Bibliothek Westfalica

Hans Siemsen

 

Geboren am 27. März 1891 in Mark bei Hamm als Sohn eines Pfarrers. Bruder der Pädagogin und Politikerin Anna Siemsen. 1901 Umzug der Familie nach Osnabrück. Lehre als Buchhändler. 1912 Studium der Kunstgeschichte in München. 1913 Reise nach Paris. Er wurde Mitglied des Künstlerkreises des Café du Dôme. Bekanntschaft mit Wilhelm Uhde, Rudolf Levy, Ernesto de Fiori. Erster Artikel in der Zeitschrift Pan. Seit 1914 Veröffentlichungen in der Zeitschrift Die Aktion. 1915 übernahm er die Redaktion des Zeit-Echos, das durch ihn aktueller und tendenziöser (Förster 1986) wurde. Er wies als erster auf die Bedeutung Kafkas hin. Bekanntschaft mit Theodor Däubler und Detlev von Liliencron. Freundschaft mit Else Lasker-Schüler, die Hans Siemsen dem lieben Heiligen ihr Gedicht Laurencis" widmete. Ab Herbst 1916 Militärdienst. 1917 Soldat an der Westfront. Verschüttung und Lazarett. Begeisterung für die Russische Revolution. Im Zeit-Echo forderte er den sozialistischen Frieden. 1918 unterstützte er in der Aktion einen scharf formulierten Aufruf gegen den Krieg und für die Weltrevolution. Alle Siemsen-Kinder traten im Weltkrieg aus der Kirche und wurden Sozialisten. (ebd.) 1919 ließ Siemsen sich als freier Schriftsteller in Berlin und anderen Orten nieder. Beginn der Mitarbeit an der Weltbühne. Publizistische Beiträge über den damals noch unbekannten Charlie Chaplin. Texte über die Maler Otto Schoff und Rudolf Levy. In den 20er Jahren Tätigkeit im Kunsthandel. Er trat für die Abschaffung des Paragraphen 175 ein. 1923 erschien sein erfolgreichstes, in viele Sprachen übersetztes Buch Die Geschichte meines Bruders. Freundschaft mit Renée Sintenis, ihrem Mann E.R. Weiß, Ringelnatz, Asta Nielsen und Harry Graf Kessler. 1924 prostestierte er in der Weltbühne gegen das Vorgehen der Reichswehr gegen die sozialistische Regierung Thüringens, der seine Schwester Anna angehörte. Veröffentlichungen u.a. in der Homosexuellen-Zeitschrift Der Eigene. Texte für Chaplins Film Ein Hundeleben. 1927 polemisierte er in der Weltbühne gegen Fritz Langs Metropolis und löste damit eine Kontroverse unter Filmkritikern aus, denen er Abhängigkeit von der Filmindustrie vorwirft. (ebd.) In den 20er Jahren Mitarbeit u.a. am Berliner Tageblatt, dem Acht-Uhr-Abendblatt der Frankfurter Zeitung, dem Uhu. Ringelnatz widmete ihm das Buch Als Mariner im Krieg und verfaßte das Gedicht An Hans Siemsen. 1930 6wöchige Reportagereise durch Rußland im Auftrag der Frankfurter Zeitung. 1931 Engagement für die linksoppositionelle StAP, zu deren Mitbegründern seine Geschwister Anna und August Siemsen gehörten. 1933 entging er durch einen Zufall der Verhaftung durch die Nazis, kehrte aber nach Berlin zurück, während seine Schwester Anna in die Schweiz floh. 1934 ging er ins Exil nach Paris. Kontakt zur Familie des Marquis de Brion, des Schwagers von Graf Kessler. Arbeit für Willi Münzenberg, einen kommunistischen Presse-Organisator. Gedichte unter dem Titel Mes Adieux, die unveröffentlicht blieben. 1935 gab er anonym und illegal von Paris aus für Rowohlt den Nachlaß von Ringelnatz heraus. (ebd.) 1936 regelmäßige Artikel für die Pariser Tageszeitung. Es erschienen erste eigene Exil-Artikel. 1937 Generalversammlung des Schutzbundes Deutscher Schriftsteller. Er wurde gemeinsam mit Brecht, Kisch und Anna Seghers in den Vorstand gewählt. 1938 Kontakt zu Klaus Mann. Mitarbeit an der in Paris gegründeten Zeitschrift Die Zukunft. Er war Juror des Heine-Preises und Sekretär im Bund Neues Deutschland. Sein 1938 erschienenes Buch Rußland ja und nein wurde auf der NS-Liste als schädliches und unerwünschtes Schrifttum eingestuft - als einziges seiner Bücher, während Anna Siemsens sämtliche Schriften verboten werden. (ebd.) Im Frühjahr 1939 lobte Döblin im Neuen Tagebuch Siemsens Buch Hitlerjunge Adolf Goers, für das kein Verleger zu finden wäre. Siemsen moderierte einen Unterstützungsabend für den völlig mittellosen Walter Mehring. Tod seines gelegentlichen Trinkkumpans Joseph Roth. Antrag auf US-Besuchervisum "für fünf bis sechs Monate". Internierung im Lager Colombes. (ebd.) 1940 nach vorübergehender Entlassung aus der Lagerhaft neue Internierung. Er tauchte in Frankreich unter. Hitlerjunge Adolf Goers erschien in englischer Sprache in London. Im Juli hob die Gestapo Siemsens Wohnung in Paris aus. Er wurde für staatenlos erklärt. Mit einem Freund Flucht nach Sanary. Völlige Mittellosigkeit. Hilferuf an das Kommitee des Prinzen Löwenstein in New York. 1941 in Sanary Grabrede auf seinen Freund, den Literaten Franz Hessel. Aufenthalt in Marseille und Flucht nach Portugal und New York. Kontakte zu Schriftstellern, u.a. zu Richard Huelsenbeck. Publizistische Tätigkeit unter dem Pseudonym Pfarrer Silesius. In den USA arbeitete er als Rundfunkjournalist, konnte aber im literar. Leben nicht mehr Fuß fassen. (Killy-Literaturlexikon) Zweite Auflage von Hitlerjunge Adolf Goers. Vereinsamung, Alkoholismus und ständige Geldnot. Er lebte in New York bei einer Emigrantenfamilie in ärmlichen Verhältnissen. 1946 dringender Wunsch, nach Europa zurückzukehren. 1947 erschien sein Hitlerjungen-Buch in Düsseldorf erstmals in deutscher Sprache. Der Autor verspricht sich nicht viel davon: "Es ist zehn Jahre alt und nicht für deutsche Leser geschrieben." In New York hektographierte Gedichtsammlung "Wo willst du hin?" Probleme mit den US-Behörden, Paß- und Visumsschwierigkeiten. Er wird überfallen und mißhandelt.(Förster 1986) 1948 Aufenthalt in Frankreich. Vermutlich 1949 Rückkehr nach Deutschland. Aufnahme bei seinem Bruder Karl, der als Rechtsanwalt in Düsseldorf tätig war. Siemsen war inzwischen ein Pflegefall geworden und konnte nicht mehr selbst für sich sorgen. Er starb am 23. Juni 1969 in einem Heim der Arbeiterwohlfahrt in Essen.
Als Journalist und Kritiker, als beobachtender und teilnehmender Chronist seiner Zeit, als Flaneur und Erzähler der kleinen Form hat er seinen festen Platz in der Publizistik der Weimarer Republik, mag auch sein ehemals bekannter Name 1933 mit ihr untergegangen sein. Er stand so wenig im Rampenlicht, daß seine Verdienste (als Pionier der Filmkritik etwa) bis heute unterbewertet blieben. [...] "Die Geschichte meines Bruders" wurde sein größter erzählerischer Erfolg, auch ins Ausland drang der Ruf, bis hin zu T.S. Elliot. Seine Themenpalette war erstaunlich farbenreich, er schrieb über Jazzbands ebenso wie über Antisemiten, über den Clown Grock, den General von Seeckt und den Poeten Jean Cocteau. Er war auch ein Anreger und Ermunterer, gab dem Querdenker und Querdichter Ringelnatz den Mut, als Maler weiterzumachen. Schöngeist und scharfzüngiger Kritiker zugleich, blieb er zeitlebens ein Freund der Artisten, der Künstler und der Knaben. Sein Werk ist nur schwer in die gängigen literarischen Kategorien einzuordnen. Tucholsky schätzte den "anständigen Schriftsteller" und fleißigen "Weltbühnen"-Mitarbeiter und nahm ihn gegen viele Angriffe, der Filmindustrie zumal, in Schutz. Als politischer Pamphletist konnte Siemsen erstaunlich scharf formulieren [...]. (Förster 1995)
Pseudonym: Pfarrer Silesius.