Bibliothek Westfalica

Richard Huelsenbeck

Geboren am 23. April 1892 in Frankenau (Hessen-Nassau) als Sohn eines Apothekers. Kurz nach der Geburt Umzug der Familie nach Dortmund. 1898 Übersiedlung nach Bochum. Besuch der evangelischen Volksschule und von 1902 bis 1908 des Städtischen Gymnasiums. Dann Wechsel zum Arnoldinum in Burgsteinfurt. Dort Jugendfreund Karl Döhmanns, des späteren Daimonides der Berliner Dada-Bewegung. Abitur im Februar 1911. In den Folgejahren Einzug der Familie in das Haus der verstorbenen Großeltern mütterlicherseits in der Dortmunder Luisenstraße 22. Bis dahin bereits lange Jahre Besuche des Enkels bei den bescheiden begüterten Großeltern Fink, Vertiefung in die dort vorhandene "Bibliothek", zumeist in Reisebücher, und Entdeckung Heinrich Heines als literarisches Vorbild. Schon der Knabe führte Tagebuch und schrieb Pennäler-Gedichte im (epigonalen) Stil der Zeit. Mit dem Sommersemester 1911 Beginn einer verwickelten Studienzeit, die Huelsenbeck bis 1919 unstet in München, Paris, Münster, erneut in München, in Berlin, Zürich, Greifswald und wieder in Berlin verbrachte. Eigentlich der Medizin beflissen, war er bis auf weiteres bald mit philologischen Fächern befaßt. Fortsetzung der ärztlichen Ausbildung erst im Wintersemester 1914/1915. Intellektuelle Prägung des werdenden Literaten durch zwei ältere Freunde: Georg Jakob Plotke (1888-1919), einen Theatermann, und vor allem den Pirmasenser Hugo Ball (1886-1927), Anreger und Mitbegründer des Dadaismus. Sie nahmen intensiv Einfluß und ermöglichten ab Mai 1913 – noch sporadische – Publikationen. Als Beiträger zu H.F.S. Bachmairs (1889-1960) kurzlebiger Wochenschrift Revolution 1914 in Berlin Zugang zu Franz Pfemferts (1879-1954) Aktion, der Huelsenbeck bis 1917 verbunden war. Ausgelöst durch öffentliche Auftritte im Gefolge Balls in Berlin, seit 1915 Mitwirkung an der geistigen Vorbereitung des Dadaismus, den er im Frühjahr 1916 im Zürcher Cabaret Voltaire an dessen Seite mit aus der Taufe hob. Im August 1916 mit Schalaben-schalabai-schalamezomai in der Collection Dada Veröffentlichung eines wegweisenden Gedichtes, dem im September die Phantastischen Gebete folgten, die seinen Nachruhm wesentlich begründeten. Es entstanden Übergangstexte, die teilweise auf älteren Vorlagen beruhen, mit stark expressionistischem Einschlag, namentlich in der Manier Johannes R. Bechers (1891-1958). In der Schweiz war Huelsenbeck bis Oktober 1916 außerdem mit dem gebürtigen Elsässer Hans Arp (1887-1966), den Rumänen Tristan Tzara (1896-1963) und Marcel Janco (1895-1984) sowie mit der Partnerin Balls, der Diseuse Emmy Hennings (1885-1948), zusammen. Speziell zu Arp spontane Affinität und lebenslange Beziehung. Nach kurzem Intermezzo in Greifswald (Physikum) im Frühjahr 1917 Rückkehr nach Berlin. Fortan prominente Beteiligung am dortigen Dadaismus. In der politischen Endphase der wilhelminischen Aera enger Arbeitskontakt mit Raoul Hausmann (1886-1971), den Brüdern Wieland Herzfelde (1896-1988) und John Heartfield (1891-1968), mit Johannes Baader (1876-1955), Franz Jung (1888-1963) und insbesondere mit dem gesellschaftskritischen Dichter und Zeichner George Grosz (1893-1959). 1918 Publikation zweier Novellen: Verwandlungen und Azteken oder die Knallbude. d1920 Publikation abschließender Manifeste: Dada siegt! Eine Bilanz des Dadaismus, En avant Dada: Eine Geschichte des Dadaismus und Deutschland muß untergehen: Erinnerungen eines dadaistischen Revolutionärs. Als einziger Vertreter des deutschsprachigen Dadaismus, der maßgeblich an den beiden wichtigsten Schauplätzen der Bewegung wirkte, war er ein entscheidender Kronzeuge. Seine Sonderrolle spiegelt sich in der Beteiligung an fast allen maßgeblichen Zeitschriften des Mouvements, aber auch im Schriftverkehr mit seinem Antipoden Tristan Tzara und dem Verleger Kurt Wolff (1887-1963). Nach Kriegsdienst als Feldunterarzt und Sanatoriumsaufenthalt in Fürstenwalde Erlangung der Approbation im Verlauf des Wintersemesters 1919/1920. Vorübergehende Klinik-Tätigkeit in Berlin. Nach Abschluß des dadaistischen Engagements (Dada-Tourneen mit Raoul Hausmann und Johannes Baader nach Leipzig, Teplitz-Schönau und Prag) Aufenthalt in Danzig und Arbeit am Städtischen Krankenhaus bei dem Neurologen Adolf Wallenberg (1862-1949). Das Jahr 1923 markiert eine Zäsur. Im Februar war er Mitbegründer des Ostdeutschen Kulturverbandes, den heimatverbundene Autoren, unter ihnen Agnes Miegel (1879-1964), Willibald Omankowski (1886-1976) und Martin A. Borrmann (1895-1974), ins Leben riefen. Im Juli Beginn einer zweiten literarischen Werkphase vor der Rückkehr nach Berlin im Oktober. Von nun an zahllose journalistische Artikel für das bürgerliche Feuilleton, Reiseberichte zumeist, außerdem Beiträge zu allgemein interessierenden Fragen. Fortsetzung dieser Tätigkeit bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten. 1924 Eheschließung mit der Malerin Beate Löchelt, die er zuvor als Frau des jüdischen Schriftstellerkollegen Rudolf Wolff (1893-1923) kennengelernt hatte. Entschluß, noch Ende dieses Jahres als Schiffsarzt eines Frachtdampfers auf 'große Fahrt' zu gehen, auch vor dem Hintergrund, daß die Etablierung als Arzt in Berlin mißlang. Folgende Reisen sind (indirekt) belegt: Ostasien (1924/25; China, Japan, Formosa, Singapur, Philippinen, 1926 Burma), Südafrika (1927), Ostasien (1928/29; China), UStA/Karibik (1931/32; Haiti). Es erschienen Berichte, bevorzugt für den Vorwärts und den Berliner Börsen-Courier, daneben für das Berliner Tageblatt und die Weltbühne. Von 1926 bis 1932 verfaßte er rund 45 Rezensionen für die Literarische Welt. Ab 1931 erschienen zunehmend Artikel in auswärtigen Tageszeitungen. Insgesamt entstanden drei Reisebücher, Afrika in Sicht (1928), Der Sprung nach Osten (1928) sowie China frißt Menschen (1930), die, halb real, halb fiktiv, das Erlebte schildern. Währenddessen erfüllte die medizinische Berufsausübung die in sie gesetzten Hoffnungen nicht. Zwei verhalten kritische Artikel gelangten in der Literarischen Welt zum Abdruck: Bitte der Parteilosen an das neue Jahr und Geist und Partei. Sie boten im Januar und Februar 1932 aktuellen Anlaß, ihm die Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer zu verweigern. Damit war das zweite berufliche Standbein des gelernten Arztes, sein literarisches Schaffen, bedroht. Allmählich reifte sein Entschluß, Deutschland zu verlassen. Sein letztes Prosawerk bei S. Fischer in Berlin war bezeichnenderweise ein Auswandererroman, Der Traum vom großen Glück (1933). Unter tätiger Mithilfe von George Grosz ging er im Frühjahr 1936 nach New York ins Exil. Ausbürgerung nach der Abreise. Bis Anfang der vierziger Jahre psychoanalytische Ausbildung in der Schule von Karen Horney (1885-1952) bei andauernder materieller Unsicherheit. Aufbau gesellschaftlicher Kontakte, bis die vierköpfige Familie nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges am Central Park West eine repräsentative Bleibe bezog. Namenswechsel zu Charles R. Hulbeck MD, Mitglied der Association for the Advancement of Psychoanalysis und psychiatrische Praxis. Zunehmende Vortragstätigkeit und Publikationen in der einschlägigen amerikanischen Fachpresse. Er erlangte eine gewisse Beachtung als Vertreter einer modernen Psychoanalyse im Bedingungsfeld sozialer Konflikte mit seinem Buch Sexualität und Persönlichkeit: Entwicklung und Bedeutung mentaler Heilmethoden (1959). Häufige Reisen nach Europa, bevorzugt nach Deutschland. Regelmäßige Beiträge in den Feuilletons der FAZ und der Neuen Zürcher Zeitung zu diversen Themen aus Kunst und Kultur. Viele Auftritte zur Erläuterung der eigenen historischen Rolle als Hauptakteur des Dadaismus. Versuch der Wiederbelebung dadaistischer Kerngedanken durch Anlehnung an den zeitgenössischen französischen Existentialismus. Schmales Alterswerk, das mit den New Yorker Kantaten (1952) und dem Gedichtband Die Antwort der Tiefe (1954) praktisch unbeachtet blieb. Daneben als Autodidakt bislang kaum gewürdigtes Oeuvre als Maler (mehrere Ausstellungen). Erheblich stärkere Wirkung durch seine Memoiren Mit Witz, Licht und Grütze (1957), die eine öffentliche Auseinandersetzung mit der "klassisch" gewordenen Avantgarde förderten. 1962 wurde er korrespondierendes Mitglied der Freien Akademie der Künste in Hamburg. Als Herausgeber einer bis heute maßgeblichen Anth., Dada: Eine literarische Dokumentation (1964), bleibt er auch objektiv wichtig für die Beurteilung der Ereignisse in Zürich und Berlin. Ende der 60er Jahre Rückzug ins Tessin. 1969 Binswanger-Preis. Letzter Wohnsitz in Minusio bei Locarno. Dort starb er am 20. April 1974. Nachdem sein 70., 75. und 80. Geburtstag ein breites Presseecho gefunden hatten, Urnengrab auf dem Südwestfriedhof in Dortmund. Zahlreiche Stimmen zum Tode und postum.