Bibliothek Westfalica

Adolf von Hatzfeld

 

Geboren am 3. September 1892 als Sohn eines aus altem westfälischen Adel stammenden Amtsrichters in Olpe. Er wuchs in Hamm und Düsseldorf auf, wohin sein Vater als Amtsgerichtsrat bzw. Senatspräsident versetzt worden war. 1911 Abitur in Emmerich. Nach einer gescheiterten Kaufmannslehre in Hamburg begann er im Herbst des Jahres eine Offizierslaufbahn in Bückeburg, geriet dort aber wiederholt in Konflikt mit den autoritären Strukturen. 1913 erblindete er bei einem Suizidversuch. Die Blindheit überschattete sein weiteres Leben, hinderte ihn jedoch nicht daran, während des Krieges Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in Münster, Freiburg/Br. und Marburg zu studieren und später Reisen zu unternehmen. 1919 Promotion über Achim von Arnims Kronenwächter. Seine Blindheit machte ihm nach Jahren krisenhafter Ich-Suche seine literarische Berufung bewußt: das Prosabuch Franziskus (1918), mit dem er über Nacht zu einer der ersten Hoffnungen junger Dichtung avancierte, schildert kaum verstellt das eigene tragische Jugenderlebnis. Obwohl noch unabhängig vom großstädtischen Modernismus entstanden, gilt es mit Recht als ein Hauptwerk des deutschen Expressionismus, weil sich in der Auflehnung des Protagonisten gegen die verhärteten Ordnungen in Kirche, Staat und Familie, im dionysischen Lebensgefühl und im Pathos der Brüderlichkeit exemplarisch Verzweiflung und Hoffnung einer ganzen Generation spiegeln. Die existentielle Dimension, die tiefe visuelle Sinnlichkeit und das pantheistische Lebensgefühl der frühen Prosa kennzeichnen auch Hatzfelds ekstatisch-kosmischen, dabei formstrengen Liebes- und Naturgedichte, die er zeitlebens immer wieder überarbeitete, den erlebten Augenblick ins Zeitlose zu erheben und so etwas Vollkommenes, Ewiges zu schaffen. Seit 1917 Wohnsitz in München, wo er eine Existenz als freier Schriftsteller wagte und u.a. Rainer Maria Rilke, Thomas Mann und Ernst Toller kennenlernte. Von 1919 bis 1921 Studium der Psychologie, Philosophie und Volkswirtschaftslehre. In München entstand der Roman Die Lemminge (1923), der vor dem Hintergrund der dortigen Revolutionswirren ein Pandämonium unseliger Liebes- und Haßbeziehungen entfaltet und in seiner bewußten expressionistischen Übersteigerung für das Verständnis des Dichters von besonderem Gewicht ist, da nirgends sonst seine charakteristischen Eigenheiten, das Bekenntnishafte, die erotomanische Sinnlichkeit und das pantheistische Empfinden, so deutlich werden wie hier. In seiner späteren Prosa wandte Hatzfeld sich realistischeren Formen zu, ohne jedoch - mit Ausnahme des Romans Der Flug nach Moskau (1942), der auf fremden Aufzeichnungen basiert, - seine eigene Erlebniswelt abstrahieren zu können. 1921 erste Reise nach Italien. Er verbrachte den Sommer in der Künstlerkolonie Positano am Golf von Salerno, ein Erlebnis, das er dann in dem Reisebericht Positano (1923) reflektierte, einer orgiastischen, in Farben und Formen schwelgenden Erinnerung an eine Zeit voller Sonnenglut und erhitzter Sinne, die eindringlich Hatzfelds visuelle Begabung bezeugt. Weitere Reisen führten ihn später u.a. nach Skandinavien, Schottland, Nordafrika, Persien, in den Sudan und auf die Krim, häufiger nach Italien und Flandern. Mit solcher Weltläufigkeit korrespondierte seine tiefe, wenn auch nicht ungebrochene Liebe zur westfälischen Heimat, deren Landschaften ständiger Topos im Werk sind und der er 1936 die Gedichte des Landes widmete. Seit 1922 Wohnsitz am Rhein, zunächst in Köln und seit 1925 nach seiner Heirat mit Mathilde Wegeler, der Tochter eines der Inhaber der Koblenzer Sektfirma Deinhard, in Godesberg. 1926 Geburt der Tochter Elisabeth, 1929 des Sohnes Georg. Freundschaft mit Jakob Kneip, Josef Winckler und anderen rheinisch-westfälischen Schriftstellern. Im Gedanken einer übernational-geistigen "Stromgemeinschaft", der auch den neusachlichen Roman Das glückhafte Schiff (1931) prägte, gründete er 1926 zusammen mit Alfons Paquet den Bund Rheinischer Dichter, dem sich u.a. René Schickele, Wilhelm Schmidtbonn, Josef Ponten, Rudolf G. Binding, Heinrich Lersch, Wilhelm Schäfer, Ernst Glaeser, Reinhard Goering und Otto Gmelin anschlossen; nach der Konstituierung in Koblenz 1927 fanden Jahrestagungen statt in Frankfurt/M. (1928), Duisburg (1930), Freiburg/Br. (1931) und Trier (1932). In ähnlicher Weise engagierte er sich seit 1929 für die Rheinische Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Liga für Menschenrechte oder setzte sich für die Kulturbeziehungen mit Flandern ein. Seine Bemühungen um die Errichtung eines Heine-Denkmals in Düsseldorf blieben hingegen erfolglos. 1927 Begegnungen mit Georgij W. Tschitscherin, dem sowjetischen Volkskommissar für auswärtige Angelegenheiten, und mit dem flämischen Dichter Felix Timmermans. 1928 Reise nach Moskau. 1933 Freundschaft mit dem Soester Maler Eberhard Viegener (Bruch 1936). Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung geriet Hatzfeld in eine innere Isolation, trennte sich 1935 von seiner Frau und zog sich auf die Haar bei Soest (Ense-Bittingen) zurück, wo er sich in unmittelbarer Nähe zu Viegener ein Landhaus gebaut hatte; der Tod seiner Frau bewog ihn 1939 zur Rückkehr nach Godesberg. 1936 veranlaßten ihn Isolation und Existenznot, in die Reichsschrifttumskammer und ein Jahr darauf auch in die Partei einzutreten. Mitwirkung an Gaukulturwochen, deutsch-flämisches Engagement. 1943 erhielt er den Joseph-von-Görres-Preis der Universität Bonn. Die Nachkriegsjahre waren für Hatzfeld durch Hunger, Mangel und Krankheit bestimmt. 1948 mußte er sich die Kugel aus dem Kopf entfernen lassen. Mehrmonatiger Krankenhausaufenthalt. Von 1949 bis 1951 Mitarbeit an der Wetzlarer Neuen Zeitung (Red. Josef Hüsch). Sein pazifistisches Engagement rückte Hatzfeld in die Nähe kommunistischer Positionen und führte zu erneuter Isolation. Um sich zu erholen, vermietete er zeitweilig das Godesberger Haus und lebte bis 1952 mit Unterbrechungen zwei Jahre in Italien, u.a. in Positano bei dem Maler Kurt Craemer; Begegnungen mit Rudolf Hagelstange und Ignazio Silone. 1952 Heirat mit Ruth Faßbender, seiner letzten Sekretärin. 1953 erhielt er, nachdem die Auswahlbände Melodie des Herzens. Gesammelte Gedichte (1951) und Zwischenfälle. Erzählungen (1952) wieder an ihn erinnert hatten, auf dem Westfalentag in Meschede gemeinsam mit Josef Winckler den Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis, konnte literarisch jedoch nicht mehr an die Erfolge der Zwischenkriegszeit anschließen. Nach dreiwöchiger Krankheit starb er am 25. Juli 1957 in Bonn an einer Lungenentzündung. Sein lange Zeit vergessenes Werk wird seit 1992 wiederentdeckt und in kommentierten Einzelausgaben neu herausgegeben.