Henriette Davidis

Lesebuch

Zusammengestellt und mit einem Nachwort von Dieter Treeck.
Köln: Nyland Stiftung 2011.

Geboren am 1. März 1801 als Tochter eines Pfarrers in Wengern/R. Besuch der Töchterschule in Schwelm. Ausbildung als Erzieherin in Elberfeld. Verschiedene Anstellungen als Privatlehrerin und Gesellschafterin in Schwelm, Elberfeld, Bremen und in der Schweiz. Von 1841 bis 1848 war sie Leiterin einer "Mädchenarbeitsschule" in Sprockhövel bei Hattingen. Danach war sie ausschließlich schriftstellerisch tätig. Sie starb am 3. April 1876 in Dortmund.

Ihr in viele Sprachen übersetztes Kochbuch (1844) machte sie in ganz Deutschland bekannt. Kochbücher gab es schon zu Hunderten, keines aber in dieser durchschlagend neuartigen 'Rezeptform'. (Schulte: Westf. Köpfe, 3. Aufl. 1984) Den Erlös aus ihrer schriftstellerischen Tätigkeit ließ sie Notleidenden zukommen.

Dieses Geschlechterkonzept, das die Muster von männlicher Stärke, Willenskraft und Aktivität und weiblicher Bescheidenheit, Hingebung und Passivität, den Männern die Öffentlichkeit und den Frauen die Häuslichkeit und Privatheit zuwies, kann bis zum ersten Weltkrieg in Anstandsbüchern für Mädchen, Jungfrauen und Verehelichte verfolgt werden. Die Westfälin Henriette Davidis (1801-1876), aus Wengern an der Ruhr gebürtig, gehörte zu den vielgelesenen Autorinnen dieser Anstandsbücher und erreichte durch eine rasche Folge von sechs Anstands- und Kochbüchern solche Popularität, daß sie seit Ende der 40er Jahre des 19. Jahrhunderts ihren Lebensunterhalt davon bestreiten konnte. Diese oft gefällig ausgestatteten Bücher transportieren biedermeierliche Familien-, Lebens- und Wertvorstellungen. Belehrende Episteln über das rechte Verhältnis von Mann und Frau, Frau und Religion, Kindererziehung, Haushaltsführung und die Beschäftigung mit Literatur dokumentieren das Kaleidoskop gesellschaftlicher Normen, die auch weithin rezipiert worden sind, wie die hohen Auflagenzahlen der Bücher belegen. [...] In der Schrift: "Der Beruf der Jungfrau. Eine Mitgabe für Töchter bei ihrem Eintritt in's Leben" (1856), 16. Auflage 1897, doziert Henriette Davidis: "Was könnte für eine Jungfrau wichtiger sein, als die Reinheit ihres Herzens und ihren sittlichen Ruf als größtes Heiligtum zu bewahren – in Haltung und Rede, in Blick und Mienen, nicht weniger in Anzug. Halte dich, meine Tochter, fern von allem, was den reinen Sinn gefährden könnte. Mit Herren geflissentlich Gespräche anzuknüpfen und sich zu bemühen, diese im Fortgang zu erhalten, oder Unterhaltung mit ihnen zu pflegen, die eine Art von Gelehrsamkeit an den Tag legen, ist nicht die Sache einer Dame von guter Sitte und weiblichem Takt; sie überläßt dies den Männern." Wenn solche Ratgeber auch nicht eigentlich zur Literatur zu zählen sind, so spiegeln sie sicher die Rahmenbedingungen weiblicher Sozialisation und umreißen das tägliche Leben und die geforderten Tugenden von Frauen und Schriftstellerinnen. (Niethammer 1992)

Weitere Informationen zu Leben und Werk Henriette Davidis' im Westfälischen Autorenlexikon