Hans Marchwitza

Lesebuch

Zusammengestellt und mit einem Nachwort von Walter Gödden
Köln: Nyland Stiftung 2017.

Geboren am 25. Juni 1890 in Scharley bei Byton/Oberschlesien. Mein Großvater war Bergmann, Vater war Bergmann, meine ganze Familie waren Bergarbeiter. Und auch ich kam mit 14 Jahren in die Grube, und zwar in Oberschlesien. Ich wäre gern in eine Lehre gegangen, um nicht in die Grube hinein zu müssen. [...] Man hielt uns nicht nur körperlich, man hielt uns erst recht geistig nieder. Unser Lesestoff waren die billigen und abenteuerlichen Hundert-Hefte-Räuberromane, Verherrlichung von Detektiven und Indianerhäuptlingen. Und wenn wir mal ein Buch über unser Leben in die Hände bekamen, dann war es nicht unser Leben. Das waren ja ganz fremde, fröhliche, gesangsfreudige, gut lebende und zufriedene Kumpels. Wir waren aber alles andere als satt und fröhlich, als zufrieden und glücklich. Wir waren sehr unglückliche Menschen, vom ersten Schrei bis ins Greisenalter. 1910 kam er ins Ruhrgebiet, wo er nicht nur schwerste Arbeit zu verrichten hatte, sondern auch als Lohndrücker gegen die Ruhrbergleute eingesetzt wurde. 1912 Entlassung nach einem Streik. Für sechs Monate Arbeit als Steinträger, dann wieder unter Tage. Anschließend fast drei Jahre lang Frontsoldat im Ersten Weltkrieg. 1918 schloß er sich der revolutionären Arbeiter- und Soldatenwehr an. 1919 Eintritt in die USPD. Von der Weimarer Republik enttäuscht, bekannte sich Marchwitza endgültig zum Sowjetkommunismus, als er 1920 während des Kapp-Putsches mit der "Roten Armee" im Ruhrgebiet gegen die Reichsregierung kämpfte und in die neu gegründete KPD eintrat. Wie patriotisch Marchwitza andererseits dachte, beweist 1923 sein Mitwirken am Widerstand gegen Separatismus und Ruhrbesetzung durch französische und belgische Truppen. Aufgrund seiner Dauerarbeitslosigkeit publizierte er von nun an als Berufsschriftsteller in der Zeitung "Ruhr-Echo" seines Förderers Alexander Abusch, in der "Roten Fahne" und der "Roten Front". Er besuchte 1929 als Mitglied des Bundes Proletarischer und Revolutionärer Schriftsteller die UdSSR, wo er 1930 an der II. Internationalen Konferenz proletarisch-revolutionärer Schriftsteller in Charkow teilnahm. (Büchler-Hauschild 1995) 1931 Verbot seines im Vorjahr erschienenen Romans Sturm auf Essen, der die Erfahrungen des Ruhr-Aufstandes thematisiert und für großes Aufsehen sorgte. 1933 Emigration in die Schweiz, wo er seinen Roman Die Kumiaks schrieb. Der schweizer Aufenthalt selbst gestaltete sich für ihn zu einer kurzen, aber glücklichen Schaffensperiode in der sonst sehr harten Exilzeit. 1935 Flucht nach Paris. Dort im selben Jahr Teilnahme am I. Schriftstellerkongreß zur Verteidigung der Kultur. Von 1936 bis 1938 Kampf in den internationalen Brigaden gegen den Diktator Franco. Nach der Niederlage der republikanischen Truppen Rückkehr nach Frankreich. Anfang September 1939, wenige Tage vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, wurde er unter der Anschuldigung verhaftet, er habe gegen Frankreich spioniert. Internierung in Bourg-Lastiec. Er lebte in einer primitiven Baracke bei saarländischen Bergarbeitern. Im Frühjahr 1940 Umquartierung in ein Schloß in der Nähe der Industriestadt Montluçon. 1941 Flucht in die UStA, wo er sich in New York als Gelegenheitsarbeiter durchschlug. 1946 Rückkehr nach Deutschland. Wohnsitz in der Sowjetischen Besatzungszone in Potsdam-Babelsberg. Er war Gründungsmitglied der Deutschen Akademie der Künste und zweiter Vizepräsident des Deutschen Schriftsteller-Verbandes. 1950/1951 Botschaftsrat der neugegründeten DDR in Prag. Er starb am 17. Januar 1965 in Potsdam.

Weitere Informationen zu Leben und Werk Hans Marchwitzas im Westfälischen Autorenlexikon