Felix Fechenbach

Lesebuch

Zusammengestellt und mit einem Nachwort von Frank Meier.
Köln: Nyland Stiftung 2009.

Geboren am 28. Januar 1894 in Mergentheim als Sohn eines Bäckers. Ab etwa 1900 Besuch der jüdischen Elementar- und Realschule. Im selben Jahr Umzug der Familie nach Würzburg. Er mußte schon früh, parallel zum Schulbesuch, im Geschäft des Vaters mitarbeiten, wodurch seine Schulausbildung vernachlässigt wurde. Seit 1904 Besuch der Werktagsschule im benachbarten, heute eingemeindeten Heidingsfeld. 1907 Beginn einer kaufmännischen Lehre in einer Würzburger Schuhwarengroßhandlung. 1910, nach Abschluß der Lehre, wurde er Handlungsgehilfe in der Firma. Nun trat er, auf Anregung seines gewerkschaftlich aktiven älteren Bruders, dem "Zentralverband der Handlungsgehilfen und ‑gehilfinnen Deutschlands" bei. Erstmals wird hier der politisch denkende Felix Fechenbach sichtbar. Der Verband war eine sozialdemokratisch orientierte Angestelltenorganisation, die den SPD-nahen Freien Gewerkschaften angehörte. Auch in der sozialdemokratischen Jugendbewegung in Würzburg engagierte er sich. (Flade 1988) 1911 ging er, weil ihm Würzburg zu beengt erschien, nach Frankfurt/M., wo er Handlungsgehilfe in einer Schuhwaren-Großhandlung wurde. Als der Chef die Arbeitszeit ohne gleichzeitige Lohnerhöhung verlängern wollte, organisierte der 17jährige den geschlossenen Widerstand des Personals und wurde entlassen. (ebd.) Einige Monate Gelegenheitsarbeit. 1912 ließ er sich in München nieder, wo er eine Stelle in einem Schuhwarengeschäft annahm. Nach kurzer Zeit trat er in ein Arbeitersekretariat ein und wurde Funktionär der Arbeiterbewegung. Der 18jährige kümmerte sich im Auftrag der Münchner Gewerkschaftsorganisation um die Angestellten und ihre Probleme. Tagsüber arbeitete er im Büro, abends hielt er Versammlungen ab, besuchte wieder die Fortbildungsschule, um seine lückenhafte Bildung zu vervollständigen und betätigte sich in der SPD-Jugendsektion. Gleichzeitig erschienen in der Gewerksschafts- und SPD-Presse die ersten Artikel aus seiner Feder. (ebd.) Er mußte sich aber auch Anfeindungen als "dreckiger Judenbub" gefallen lassen. Im Ersten Weltkrieg war er Soldat an der Westfront. Er zeichnete sich als Patrouillenführer aus und erhielt das Eiserne Kreuz II. Klasse. Im Februar 1915 schwere Verwundung, die einen mehrmonatigen Lazarettaufenthalt notwendig machte und zu einer bleibenden Frontuntauglichkeit führte. Er wurde im militärischen Büro in München eingesetzt. In München nahm er die Arbeit in der Jugendsektion der SPD wieder auf und schloß sich dem politischen Journalisten Kurt Eisner an, der sich von der SPD lossagte und separate Treffen durchführte, die Fechenbach organisierte und bei denen er u.a. mit Oskar Maria Graf zusammentraf. Nach Spaltung der SPD Eintritt in die USPD. In München hörte er daneben an der Universität volkskundliche Vorlesungen. Im Oktober 1918 legte er eine Prüfung ab, die ihm den Zugang zur Handelshochschule in München ermöglichte. Es gelang Kurt Eisner in München, Teile der Arbeiterschaft in Massenversammlungen für Streiks zu mobilisieren; Fechenbach verfaßte und verteilte illegale Flugblätter, was den Militärbehörden nicht verborgen blieb. (ebd.) Er mußte sich vor dem Militärgericht verantworten, bekam aber ein mildes Urteil. Er blieb in München, wohnte bei Kurt Eisner und arbeitete zielstrebig auf die Revolution hin, an deren Durchführung er maßgeblich agitatorisch beteiligt war. Nachdem Bayern am 7./8. November 1918 zur ersten Republik im Deutschen Reich erklärt worden war, wurde er persönlicher Sekretär und Referent des damaligen Ministerpräsidenten Kurt Eisner. Auf Drängen seiner Verlobten besuchte er daneben an der Münchener Universität juristische, volkswirtschaftliche und historische Vorlesungen, um sich auf die Promotion in Nationalökonomie vorzubereiten. Nachdem der Einfluß der USPD gesunken und Eisner im Februar bei einem Attentat ermordet worden war, verließ er München im April 1919. Am Tag darauf wurde er wegen politischer Umtriebe gegen die Regierung Hoffmann verhaftet und in Schutzhaft genommen, jedoch kurz darauf wieder freigelassen. Am 12. August 1919 Heirat mit der Medizinstudentin Martha Czernichowski. Zu den Gratulanten gehörte u.a. Albert Einstein. Aufgrund seiner unsicheren finanziellen Lage nahm Fechenbach einen kaufmännischen Beruf an. Er wurde Reisender für eine Chemnitzer Textilfabrik und wohnte bei einem seiner Brüder in Chemnitz. Im Januar 1920 bezog er gemeinsam mit seiner Frau eine Wohnung in Leipzig. Für zwei Monate Redaktionsleitung einer Zeitung der sudetendeutschen Sozialdemokraten in Aussig, bevor ihn die tschechoslowakische Regierung wegen unerwünschter politischer Aktivitäten auswies. Er blieb weiterhin im Journalismus tätig – bereits früher hatte er für die Münchener Tagebuchblätter und die Basler Nationalzeitung gearbeitet – und gründete ein Pressebüro, von dem aus er die gesamten USPD-Zeitungen in Deutschland mit regionaler Berichterstattung aus Bayern belieferte. Unter anderem setzte er sich kritisch mit rechtsradikalen Umtrieben auseinander. 1922 wurde ein politischer Schauprozeß wegen Landesverrats gegen ihn geführt. Für die "nationalen" Kreise Bayerns war er eine der zentralen Symbolfiguren des Umsturzes vom November 1918, für den er nun büßen sollte. (ebd.) Seine Frau, von der er inzwischen geschieden war, lieferte in einer neunseitigen Denunziationsschrift weiteres Material gegen ihn. Am 10. August 1922 Festnahme, am 3. Oktober Prozeßbeginn. Er wurde zu elf Jahren Gefängnis verurteilt. Das Urteil stieß in der Öffentlichkeit und Presse auf schärfste Ablehnung und wurde im Reichstagsplenum diskutiert. Der Fall aber hatte nun überregionale Bekanntheit erreicht und wurde, beispielsweise von Kurt Tucholsky in der "Weltbühne", von Thomas Dehler und von der Deutschen Liga für Menschenrechte immer wieder aufgegriffen. In mehreren Städten kam es zu Protestkundgebungen. 1924 sprachen sich 30.000 Bürger mit ihrer Unterschrift für die Freilassung Fechenbachs aus. Aufgrund dieses öffentlichen Drucks wurde die Strafe gegen Fechenbach, der seit dem 28. Oktober 1922 in Erbach einsaß, auf drei Jahre und sechs Monate verringert, von denen zwei Jahre und vier Monate als verbüßt galten. Die Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf zehn Jahre blieb bestehen. Im Dezember 1926 beschloß das Reichsgericht ohne neue Verhandlung, das Urteil einschließlich des Ehrverlusts aufzuheben. Am 20. Dezember 1924 erfolgte Fechenbachs Haftentlassung. Umzug nach Berlin, wo er Redakteur verschiedener sozialdemokratischer Zeitungen war. Daneben engagierte er sich in der Deutschen Liga für Menschenrechte und der Sozialistischen Arbeiterjugend. Freundschaft u.a. mit Brecht, Einstein und Tucholsky. Am 26. September 1925 Heirat mit der Krankenschwester Irma Eppstein, mit der er später drei Kinder hatte. Besonders beschäftigte er sich in seinen Berliner Jahren mit dem Handpuppenspiel, dessen anarchistisch-kritisches Potential er mit der Figur des "Genossen Kasperl" auch für Erwachsene aktivieren will. (Vogt 1995) Ab 1929 wurde er in Detmold für die SPD-Zeitung Volksblatt tätig. Der neue Redakteur modernisierte Erscheinungsbild und Inhalt des Blattes, nahm den publizistischen Kampf mit der erstarkenden NSDAP auf und sprach auf zahlreichen Parteiversammlungen. Zeitgenossen berichten, er habe "eine unerhörte rednerische Begabung" gehabt und sei der beste sozialdemokratische Redner in Lippe gewesen. (Flade 1988) Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten wurde er als Redakteur aus der Pressekonferenz der Landesregierung ausgeschlossen und verfolgt. Seine Frau brachte sich mit ihren Kindern in Augsburg in Sicherheit. Am 11. März 1933 wurde Fechenbach in Detmold für mehrere Monate in sog. Schutzhaft genommen. Während dieser Zeit verfaßte er kleinere Erzählungen für seine Kinder und arbeitete an dem Roman Der Puppenspieler, der Erinnerungen seiner Kindheit aufgriff. Auf Veranlassung Himmlers sollte er ins KZ Dachau überführt werden. Auch Reinhard Heydrich schaltete sich ein und gab womöglich den Rat, mit dem politischen Todfeind kurzen Prozeß zu machen. (ebd.) Fechenbach wurde am 7. August 1933 auf dem Weg ins KZ Dachau im Kleinenberger Wald nahe Scherfelde (im Lippischen) durch mehrere Schüsse ermordet. Seine Frau hatte er bereits zuvor in die Schweiz gebracht. Von dort flüchtete sie mit Hilfe Albert Einsteins in die UStA.

Felix Fechenbach verdient sicherlich weniger Aufmerksamkeit als Dichter denn als bemerkenswerter politischer Journalist. Seine im engeren Sinn literarischen Texte dienen demzufolge allesamt nicht zuletzt der politischen Aufklärung, ihre Botschaft besteht in der Werbung für radikal demokratische Werte, wobei Fechenbach mitunter auch in Opposition zur eigenen Partei gerät. Bereits mit der Wahl der literarischen Gattungen wendet er sich nicht an bildungsbürgerliche Kreise, sondern vor allem an ein literarisch weniger routiniertes Publikum: mit Fabeln und ihrer unübersehbar didaktischen Funktion mitsamt einer klaren, aufklärenden Aussage, mit kürzeren Erzählungen, die er vor allem für seine Kinder schreibt, und mit Puppenspiel-Stükken um den "Genossen Kasperl" für Kinder und Erwachsene, die mit Walter Benjamins Hörspiel "Radau um Kasperl" (1932) zumindest die zentrale – subliterarische und derb-volkstümliche – Jahrmarktfigur gemeinsam haben. (Vogt 1995)

Pseudonym: Rudolf Franke.

Weitere Informationen zu Leben und Werk Felix Fechenbachs im Westfälischen Autorenlexikon