Bibliothek Westfalica

Peter Hille

 

Geboren am 11. September 1854 in Erwitzen bei Nieheim als Sohn eines Lehrers. 1858 Umzug der Familie nach Noerde bei Warburg, wohin der Vater versetzt worden war. Seit 1860 war dieser Rentmeister eines Gutshofes in Holzhausen, wo Hille die Grundschule besuchte. 1864 wurde er Schüler der Selecta in Nieheim, einer privaten Lehreinrichtung zur Vorbereitung auf die Obertertia des Gymnasiums. Von 1869 bis 1872 Besuch des Progymnasiums in Warburg (In dieser Zeit ward ich innerlich zum Dichter), das er mit der Unterprimareife verließ. Es folgten eineinhalb Jahre als Schüler des Gymnasium Paulinum in Münster. Lektüre "verbotener Autoren" wie Bebel, Darwin, Marx, Proudhon, L. Büchner, Dubois, Reymond. Beginn der Lebensfreundschaft mit Heinrich und Julius Hart. Gemeinsam gründeten sie die Schülerzeitung Satrebil (das Wort ist eine Umkehrung von "libertas"), die verboten wurde. Man besuchte Hamanns Grab im Garten des ehemaligen Stadthauses der Fürstin Amalia von Gallitzin und das Rüschhaus (Wohnsitz Annette von Droste-Hülshoffs). Über den literarischen Interessen vernachlässigte Hille die Schule und ging schließlich vorzeitig ab (Ich hatte so gar kein Pflichtgefühl. Genuß wollte ich haben. Geistigen Genuß. Und ich glaubte, ich hatte recht.) Sein Vater holte ihn in die profane Arbeitswelt des Holzhausener Gutshofs zurück. Er versuchte einen Eleven aus ihm zu machen, was natürlich ebenso erfolglos endete, wie der Versuch, ihm die Beamtenlaufbahn zu eröffnen. Zwar tritt Peter Hille mit Widerstreben seinen Dienst als Zivil-Supernumerar bei der Dependance des Höxterschen Kreisgerichts in Nieheim an, aber er hat bald - nach seinen eigenen Worten - den Oberstaatsanwalt durch seine Protokolle in ärgerliche Verlegenheit gebracht. Erste Gedichte entstanden (Gedichte eines Civilsupernumerars), die heute bis auf einen Text verschollen sind. 1877 ging Hille nach Leipzig, wo er Vorlesungen in Literatur, Philosophie und Kunstgeschichte hörte. Tätigkeit als Verlagskorrektor. 1878 Rückkehr nach Holzhausen. Im Winter 1878/1879 Aufenthalt in Bremen bei den Brüdern Hart, die dort die Deutschen Monatsblätter herausgaben, an denen Hille mitarbeitete. Für kurze Zeit Tätigkeit als Redakteur und Verleger des Bremer Tageblatts. Eine Erbschaft, die nach zwei bis drei Jahren aufgezehrt war, ermöglichte ihm Wanderungen durch Europa. Zweijähriger Aufenthalt in London, wo er im Armenviertel Whitechapel lebte und die englische Sprache lernte. Während dieser Zeit intensive literarische Arbeit. Anschließend zweijähriger Aufenthalt in Holland. Vergeblicher Versuch, ein deutschsprachiges Monatsheft zu gründen. Er verlor sein letztes Geld an ein Theaterunternehmen, das bankrott machte. 1884 blieb ihm, völlig mittellos, nur die Rückkehr nach Deutschland. Aufenthalt in Münster. Anfang 1885 kommt Peter Hille halbverhungert nach Berlin. Wieder sind es die Freunde Heinrich und Julius Hart, die ihm helfen müssen, eine schriftstellerische Existenz aufzubauen. Er wird Mitarbeiter an den "Berliner Monatsheften für Literatur, Kritik und Theater", ja, er gründet sogar eine eigene Zeitschrift: "Die Völker-Muse. Kritisches Schneidemühl von Peter Hille". Unter diesem skurrilen Titel erscheinen zwei Nummern für zwei Abonnenten. Immerhin heißt der eine Detlev von Liliencron. Über einen Briefwechsel ergibt sich eine lebenslange, rührende Freundschaft. Der Meister des Impressionismus wird nicht müde, sich für Hilles Würdigung einzusetzen. Hille ist für ihn der "Jean Paul der Jetztzeit". Anschließend zog Hille von Ende 1885 bis Frühjahr 1889 nach Bad Pyrmont. Bedrückende Geldnot, Hunger, Auszehrung und Krankheit. Eine weitere Zeitungsgründung misslang. Hille ging erneut auf Wanderschaft: in die Schweiz und nach Italien (Mailand, Florenz). In Zürich Zusammentreffen mit Gottfried Keller. Anschließend kam Hille bei seinem Bruder Philipp unter, der in Hamm als Geistlicher wirkte. Im Hammer Gesellenhaus, das Kaplan Philipp Hille gerade erbaut hat, findet der Dichter nach vielen Jahren der Entbehrung - 1892 zog es ihn noch einmal für kurze Zeit nach Holland - Geborgenheit. 1895 begleitete er seinen Bruder nach Berlin. Begegnung und Bekanntschaft u.a. mit Richard Dehmel, Rainer Maria Rilke, Otto Julius Bierbaum, Else Lasker-Schüler (die ihn in ihrem Peter-Hille-Buch mystifizierte), Johannes Schlaf, Paul Scheerbart, Herwarth Walden, Erich Hartleben, Peter Baum und Erich Mühsam. Hille kam in der Neuen Gemeinschaft unter, einem Künstlerkloster, das die Brüder Hart in einem Vorort, dem ländlichen Friedrichshagen, gegründet hatten. Seit 1901, nach dem Tod des Vaters, Sommeraufenthalte in Nieheim. Allmähliche Gesundheitsverschlechterung (u.a. asthmatisches Leiden). 1903 richteten seine Freunde für ihn im Berliner Weinlokal Dalbelli das Literarische Cabaret zum Peter Hille ein, wo Hille - jeweils montags - aus seinen Werken las. Er starb nach einem Zusammenbruch am 7. Mai 1904 in Berlin-Zehlendorf. Zitate nach: H. Birkelbach: Peter Hille. Skizzen zu einer Biogr. des Dichters, in: Hille-Bl., Nieheim, 1984)
Das permanente Schreiben als provisorische Fixierung literarisch produktiver Realitätsbewältigung verhindert schließlich sogar, daß die Germanistik im Zuge einer literarischen Wertung zu einem eindeutigen Urteil über Hille gelangen konnte, da das im Kontinuum des Schreibens produzierte Kontingent von Texten im Manuskriptsack landet. Dort liegen dann Kunstund Kitsch dicht beieinander, wie z.B. der Anfang des Gedichts "Brautseele" zeigt: "Das Gewand meiner Seele zittert im Sturm deiner Liebe,/ Wie tief im Hain / Das Herz des Frühlings zittert" Solche Trivialität ist durch nichts zu retten; andererseits nehmen Aphorismen (...) die sprachliche Brillianz wie auch die sarkastisch-kritische Schärfe z.B. eines Tucholsky mitsamt dessen lakonischer Diktion vorweg; das Beispiel offenbart im übrigen einen Standpunkt, der in der monumentfreudigen wilhelminischen Zeit bemerkenswert unangepaßt ist. (Vogt 1995) Zwei hervortretende Züge sind die christliche, nicht selten pantheistisch eingefärbte Vision, die er immer wieder neu zu konkretisieren sucht, und zum anderen die beinahe kindlich zu nennende Art, mit der "St. Peter", wie er u.a. von Else Lasker-Schüler genannt wird, an diese Vision galubt. (ebd.) H.s Stellung in der Literaturgeschichte ist umstritten. Weder die myst. Erhöhung der eigenen, noch die radikale Disqualifizierung anderer wegen H.s unverkennbarer Formschwäche sind seiner eigentl. Bedeutung angemessen. Als authent. Impressionist nimmt er eine Gelenk- und Gliedfunktion im Kontext des Übergangs von Naturalismus zum Expressionismus ein. (Killy-Literaturlexikon)