Otto zur Linde

Lesebuch

Zusammengestellt und mit einem Nachwort von Rolf Stolz
Köln: Nyland Stiftung 2016.

Geboren am 26. April 1873 in Essen. Er entstammt einer protestantischen Lehrerfamilie, die bei Carlshafen/Weser lebte. Sein Vater hatte den Lehrerberuf aufgegeben, war in das hessische Militär eingetreten und hatte sich dann in Essen als Metalldreher niedergelassen, bevor er schließlich Buchhalter wurde, zuletzt bei der Firma Krupp. Anschließend hatte er in Gelsenkirchen, wohin die Familie 1878 umzog, ein Kolonialwarengeschäft mit Restaurant eröffnet. Otto zur Linde war ein kränkliches Kind und konnte mit acht Jahren erstmals die Schule besuchen, dann allerdings gleich die Sexta des Gymnasiums. Zeitlebens litt er an einer Augenschwäche, die im Alter zu einer weitgehenden Erblindung führte. 1893 Abitur mit ausgezeichneten Ergebnissen. Im selben Jahr Besuch der Universität Berlin. Er studierte wenig und verließ im Herbst die Großstadt wieder, die ihm nicht behagte. In Halle hielt es ihn ebenfalls nicht lange. Den größten Teil seiner Studienzeit verbrachte er an der Universität Freiburg i.B. Dort wurde er 1899 mit der Inauguraldissertation "Heinrich Heine und die deutsche Romantik", die als Buch erschien, promoviert. Das Studium verlief für ihn unbefriedigend. Er führte ein haltloses und ausschweifendes Leben. So hin- und hergerissen, mißlangen alle seine künstlerischen Versuche; auch konnte er den Anforderungen der Universität nicht gerecht werden. Er studierte länger, als der Vater vorgesehen hatte, und geriet in Examensnöte. Diese inneren und äußeren Schwierigkeiten riefen schwere Depressionen hervor. In Freiburg kam es zu einer ernsthaften Krise. Zur Linde versuchte einen Selbstmord, vor dem ihn ein glücklicher Zufall bewahrte. Von da an litt er unter periodisch wiederkehrenden Depressionen und Selbstmordgedanken. [...] Der Dichter war ein geborener Melancholiker. [...] Was ihn später gegen Mutlosigkeit und Verzweiflung schützte, war sein Humor, der in manchen seiner Dichtungen eine bedeutende Rolle spielt. Als Künstler konnte sich der Melancholiker in die Tiefen seines Innern zurückziehen. Er fand dort eine Welt und hob sie ans Licht. Das war das einzige ihm mögliche Glück und seine Rettung. Eine Unlust am Tun schlug in eine zeitlebens anhaltende Apathie, in eine Gemüts- und Nervenkrankheit um. Während seiner Freiburger Studienzeit Begegnung mit Verena Reichenberger, seiner späteren Frau. Sein Vater widersetzte sich der Heirat. Nach der Promotion ging zur Linde mit dem Iren Charles Humphrey Clarke, den er während des Studiums in Freiburg kennengelernt hatte, nach England, um dort einen bürgerlichen Beruf zu ergreifen, der ihm eine Heirat mit Verena Reichenberger möglich machen sollte. In London arbeitete er als Korrespondent und Kritiker für große Berliner Tageszeitungen, u.a. für Die tägliche Rundschau, Der Tag und die Vossische Zeitung. Daneben betrieb er literarische und philosophische Studien im British Museum. Hier erwachte sein Interesse für Karl Philipp Moritz und seine Zeit. Er gab Moritz' Werk Reisen eines Deutschen in England im Jahre 1872 neu heraus. Damals erschienen auch zur Lindes erste eigene Werke in Deutschland, ohne daß sie ihm zum Durchbruch verholfen hätten. 1900 Heirat mit Verena Reichenberger, die ihm nach London folgte. Im Herbst 1902 Rückkehr nach Deutschland. Wohnsitz des Ehepaars war Berlin. Zur Linde lehnte es ab, einen bürgerlichen Beruf anzunehmen. Er wollte stattdessen ein freies, unabhängiges geistiges Leben führen. 1903 Bekanntschaft mit Rudolf Pannwitz. Gemeinsam gründeten sie 1904 das Charonswerk, die Zeitschrift Charon, den Charon-Buchverlag sowie den Kreis der Charon-Freunde. 1906 kam es zum Freundschaftsbruch. In dieser Zeit der Spannungen und Schwierigkeiten entstand eine Lebensfreundschaft zu Karl Röttger. Der Lebensstil des Dichters war mehr als bescheiden. Er und seine Frau haben all die Jahre von maximal 125 Mark, meist von weniger im Monat gelebt. Die darüber hinausgehenden Geldmittel wurden in die Zeitschrift und in den Buchverlag gesteckt. Vereinzelt stellten Mäzene begrenzte Finanzmittel zur Verfügung. Bei Kriegsbeginn 1914 mußte das Erscheinen der Zeitschrift Charon eingestellt werden. Otto zur Linde und seine Frau gerieten in große Not. Er besaß die "klare Erkenntnis: mir bleibt nichts anderes übrig als Bürgerberuf", doch hatte er eine "pathologische Angst: ich gehe darin zugrunde". Im Verlauf des Krieges wurde er zweimal eingezogen, jedoch jeweils nach sechs Wochen wieder entlassen. Während dieser Wochen kam er physisch und psychisch herunter, einerseits durch die ihm nicht gemäße Ernährung und andererseits aus Sorge um Frau und Nichte, die mittellos dastanden. Zu dieser Zeit wandte Röttger sich an Dehmel und bat ihn um Hilfe. Er fand weitere Freunde, die ihm beistanden. Seit 1925 lebte er von einer geringen Wohlfahrtsunterstützung. Seit dieser Zeit Unfähigkeit zur weiteren literarischen Arbeit und erneute Depressionen. Auf Veranlassung von Hanns Martin Elster erhielt er zusätzlich eine monatliche Zuwendung der Schiller-Stiftung. Am 16. Februar 1938 starb er unerwartet an einem Herzschlag. Beerdigung auf dem Parkfriedhof in Berlin-Lichterfelde. Karl Röttger sprach die Abschiedsworte. (Zitate nach Röttger 1970)

Weitere Informationen zu Leben und Werk Otto zur Lindes im Westfälischen Autorenlexikon