Bibliothek Westfalica

Ernst Meister

 

Geboren am 3. September 1911 in Haspe als Sohn eines Fabrikanten. Besuch des Mathematisch-naturwissenschaftlichen Gymnasiums in Haspe. 1930 Abitur. 1930/31 auf Drängen seines Vaters Beginn des Studiums der evangelischen Theologie in Marburg. Bereits im Sommersemester 1931 wandte Meister sich dem Studium der Philosophie und Germantistik zu. Seine akademischen Lehrer waren Karl Löwith und Hans-Georg Gadamer. Im Wintersemester 1931/32 vorübergehendes Studium in Berlin. Bekanntschaft mit Klaus Mann, dem er seine Gedichte vorstellte. Im Frühsommer 1932 Rückkehr nach Marburg. Im Verlag der Marburger Flugblätter Veröffentlichung des Gedichtbandes Ausstellung, dem die Vossische Zeitung 1933 eine kurze Besprechung widmete, in der Meisters Gedichte als Kandinsky-Lyrik bezeichnet werden (F. Schwiefert). Der Band hatte kaum Absatz. Nach 1933 ergaben sich einschneidende Veränderungen. Sein Lehrer Karl Löwith, bei dem er eine Dissertation über das Schiffsmotiv bei Nietzsche schreiben wollte, ging 1934 nach Italien und schließlich nach Japan. Klaus Mann und andere Freunde und Bekannte emigrierten. 1934 Fortsetzung des Studiums in Frankfurt, wo er seine Frau Else Koch kennenlernte, die er am 3. Juni 1935 heiratete. Im selben Jahr erschienen Meisters einzige Veröffentlichungen in der Zeit des Nationalsozialismus (drei kurze Prosastücke). 1939 Rückkehr nach Hagen, um dort in der väterlichen Fabrik zu arbeiten. Am 5. März 1940 erfolgte der Einberufungsbefehl. 1942 befand sich Meister auf dem Weg nach Stalingrad. Versetzung nach Italien, wo er in amerikanische Kriegsgefangenschaft geriet. Im selben Jahr Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft und Rückkehr nach Hagen. Intensivierung des Schreibens. Bekanntschaft u.a. mit den Malern Emil Schumacher, Wilhelm Wessel und Erwin Hegemann sowie dem Schriftsteller Gerhard Nebel. 1947 entstand das Drama Der Verächter der Armen. 1948 begann er mit der Niederschrift der Gedanken eines Jahres, die 1949 abgeschlossen wurde. 1950 Wiederaufnahme des Studiums in Heidelberg, wo er versuchte, die Nietzsche-Dissertation abzuschließen. Einer seiner Studienkollegen war Hans Bender, der ihm die Bekanntschaft mit V.O. Stomps, dem Gründer der Eremiten-Presse, vermittelte. Der Schriftsteller und Herausgeber Hans Bender veröffentlichte in den folgenden Jahren in seinen verschiedenen Zeitschriften und Anthologien Texte Meisters und wurde dadurch einer seiner wichtigsten Förderer. Ohne die Dissertation abzuschließen im Wintersemester 1952/53 Rückkehr nach Hagen, wo er als Angestellter in der Fabrik seines Vaters arbeitete. 1953 Geburt der Tochter Regina. In der Eremiten-Presse erschien Unterm schwarzen Schafspelz. Das Drama Der Verächter der Armen wurde am 25.2.1954 von der Hagener Lesebühne vorgetragen, gleichzeitig erschien ein weiterer Gedichtband, Dem Spiegelkabinett gegenüber, der die Aufmerksamkeit des Germanisten Clemens Heselhaus erregte. Im April 1956 nahm Meister am zweiten westfälischen Dichtertreffen im sauerländischen Schmallenberg teil. In der Schmallenberger Festhalle lasen er und andere Autoren vor etwa tausend Zuhörern. Von da an wurde er als wichtiger westfälischer Autor wahrgenommen. 1957 auf dem Westfalentag in Iserlohn Auszeichnung mit dem Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis. Mitte Oktober bis Mitte November verbrachte Meister auf Anregung des mit ihm befreundeten Soester Malers Hans Kaiser auf Ibiza. Dort entstanden die Gedichte der Sammlung Pythiusa. Im März 1958 Teilnahme an einem Autorentreffen in Wuppertal. Dort Begegnung u.a. mit Paul Celan, Heinrich Böll und Walter Höllerer. Ebenfalls 1958 Bekanntschaft mit dem Stadtlohner Lyriker Erich Jansen (1897-1968), dessen wichtigster literarischer Ansprechpartner er wurde. Wechsel von der kleinen Eremiten-Presse zum angesehenen Limes-Verlag. Dort erschienen 1958 Zahlen und Figuren und 1960 Die Formel und die Stätte. Mit Hilfe eines Reisestipendiums des Außenministeriums im Sommer 1960 zweiter Aufenthalt auf Ibiza. Es entstand der Gedichtzyklus Jenseits von Jenseits, der 1962 in dem Band Flut und Stein veröffentlicht wurde. 1960 Entlassung aus dem väterlichen Betrieb, den nach dem Tod des Vaters sein Bruder übernommen hatte. Meister lebte fortan als freier Schriftsteller. 1962 gemeinsam mit Paul Schallück Auszeichnung mit dem Hagener Literaturpreis. Im Sommer Aufenthalt in Vaison-la-Romaine (Frankreich), wo die Gedichte des Zyklus Anderer Aufenthalt entstanden. Auf Einladung Walter Höllerers im Frühjahr 1963 Aufenthalt im Literarischen Colloquium Berlin. Im Herbst, gemeinsam mit Emil Schumacher, Auszeichnung mit dem Großen Staatspreis des Landes Nordrhein-Westfalen. 1964 Arbeit an dem Drama Ein Haus für meine Kinder. Im Frühsommer des selben Jahres erschienen Gedichte 1932-64, die zum ersten Mal einen repräsentativen Einblick in sein lyrisches Werk erlaubten. Eine positive Besprechung durch Walter Jens in der Zeit machte Meister auch außerhalb Westfalens bekannt. Im Frühjahr 1966 Uraufführung von Ein Haus für meine Kinder am Hessischen Staatstheater. Das Stück errang nur einen Achtungserfolg. Wesentlich erfolgreicher waren Meisters Hörspiele. Vom 14. November bis zum 13. Dezember 1970 Ausstellung seiner malerischen Arbeiten in der kleinen galerie im Pressehaus in Hagen. Eine weitere Ausstellung fand im Januar und Februar 1972 in der Wellington Galerie in Düsseldorf statt. Am 3. und 4. Dezember 1973 Teilnahme an einem Autorengespräch zwischen ost- und westdeutschen Schriftstellern. Mit der Ausstrahlung von ... und aufwecken wollte ich ihn nicht am 7. September 1975 vom SDR fand das Hörspielwerk seinen Abschluß. Im Herbst 1975 Berufung in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Eine weitere Ausstellung seiner bildnerischen Arbeiten fand am 21. November im Karl-Ernst-Osthaus-Museum, Hagen, statt. Gemeinsam mit Sarah Kirsch im Sommer 1976 Auszeichnung mit dem Petrarca-Preis in Arquà bei Padua (Laudatio Nicolas Born). Am 17. April 1978 Auszeichnung mit dem Rainer-Maria-Rilke-Preis in Paris. Im Frühjahr 1979 erschien der Gedichtband Wandloser Raum. Es folgte ein längerer Krankenhausaufenthalt, der bis zum 2. Juni dauerte. Die Nachricht von der Verleihung des Büchner-Preises erreichte Meister am 13. Juni. Er starb am 15. Juni 1979.
Das Werk Ernst Meisters umfaßt über zwanzig Gedichtbände, Hörspiele, zwei Theaterstücke, Aufzeichnungen, Essays und - zum größten Teil noch unveröffentlichte - Prosaarbeiten, darunter einen recht umfänglichen Roman, der in den frühen 30er Jahren entstand.
Meisters Lyrik ist in einem fast klassischen Sinne "Gedankenlyrik", auch wenn subjektive Erfahrungen und Erlebnisse immer wieder zum Auslöser von Gedichten wurden. Sie ist seit den 50er Jahren erklärtermaßen auf der Suche nach der "Formel", dem "Begriff" für das "Ganze" der Wirklichkeit und erreicht so im Laufe der Entwicklung eine bewundernswerte thematische und stilistische Geschlossenheit. Das Spätwerk des Dichters steht in intensivem Dialog mit den lyrischen und philosophischen Traditionen Deutschlands und Frankreichs. Den sicherlich nachhaltigsten Einfluß haben jedoch der späte Hölderlin und, was die Begrifflichkeit angeht, Heidegger auf Meisters lyrische Sprache ausgeübt. Die Lyrik Ernst Meisters ist, so fern sie der Alltagssprache und der Tagesaktualität steht, jedoch nicht monologisch und verschlossen, sondern richtet sich an ein Gegenüber, das unterrichtet und verändert werden soll.