 1904 trat er mit seinen Studienfreunden Jakob Kneip und Wilhelm Vershofen erstmals vor die literarische Öffentlichkeit. 1911/1912 war er Mitbegründer der Werkleute auf Haus Nyland. Seine Eisernen Sonette, die zunächst in der Werkleute-Zeitschrift Quadriga und 1914 im Insel-Verlag erschienen, wirkten schulebildend für eine neue, sehr eindrucksvolle Art der Darstellung industrieller Arbeitswelt (von Heydebrand 1983) und bildeten die erste geschlossene Industriedichtung. Winckler behandelt darin die Industrie- und Arbeitswelt wie ein traditionelles Sujet des klassisch-romantischen Gedichts. Er "vergeistigte" und "beseelte" die Sphäre der industriellen Produktion. Damit schaffte Winckler seinen ersten literarischen Durchbruch. Die Freundschaft mit dem Schriftsteller Richard Dehmel führte ihn zudem in einen Kreis ein, der sein Zentrum im Dehmel-Haus in Hamburg-Blankenese fand. Die Werkleute bildeten eine Avantgarde der Industriedichtung, die das Sujet Arbeit als Ausdrucksmittel der lyrischen Kunst in die bürgerliche Rezeption einführte. Daß die realen Gegebenheiten des industriellen Arbeitsprozesses dabei ausgeklammert werden mußten, um die angestrebte Ästhetisierung mit den Mitteln der Kunst zu erreichen, zeigt sich sowohl in den Werken Wincklers als auch Heinrich Lerschs, Paul Zechs oder Otto Wohlgemuths.
Wie die meisten Schriftsteller seiner Generation begeisterte sich Winckler für die reinigende Kraft des beginnenden Ersten Weltkrieges und begleitete die Kriegsjahre durch affirmative Kriegslyrik. Zwischen 1914 und 1918 beteiligte er sich mit zahlreichen Gedichten und drei Lyrikbänden an der propagandistischen Unterstützung des Krieges, ohne allerdings selbst Kriegsteilnehmer gewesen zu sein.
Nach dem Ende des Krieges und der Auflösung des alten Wertesystems setzte eine literarische Umorientierung Wincklers ein. Sein Versuch, sich stärker auf seinen Beruf als Zahnarzt zu konzentrieren, scheiterte schon nach einem Jahr. Obwohl Winckler seine Zahnarztpraxen in Homberg und Moers nominell bis 1925 aufrechterhielt, ließ er sich zu Anfang der zwanziger Jahre immer häufiger vertreten. Er hatte sich nun für den Beruf des Schriftstellers entschieden und arbeitete systematisch am Aufbau seiner literarischen Karriere. Seinen Durchbruch erzielte er 1923 mit dem Roman Der tolle Bomberg. Während Winckler sich bis dahin fast ausschließlich mit Themen der Industriewelt beschäftigt hatte, griff er nun heimat- bzw. regionalverbundene Themen auf. Der volkstümlich-anekdotische Erfolgsroman ermöglichte ihm weitere finanzielle Unabhängigkeit. Winckler war einer der wohlhabendsten rheinisch-westfälischen Schriftsteller seiner Generation. Sein politisches Engagement während dieser Jahre blieb bis auf wenige Ausnahmen auf den literarischen Bereich beschränkt. Seine heiteren Dichtungen und Nacherzählungen von Gehörtem ließen ihn im Laufe der 20er Jahre zu einem "westfälischen" Dichter (von Heydebrand 1983) werden. Die Jahre zwischen 1933 und 1945 überstand er durch Anpassung an die vorgegebene Kulturnorm. Als national- und anti-republikanisch denkender Schriftsteller begrüßte er die apostrophierte nationale Regierung und erhoffte sich eine zusätzliche Unterstützung seines volkstümlichen Werkes. Es fehlen allerdings die allgemein üblichen politischen Bekenntnisse für das System. Einzig seine zum Teil übertriebene Anpassungsbereitschaft, die Mitarbeit an der Kulturfassade des Dritten Reichs (Thomas Mann) und die Widmung des Großschiebers: Nach vierzehn Jahren der Verwilderung in der Stunde des Aufbruchs sowie das im April 1933 geänderte Schlusskapitel des Buches, in dem er der veränderten politischen Lage Rechnung trug, können Winckler zum Vorwurf gemacht werden. Da er aber im Sinne der nationalsozialistischen Rassengesetzgebung mit einer Jüdin verheiratet war, mußte er durch sein Werk und in seinen Briefen Wohlverhalten dokumentieren, um seine Frau vor der rassischen Verfolgung zu schützen, bis sie noch 1943 mit Sondergenehmigung in die Schweiz ausreisen durfte.
In der frühen Bundesrepublik gehörte er bald wieder zu den aktiven Schriftstellern. Trotz seiner angepaßten Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus galt er in den fünfziger Jahren als integer. Da er wie die meisten Schriftsteller seiner Generation die Themen und Motivkreise der Kaiserzeit und Weimarer Republik konservierte und keine neuen Themen mehr aufgriff, verlor er im Laufe der Zeit den Großteil seiner Leserschaft.
Er starb an 29. Januar 1966 in Bergisch-Gladbach bei Köln an den Folgen eines Schlaganfalles.