Die Welt liest mit: Weblogs

Weblogs, kurz ‚Blogs’ genannt, sind chronologisch gegliederte Webseiten, die periodisch neue Einträge erhalten. Das Kunstwort, das sich aus ‚Web’ und ‚Logbuch’ zusammensetzt, bezeichnet somit Journale mit sehr unterschiedlichen Inhalten. Es gibt z.B. Fach-Weblogs zu verschiedensten Themen – oft zur Politik –, viele Blogger teilen auf ihrer Webseite aber auch Einzelheiten aus ihrem privaten Leben mit. Oft verweisen Weblogger mit Hilfe von Links auf andere Seiten und kommentieren oder ergänzen diese.

Mit zunehmender Anzahl von Weblogs entstand inzwischen eine unübersehbare Zahl öffentlich geführter, persönlicher Tagebücher. Gegenüber dem ursprünglich sehr privaten und ‚intimen’ Charakter des Tagebuches ist damit ein völliger Wechsel der dahinter stehenden Beweggründe vollzogen: Weblogs dienen der persönlichen Selbstdarstellung und zur Unterhaltung. Anders als bei Lebenserinnerungen war es in vergangenen Jahrhunderten kaum üblich, Tagebücher in Buchform zu veröffentlichen. Als der Schweizer Johann Caspar Lavater Anfang der 1770er Jahre sein Tagebuch drucken ließ, war dies noch eine seltene Ausnahme; auch die Veröffentlichung des Tagebuchs von Goethe war noch etwas ganz Besonderes. Die Tagebücher vieler anderer berühmter Persönlichkeiten wurden erst im 20. Jahrhundert nachträglich publiziert, als sie schon als historische Zeugnisse galten. Des Öfteren gedruckt wurden dagegen bereits Reiseberichte, die oft tagebuchartig aufgebaut waren.
Somit sind die Textgattungen, die als Weblogs ins Netz gestellt werden, keineswegs neu. Dementsprechend gab es die ersten Weblogs schon, bevor der Begriff erfunden worden war: Der Erfinder des WorldWideWeb, Timothy J. Berners-Lee betrieb bereits Anfang der 1990er Jahre am Schweizer Kernforschungszentrum (CERN) ein Weblog, in dem er fortlaufend die Entwicklung und Nutzung der Internet-Technik beschrieb. Eines der ersten Internet-Tagebücher über das Privatleben führte Justin Hall auf der Seite „Links from the Underground“ seit 1996. Er dokumentierte Tag für Tag seines Lebens frei zugänglich im Internet. Als Erfinder des Begriffs „Weblog“ gilt aber der Amerikaner Jorn Barger, der ein „Netztagebuch“ namens „Robot Wisdom“ betrieb, das zahlreiche verlinkte Fundstellen zu verschiedensten Themenbereichen umfasste: Der Begriff „Weblog“ tauchte dort im Dezember 1997 auf.
Doch noch war das „Webloggen“ eine Beschäftigung Einzelner. Allerdings wurden die notwendigen Spezialkenntnisse zunehmend geringer. So entstand in den letzten Jahren eine regelrechte Massenbewegung. Einen Aufschwung nahm das „Webloggen“ auch mit dem 11. September 2001, als viele Autoren einen Schreibanreiz darin sahen, das Geschehen bei den Terroranschlägen in New York zu dokumentieren. Es scheint ein allgemeines Bedürfnis zu geben, „große“ Geschehnisse aus der Sicht der „kleinen“ persönlichen Erlebnisse darzustellen. Von dieser Seite her sind auch Weblogs zu sehen, die sich mit dem Themenfeld Politik beschäftigen und von Journalisten oder Politikern geführt werden. Dabei werden natürlich auch andere Ziele verfolgt, etwa erhoffen sich viele Blogger von ihrer Präsenz im Netz Eigenwerbung für ihre Person, zum Beispiel für besseren beruflichen Erfolg.
Heute scheinen „interaktive“ Elemente in Weblogs immer wichtiger zu werden, wobei Leser die Möglichkeit haben, die täglichen Einträge zu kommentieren. Anfang September 2005 verzeichnete der Dienst blogstats.de für den deutschsprachigen Raum 65.000 Weblogs; allein in Westfalen-Lippe dürfte es damit mindestens 6.000 Menschen geben, die sich als Weblogger betätigen. Zu den wichtigsten Weblog-Anbietern im deutschsprachigen Raum zählen 20six.de, blogg.de, twoday.net, antville.org, blogger.de, blogigo.de und myblog.de.

Volkskundlich von Interesse sind vor allem solche Weblogs, die etwas über die konkrete Gestaltung des Alltags aussagen. Die „Wissenschaft vom Alltag“ profitiert so von der Möglichkeit, dass fast jeder ohne größeren Aufwand zeitnah sein Tagebuch veröffentlichen kann. Gerade die Aktualität und die Möglichkeit, dass nahezu jedermann schreiben kann, machen dieses Medium als Quelle für die Volkskunde wichtig. Von Interesse sind dabei auch Weblogs, die sich mit Bildern vom Alltag beschäftigen: innerhalb sogenannter Photoblogs („Phlogs“) werden nicht selten alltägliche Motive festgehalten; Mobileblogs („Moblogs“) beschäftigen sich speziell mit Handy-Kamerabildern.
Die Menge neuen, bisher nicht vorhandenen Materials, das „Alltag“ dokumentiert, wirft aber nicht geringe methodische Probleme auf. So ist der Wahrheitsgehalt der Darstellungen nicht ohne Weiteres festzustellen. Da ein wichtiger Schreibanreiz in der Selbstdarstellung liegt, muss davon ausgegangen werden, dass vielfach die eigene Person inszeniert wird und Weblogs nicht nur reale Welt abbilden, sondern auch Ideale und Wunschvorstellungen. Des Weiteren sind die verfügbaren Rahmendaten zur Person oft unvollständig: Man erfährt vielfach wenig über den sozialen Hintergrund, oft fehlen auch Angaben über die regionale Herkunft.


Literatur

Astrid Haarland/Markus Christian Koch: Generation Blogger. Bonn 2004.
Erik Möller: Die heimliche Medienrevolution. Wie Weblogs, Wikis und freie Software die Welt verändern. Hannover 2005.