Bibliothek Westfalica

Julius und Heinrich Hart

 

Heinrich Hart wurde am 30. Dezember 1855 in Wesel als Sohn eines Rechnungsrats geboren. Frühe Übersiedlung der Familie nach Münster, wo 1859 Julius Hart geboren wurde. Besuch des Gymnasiums Paulinum. Herausgabe der Schülerzeitschrift Herz und Geist. Von Beginn an breitgefächerte Lektüre. Freundschaft mit Peter Hille. Seit 1875 studierte Heinrich Theologie, Philosophie, neuere Sprachen und Geschichte in Münster, Halle und München. Mit Hille und Albert Gierse Herausgabe der ersten literarischen Zeitschrift Deutsche Dichtung in Münster. Ebenfalls noch in Münster mit seinem Bruder Julius 1875 Gründung des Westfälischen Vereins für Literatur, in dem 1877 die Zeitschrift Deutsche Dichtung. Organ für Dichtung und Kritik erschien. Ein erster Versuch der Brüder, sich in Berlin als freie Schriftsteller niederzulassen, scheiterte. Julius gab sein dort begonnenes Jurastudium bald auf. Zunächst Rückkehr nach Münster. Julius arbeitete als Theaterkritiker in Bremen (1878) und als Redakteur in Bromberg und Glogau, wurde aber Anfang der 80er Jahre endgültig in Berlin sesshaft. Für die in Berlin vorbereiteten Deutschen Monatsblätter (1878/1879) und den nach vier Jahren an Kürschner abgegebenen Deutschen Literaturkalender (1879 gegründet) fanden die Brüder einen Verleger in Bremen. 1881 kehrten die Harts mit klareren Zielen nach Berlin zurück, wo sie nun ständig lebten. Ihre Kritischen Waffengänge fanden die Aufmerksamkeit junger radikaler Schriftsteller. Seit den 1880er Jahren waren sie an fast allen Gruppenbildungen, an vielen Anthologien und Zeitschriften direkt oder indirket beteiligt. Um die Harts bildeten sich die frühesten naturalistischen Gruppen. Ihr gemäßigtes Programm zielte auf einen zwischen Tradition und Moderne vermittelten "Idealrealismus". Das Vorbild fanden sie eher im poetischen Werk des Sturm und Drang und namentlich des jungen Goethe als im "naturwissenschaftlichen" Werk des europäischen Naturalismus. Beliebig ausgewählte Zitate können erläutern, was vor allem in den literaturgeschichtlichen Publikationen Julius Harts immer wieder als bestimmend auffällt: der Rekurs auf das vorklassische 18. Jahrhundert, auf Empfindsamkeit und Sturm und Drang, auf eine Poetik des "Herzens", nicht der Reflexion. (Ribbat) In Fragen der literar. Wertung etwas unsicher und trotz mehrerer Versuche [...] schöpferisch unproduktiv, vermochten die H.s keinen tiefgreifenden Einfluß auf die naturalistische Bewegung [...] oder auf den Expressionismus zu gewinnen [...]. Die H.s besaßen jedoch die Fähigkeit, Menschen zusammenzubringen; in den in ihrer Berliner Wohnung stattfindenden Diskussionen wurden in den 80er Jahren viele der Intentionen späterer naturalistischer Gruppen vorweggenommen: Erneuerung des Theaters, sozialpolitische Ambitionen, der Kampf um die nationale Literatur, die positive Aufnahme der neuen skandinav. Literatur. (Killy-Literaturlexikon) 1887 waren die Brüder Hart gemeinsam mit Arno Holz, Johannes Schlaf und Gerhart Hauptmann führende Mitglieder der Berliner literarischen Gesellschaft Durch. 1889 gehörten sie zu den Gründern der Berliner Freien Bühne und der Neuen Freien Volksbühne. Während Heinrich der bedeutendere Theoretiker war, stand Julius dem Theater näher. Mit Gleichgesinnten zogen sich die Brüder in das ländliche Friedrichshagen zurück, wo sie die Neue Gemeinschaft mit der gleichnamigen Zeitschrift (seit 1902) gründeten. Heinrich Hart starb am 11. Juni 1906 in Tecklenburg. Mit den Münsteraner Jahren setzt sich Heinrich Hart nicht ohne Einsicht in die Begrenztheit der eigenen literarischen Leistungen in seinen Literarischen Erinnerungen auseinander. Wie viele andere Autoren der Jahrhundertwende versuchten sich die Harts in der Rolle von Dichter-Priestern, die aus der ästhetischen Bohème kamen und hofften, eine Gemeinschaft gründen zu können, in welcher die Lebens-Kunst frei von geschichtlichem Wandel und gefeit gegen kritische Relativierung der säkularisierten Intelligenz sein sollte. Julius Hart starb am 7. Juli 1930 in Berlin.