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beim Blog des LWL-Museums für Kunst und Kultur!

Einblicke in die Kunstvermittlung

Weiße hohe Wände ragen vor mir empor. Das Licht reflektiert. Vor meinem inneren Auge taucht ein Eisberg auf. Ich stehe im Foyer des LWL-Museums für Kunst und Kultur in Münster. Doch was ich sehen kann, als ich das erste Mal durch das Museum gehe, ist lediglich die Spitze des Eisbergs: Die Ausstellungsräume, Führungen, die Architektur – das Sichtbare.

Text: Esther Breinig

Dabei findet der Großteil unter der Oberfläche statt. Diesen für die Museumsbesucher_innen verborgenen Teil­­ – der alles organisiert, umsetzt, vermittelt, verwaltet, archiviert, publik macht und vieles mehr – darf ich während eines zweimonatigen Praktikums in der Abteilung Kunstvermittlung des Museums kennenlernen.

Aber was heißt eigentlich Kunstvermittlung? Was ist mit „vermitteln“ gemeint und warum gibt es das Vermittlungsprogramm? Kunstvermittlung bedeutet, die Kunst den Betrachter_innen näher zu bringen, ihnen Einblicke zu geben und Möglichkeiten zu bieten, sich mit der Kunst intensiv auseinanderzusetzen. Dies kann in Form von dialogischen Führungen durch das Museum oder Workshops für Schulklassen und andere interessierte Gruppen geschehen: die Kunstvermittler_innen begleiten Besucher_innen durch das Museum und ermöglichen ihnen zu aktuellen Ausstellungsthemen mit Farben und unterschiedlichen Materialien zu experimentieren. Auch bei Veranstaltungen – wie der Langen Nacht der Museen oder dem Langen Freitag – trägt die Abteilung Kunstvermittlung ihren Teil bei.

Die Kunstvermittlung im LWL-Museum folgt der Idee, die Besucher_innen bei einer Führung interaktiv einzubinden. Durch die eigene aktive Teilnahme der Besucher_innen und einem persönlichen Beitrag zu dem Kunstgespräch werden sie stärker involviert als bei einem Vortrag. Diese Form der Beteiligung führt zu einem intensiveren Einblick des dazugewonnenen Wissens. Vermittlung kann ein Anreiz sein, sich mit Kunst, Kultur und darüber hinaus weitergehenden Themenkomplexen und Fragestellungen selbst zu beschäftigen und sich kritisch damit auseinanderzusetzen. So kann der Wahrnehmungshorizont erweitert und die freie Meinungsbildung gefördert werden.

Während meines Praktikums lief die Sonderausstellung Homosexualatität_en. Ich habe an einigen Führungen teilgenommen und es war sehr spannend zu sehen, wie unterschiedlich die Menschen sich in den Räumen bewegten, welche Fragen sie stellten und wie sie teilweise nachdenklich die Ausstellung wieder verließen, weil ihnen andere Sichtweisen oder Blickwinkel aufgezeigt wurden. Im besten Fall finden sie in ihrem Alltag – also über das Museum hinaus – Situationen wieder, in denen sie sich erneut mit einem Thema der Ausstellung beschäftigen.

Diskutieren als Mittel zur Wissenserweiterung

Vermitteln kann auch ein Ausgleich von Gegensätzen sein. Verschiedene Perspektiven und  Standpunkte werden im Museum durch eine kommunikative und kritische Auseinandersetzung miteinander in Verbindung gebracht. Mit der stetigen Auseinandersetzung gehen Veränderungen im Erkenntnisprozess einher. Durch die Vermittlung werden den Museumsbesucher_innen andere oder neue historische Kontexte und Blickwinkel eröffnet. Eine freie Meinungsbildung und ästhetische Mündigkeit werden so gefordert und gefördert. Dabei wachsen das persönliche Wissen und die Wahrnehmungsfähigkeit.

Bei jedem Rundgang durch die Sammlung des Museums habe ich weitere spannende Details an den Kunstwerken entdeckt und kunsthistorischen Kontext dazu gewonnen. Ich hatte die Möglichkeit, einen Tag in die Restaurierung reinzuschnuppern. Als ich mit der Restauratorin durch die Sammlung ging und sie mir einige von ihr restaurierte Werke zeigte, war ich erstaunt, wie viele – teils offensichtliche – Einzelheiten ich dank ihrer Erzählungen in den Kunstwerken sah, die ich vorher gar nicht erfasst hatte. Dadurch habe ich einige Werke nach und nach ganz anders und teilweise viel intensiver wahrgenommen und neue interessante Aspekte entdeckt. Von diesen Erfahrungen werde ich viel mit in mein soziales Umfeld tragen und mich so über den Museumsraum hinaus damit auseinandersetzen.

Derick Baegert, Der Evangelist Lukas malt die Muttergottes (Lukasmadonna), um 1485/1490

Wahrnehmen und Beschreiben

Wahrnehmen und Beschreiben sind essentielle Aspekte, wenn man sich mit Kunst beschäftigt. Ich habe hierzu passend eine Gruppenführung mit anschließendem Workshop begleitet. Die Gruppe – Sozialpädagog­_innen aus verschiedenen Arbeitsbereichen – hatte unter anderem Teamgeist, Beschreibungen und Wahrnehmung von sich und anderen zum Thema, um die kollegialen Beziehungen zu stärken und berufliche Wünsche oder Ängste sichtbar zu machen. Um diese Inhalte auszuprobieren, sollten sich die Mitglieder der Gruppe in Zweier-Teams zusammentun. Die eine Person wurde rückwärts von der anderen Person in einen Ausstellungsraum geführt, so dass sie ein ausgewähltes Gemälde nicht sehen konnte. Die führende Person hatte nun die Aufgabe das Gemälde – in diesem Fall die Lukasmadonna (1480/1585) von Derick Baegert – zu beschreiben, während die andere Person des Zweier-Teams das Gehörte wiederum auf einem Blatt Papier mit Bleistift verbildlichte. Der pädagogische Mehrwert für die Teilnehmer_innen stand hier im Vordergrund: Es kam bei dieser Aufgabe darauf an, sich gegenseitig zuzuhören und auf den anderen einzugehen. Alle Teilnehmer merkten, wie schwer es sein kann, das Gesehene in Worte zu fassen und das Gehörte bildlich darzustellen. Probiert es doch einmal selbst bei eurem nächsten Museumsbesuch!

Vielfältigkeit der Kunstvermittlung

Die Kunstvermittlung bietet ein breitgefächertes Arbeitsfeld, das sehr abwechslungsreich ist: Sowohl die Planungen und das Entwerfen von neuen Konzepten, Workshops und Veranstaltungen im Büro, als auch das Durchführen und Probieren im Museum und Atelier kommen in diesem Bereich zusammen.

Diese Vielfältigkeit wirkt sich auch auf die Besucher_innen aus. Mit den unterschiedlichsten Formaten – wie dem Schulprogramm, Workshops, Führungen und Veranstaltungen – richtet sich die Kunstvermittlung an junge und alte, kleine und große, deutsch- und anderssprachige Menschen sowie an gehörlose, sehbehinderte, blinde und dementiell veränderte Besucher_innen.

Und das Besondere im LWL-Museum: viele Angebote können kostenlos genutzt werden. Am zweiten Freitag im Monat, dem Langen Freitag, ist zum Beispiel der Eintritt in das Museum frei und die Teilnahme an Führungen kostenlos. Für Führungen durch die Sammlung oder die Sonderausstellungen gilt nur der normale Eintrittspreis.

Publikationsdatum: 20.10.2016

Themen: Museumsteam