Bibliothek Westfalica

August Stramm

 

Geboren am 29. Juli 1874 in Münster als Sohn eines Berufssoldaten. 1876 wurde sein Vater Beamter im Postdienst. Da Stramm vorerst häufig von einem Ort zum andern versetzt wurde, verliert sich für einige Jahre jede Spur der Familie (Radrizzani 1963). 1883 wohnte die Familie in Düren. Besuch des dortigen Gymnasiums. 1885 Versetzung des Vaters, nunmehr als Telegraphenassistent, nach Eupen, wo Stramm das Gymnasium besuchte. 1888 Versetzung des Vaters als Obertelegraphenassistent und Leitungsrevisor nach Aachen, wo die Familie seßhaft wurde und Stramm 1893 das Abitur ablegte. Nach dem Willen seines Vaters durfte er nicht Theologie studieren, sondern mußte, widerstrebend, in den Postdienst eintreten. Rascher Aufstieg in der Postlaufbahn. 1896 Prüfung zum Postsekretär. 1896/1897 ein-jähriger Militärdienst. Dieser legte den Grund zu einer erfolgreichen militärischen Laufbahn. Er verläßt den Dienst vermutlich als Unteroffizier, jedenfalls mit der Qualifikation, zum Offizier befördert zu werden. Wir dürfen annehmen, daß er spätestens 1902 den Grad eines Leutnants bekleidete. Nach Ableistung seines Dienstjahres erlangte Stramm eine bevorzugte Anstellung. Er versah für die nächsten Jahre den Seepostdienst auf der Linie Bremen und Hamburg-New York. Damit waren längere Fortbildungs-Aufenthalte in den Vereinigten Staaten verbunden. Im Winter 1898/1899 und 1899/1900 hörte er in Berlin Vorlesungen an der Post- und Telegraphenschule über Staats- und Verwaltungsrecht, Nationalökonomie, Finanzwissenschaft, Verkehrsgeschichte und Handelsgeographie. Hiermit erwarb er sich die Grundlagen für die 1902 abgelegte höhere Verwaltungsprüfung. Die Bedeutung, welche diese Reisen, welche die Aufenthalte in Großstädten wie Hamburg, Bremen, New York, Berlin für Stramm hatten, indem sie sein Blickfeld erweiterten, ihn aus der Enge der kleinbürgerlichen Kreise, aus dener er stammte, hinausführten, kann wohl kaum überschätzt werden. Nach der höheren Verwaltungsprüfung Beförderung zum Post-Praktikanten und 1903 zum Ober-Postpraktikanten. 1902 Heirat mit Else Krafft in Berlin. Die Familie ließ sich in Bremen nieder, wohin Stramm aus dem Seepostdienst versetzt worden war. In diesen Bremer Jahren entfaltete August Stramm eine recht vielseitige künstlerische Tätigkeit; er malte, musizierte, dichtete. 1905 Berufung nach Berlin, wo weitere Fortbildungsmöglichkeiten bestanden. Von 1905 bis 1908 war er Gasthörer der dortigen Universität. Er belegte zunächst planlos Vorlesungen in allen möglichen Gebieten. Bezeichnenderweise hat Stramm keine einzige Vorlesung über Literatur belegt. Erst im Winter 1906/1907 begann er er systematisch Vorlesungen in Geschichte, Nationalökonomie, Finanzwissenschaft und Philosophie zu belegen. Daneben hörte er Vorlesungen über Kant, Schopenhauer und Nietzsche. 1909 Promotion mit der Arbeit Historische, kritische und finanzpolitische Untersuchungen über die Briefpostgebührensätze des Weltpostvereins und ihre Grundlagen. Die Erlangung des Doktortitels führte zu seiner Beförderung zum Postinspektor. Etwa in dieser Zeit Beförderung zum Oberstleutnant. Er nahm weiterhin regelmäßig an militärischen Übungen teil, die ihn auch immer wieder nach Aachen zu seinen Angehörigen führten. 1909/1910 Umzug in seine Traumwohnung in Berlin-Karlshorst. Über das dichterische Schaffen während der ersten Berliner Jahre wissen wir fast nichts. 1909 tiefgreifender Wandel: Er wandte sich nun intensiv der Literatur zu. 1911 erbte er von seinem Schwiegervater eine umfangreiche Bibliothek. Einfluß der Werke Maurice Maeterlincks, Hauptmanns, Strindbergs auf sein Schaffen. Der eigentliche Durchbruch der schöpferischen Kräfte aber, die Schaffung eines unverkennbar eigenen Stils und das damit verbundene Gefühl der Berufung, geschah Ende 1912 oder 1913. In dieser Zeit muß eine Reihe später verlorengegangener Gedichte entstanden sein. Intensive Beschäftigung mit Kunsttheorie. Häufige Gäste im Hause Stramm waren Hans Blüher, ein Prophet der Wandervogelbewegung, und Hermann Essig, Verfasser mehrerer Dramen. Lange Zeit vergebliche Versuche, Verleger für seine Werke zu finden. Er wandte sich an Zeitschriften wie die Jugend und den Simplizissimus. Aufgrund andauernder Mißerfolge stellten sich Zweifel an seiner literarischen Befähigung ein. Über seine Frau Bekanntschaft mit Herwarth Waldens Sturm, dem fortschrittlichsten Kunstverlag seiner Zeit. Ende 1913 sandte er der Redaktion das Drama Sancta Susanna ein. Das Werk wurde angenommen. Für Walden waren Stramms Texte Inbegriff einer neuen Wortkunst. Stramm seinerseits fand in Walden nicht nur den lang gesuchten Verleger, sondern einen Freund, der seiner Kunst ein volles Verständnis entgegenbrachte, einen Berater, dessen Kritik er dankbar anerkannte, einen Anreger, der ihm seine Gedanken über Dichtung klären und vertiefen half und ihm das Vertrauen gab, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen, und seiner Kunst eine noch entschiedenere und kühnere Form zu geben. Aufgrund dieses künstlerischen Aufschwungs wurde die Zeit von Ende 1913 bis zum Kriegsausbruch im August 1914 literarisch fruchtbar für ihn. Überarbeitung seiner früheren Werke. Im Laufe von etwa fünf Monaten schleuderte er - in verschiedensten Gattungen und Stilarten - Werk um Werk hervor. Über Walden Bekanntschaft mit Künstler- und Theaterkreisen. Bei Ausbruch des Kriegs wurde Stramm als Hauptmann der Reserve und Kompanieführer einberufen. Teilnahme an Gefechten in den Vogesen und im Oberelsaß. Von Mitte November bis Ende Dezember 1914 war er Gerichtsoffizier im Oberelsaß. Gleichzeitig entstand eine Reihe von Gedichten und der Entwurf zu einem mehraktigen Drama, das den Titel Der Krieg oder Bluten führen sollte. Weihnachten 1914 Heimaturlaub in Berlin. Zurück an der Front, wurde er Kompanieführer in Nordfrankreich, in der Gegend der Oise. Kriegsauszeichnung mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse. Entwurf zu dem Drama Geschehen. Sein Regiment wurde in heftige Kämpfe verwickelt. Die Stadt fiel Ende Mai. Stramm hatte sich als besonders tüchtiger Offizier ausgezeichnet, er war zeitweise - unter Übergehung dienstälterer Offiziere - Bataillonskommandant gewesen und hatte als solcher hervorragenden Anteil an der Erstürmung der russischen Stellung bei Ostrow gehabt. Hier erwarb er sich das Österreichische Verdienstkreuz, mit dem die Verleihung des Titels eines Barons verbunden war, und wurde zum Eisernen Kreuz 1. Klasse eingegeben. Im Juli stand das Regiment am Ufer des Bug. Anfang August 1915 zum letzten Mal Urlaub in Berlin. Walden hatte alles in die Wege geleitet, um ihn vom Militärdienst befreien zu lassen, doch Stramm lehnte dies ab. Am 1. September fiel er im Riesenkampf um Brest-Litowsk bei einem Sturmangriff in den Rokitnosümpfen, nachdem er im Laufe eines Jahres an siebzig Gefechten und Schlachten teilgenommen hatte. Am 2. September 1915 Beisetzung auf dem jüdischen Friedhof zu Horodec. (Zitate nach Radrizzani 1963) Auf die Ausdruckskraft weniger, oft vereinzelter Wörter konzentriert, wobei Ausdruckswert und ‑gewalt vor allem durch Kürzung und Deformation ohne Rücksicht auf die Grammatik erneuert werden, ist St.s Versuch der überzeugendste eines durch die Erfahrung des Krieges verschärften, sprachlich radikalen Expressionismus, der ebenso Jugendstil und Symbolismus wie einen noch damit verbundenen Expressionismus - etwa Georg Heyms oder Georg Trakls - verneint. (Metzler-Autoren-Lexikon 1987) Was Autoren wie Arno Holz bereits vorgezeichnet hatten, das wagte Stramm als einer der ersten: den entscheidenden Schritt zur Abstraktion, wie ihn Marinetti im Futurismus vollzog, Kandinsky für die Malerei und Schönberg für die Musik. Diese "Hinwendung zum Futurismus" [...] zeigt sich in der erwähnten Zerstörung von Syntax und Grammatik wie in der Schöpfung ganz neuer Ausdrücke, etwa durch ungewöhnliche Substantivierung von Verben oder - umgekehrt - durch Verbalisierung von Substantiven. (Seel 1995)