Herzlich willkommen

beim Blog des LWL-Museums für Kunst und Kultur!

Amer abu Samra stellt den Besuchern das Gemälde „Bildnis der Familie Beyerle“ (1804) von Johann Christoph Rincklake vor. Foto: LWL/Nora Staege

المتحف مفتوح - Das Museum ist offen

Das Museum ist offen: Offen für Kunstinteressierte und Neugierige aller Nationalitäten und Kulturen. Hier im Museum ist jeder Mensch willkommen. Diese Einstellung ist jeden 2. Freitag im Monat bei einer besonderen Führung spürbar.

Text: Nora Staege

Es ist kurz vor 17 Uhr als sich eine internationale Gruppe im Foyer zusammenfindet. Die Teilnehmer begrüßen sich auf Arabisch, Farsi, Englisch, Französisch und Deutsch. Eingeweihte wissen wahrscheinlich schnell, welche Führung gleich beginnt. Für alle anderen gibt es ein Schild „Welt im Museum“ (Arabische Übersetzung: العالم في متحف).

Amjad, Elnaz und Amer nehmen ihre internationalen und deutschen Gäste mit auf eine interkulturelle Entdeckungsreise durch die Sammlung. Die Geflüchteten stellen einzelne Kunstwerke vor, frei von einer kunsthistorischen Einordnung erzählen sie von ihren persönlichen Assoziationen. Obwohl die drei erst seit kurzer Zeit in Deutschland sind, tragen sie ihre Interpretationen auf Deutsch vor. Auch ihre Deutschlehrerin nimmt an der Führung teil und freut sich über die Fortschritte der Schüler. Amjad, Elnaz und Amer übersetzen trotzdem zwischendurch immer wieder in das Arabische und Persische, da einige Teilnehmer_innen der Führung erst vor kurzem in Münster angekommen sind und noch kaum Deutsch sprechen.

Dirck Baburen, Christus treibt die Händler aus dem Tempel (1. Viertel 17. Jh.). Foto: LWL/Sabine Ahlbrand-Dornseif

Der 33-jährige Syrer Amjad Alhamwi hat das Gemälde „Christus treibt die Händler aus dem Tempel“ von Dirck van Baburen (1. Viertel 17. Jh.) ausgewählt. Das Werk erinnert Amjad an syrische Märkte, denn dort herrscht meist ein ähnliches Treiben. Die Händler schreien durcheinander, um ihre Waren anzupreisen, während Kunden um die Preise feilschen. Ein Besucher bemerkt, dass es auch auf dem Münsteraner Wochenmarkt manchmal ein ganz schönes Durcheinander gibt. Zwei Jungs im Publikum interpretieren das Kunstwerk anders: sie sehen Jesus im Gemälde und fragen, ob es sich dann überhaupt noch um einen syrischen Markt handeln kann. Eines wird bei dieser Führung schnell deutlich: die Wahrnehmung und Deutung eines Kunstwerks ist sehr individuell und hängt maßgeblich vom Erfahrungshorizont des Betrachters ab.

Joachim Sandrart, Muttergottes mit dem Christuskind und dem Johannesknaben - Allegorie auf den Westfälischen Frieden (1648). Foto: LWL/Sabine Ahlbrand-Dornseif

Elnaz stellt dem Publikum das Werk die „Allegorie an den Westfälischen Frieden“ von Joachim von Sandart (1648) vor. Die Iranerin mag dieses Gemälde besonders gern, weil es die Liebe einer Mutter zu ihren Kindern zeigt. Elnaz ist selbst Künstlerin und arbeitet mit Ölfarbe. Sie erklärt, dass die Farbauswahl in der „Allegorie an den Westfälischen Frieden“ besonders gut gelungen sei. Die Farben erzeugen eine warme, ruhige Atmosphäre, welche die liebevolle Beziehung zwischen Mutter und Kind unterstreicht. Dass auf diesem Gemälde die heilige Maria mit ihrem Jesuskind abgebildet ist, spielt für Elnaz keine Rolle. Die Iranerin ist zwar gläubig, das wichtigste in ihrem Leben ist jedoch ihre Tochter. Elnaz sieht es als großes Glück an, dass sie hier in Münster gemeinsam mit ihrer Tochter friedlich leben kann.

Die Museumsmitarbeiterin Ilda Mutti leitet und organisiert die interkulturelle Führungsreihe „Welt im Museum“. Am langen Freitag, dem 2. Freitag im Monat, stellen um 17 Uhr Gastvortragende verschiedener Nationalitäten Kunstwerke der Sammlung und ihre persönliche Geschichte dazu vor. Jede Führung ist anders, denn jedes Mal nehmen andere Personen aus unterschiedlichen Kulturkreisen. Am 10. Juni, dem nächsten Langen Freitag werden zum Beispiel Koreaner durch die Sammlung führen. Selbstverständlich hilft Ilda Mutti den Teilnehmern auch bei der Vorbereitung. Dabei stellt sie fest, dass die Gastvortragenden in den Kunstwerken meist nach Gemeinsamkeiten zur eigenen Kultur suchen – und diese auch finden. So schafft es die Führung „Welt im Museum“ Brücken zwischen Kulturen und Menschen zu bauen und den Horizont aller Teilnehmenden zu erweitern.

Publikationsdatum: 03.06.2016

Themen: Veranstaltungen