Pauline Christine Wilhelmine von Anhalt wurde am 23.02.1769 auf Schloss Ballenstedt im Harz geboren. 1796 heiratete sie den Fürsten Leopold I. zur Lippe. Nach dem Tod des Fürsten im Jahre 1802 übernahm sie die alleinige Regentschaft über das Fürstentum Lippe. Im Jahr 1820 übergab sie die Regentschaft an ihren Sohn Leopold II. Fürstin Pauline war während ihrer Amtszeit bemüht, die Selbstständigkeit und die Interessen des kleinen Fürstentums Lippe gegen die Großmächte zu verteidigen. Sie unternahm mehrere diplomatische Reisen, die sie bis nach Paris führten. Auf diesen Reisen führte sie Tagebuch und beschrieb darin nicht nur ihre Treffen mit Politikern und Herrschern, sondern auch die kleinen und großen Beschwerlichkeiten, die das Reisen in der damaligen Zeit mit sich brachte. In dem folgenden Ausschnitt beschreibt sie eine Reise von Detmold nach Frankfurt, Aschaffenburg und Mainz, die zum Ziel hatte, die Aufnahme Lippes in den Rheinbund zu beschleunigen.
Sonntag, 4. Januar 1807
Die 3 Meilen nach Corbach stellten das Ideal eines grundlosen abscheulichen Weges dar, und es gehörte eine angenehme und interessante Unterhaltung dazu, um rosenrother Laune zu bleiben. Man hatte uns den Berg herauf gleich hinter Stadtbergen 8 Pferde vorgespannt. Wir hatten Laternen bey uns, denn der böse Mond begrüßte uns auch keinen einzigen Morgen. Wenigstens zeigte er sein Antlitz höchstens eine Viertelstunde neckend hinter einer Wolke, aber wir brauchten 6 Stunden, ehe wir Corbach sahn. Der erste Wagen blieb in etwas, der zweyte ganz vollkommen fest sitzen; es mußten die Pferde ab- und angespannt und manche, für Weiterkommen sehr zögernde Anstalt getroffen werden. Corbach ist eine traurige Herberge; am Stricke steigt man eine elende Treppe halsbrechend hienauf. Auch hier sprach man von bösen Auftritten im nahen Franckenberg und daß die Insurgenten vom Fürsten von Waldeck drohend Canonen zu fordern gewagt. Wir erkundigten uns demnach wegen der Route über Berleburg nach Siegen, hörten aber, wie sie kaum zu reiten, in keinem Fall zu fahren sey. In Corbach die Nacht zu bleiben fanden sich keine Gründe, da wir doch schwerlich etwas gewisseres erfahren hätten, der Gasthof anzog wie der verkehrte Pol des Magnets und der Comödienzettel über eine von einer Puppen-Gesellschaft zu gebenden Haupt- und Staatsaction wenigstens allein kein Gegengewicht gab. Wir frühstückten etwas weniger als mittelmäßig, bezahlten aber desto besser und fuhren gegen 2 Uhr weiter die 3 Meilen bis Franckenberg. Unser Postknecht war sehr eingebildet auf seine Kunst und rühmte sich ausnehmend. Der Weeg war steinigt, aber nicht ein solcher Morastsee wie am Morgen. Mir, der im Schooße der Berge gebohrenen, gefiel die etwas wilde Gegend und besonders die Laage des Dallwig’schen Gutes Lichtenfeld gar sehr; wir lachten über den Gasthof „Zum kecken Hahn“, der sich deutsch und französisch und gemahlt so ankündigt, indem er auf einem Fuchs reitet, und erreichten Sachsenberg. Eine halbe Stunde nachher kamen wir in einen Hohlweg. Unser sich selbst mächtig preisende Postillon wollte einem Schlagloch ausweichen, fuhr halbes Gleis, und der Wagen sank auf der rechten Seite, wo ich saß, allmählig herab. Schon lag er, und ich, der die Erfahrung neu war, glaubte noch nicht, umgeworfen zu seyn, aber da fiel er ganz, der linke Schlag oben. Ich hatte ein Federküssen im Rücken und fiel mit und auf diesem und lag wie im Bette. Frl. Biedersee diente mir aber nicht lange zum leichten Deckbete. Wohl wissend, daß ich vollkommen wohlbehalten war, begriff ich erst, das Hindernis meines mich nicht aufrichten könnens nicht, bis ich gewahrt ward, ich läge unter dem Sitz. Ich kullerte mich hervor, stand auf und erblickte das Fräulein gleichfalls stehend und mir antwortend, ihr sey nichts geschehn. Nun fehlte und schwieg noch unser Regierungsrath, aber er versuchte, wenn auch vergeblich, das hintere Fenster zu öffnen, um herauszusteigen und den Wagen aufzurichten und betheuerte, nichts empfunden zu haben, als daß er aus einer sitzenden Stellung in eine liegende komme. Wann man bedenkt, daß die beyden hinteren Fenster emporgezogen, um Wagen Bouteillen und Pistolen waren, wovon sogar eine aus der Tasche fiel und eine schwere Chatoulle darinn angeschnallt, so kann man Gott nicht genug danken, daß er so uns bewahrte. Zwar fand sich nun, daß das gute Fräulein mehr an mich als an sich denkend sich nicht auf mich hatte fallen lassen wollen, wodurch ihre linke, die Anhalter zu fest umfassende Hand zu stark angespannt war und danach schwoll und die Nase an der Imperiale des Wagens etwas Epiderme gelassen hatte, der Bediente Nieländer auf den Arm gefallen und eine Scheibe etwas gesprungen war. Aber darauf beschränkte sich auch das ganze Unangenehme des so glücklichen Unglücks, den Schröcken für die im 2ten Wagen sitzenden, die uns fallen sahn, mit eingerechnet. Sie kamen uns zu Hülfe, mit ihnen ein Fremder, der von Corbach bis Marburg oft mit uns ritt. Aber wir mußten heraus, ehe dem Wagen emporgeholfen werden konnte, und die Aufgabe war nicht so ganz leicht, da man sich erst auf die Imperiale schwingen mußte. Es gelang indessen dem Fräulein mit einiger Nachhülfe aus dem Inneren des Wagens, und dann trugen sie 3 Postillons auf das feste Land jenseits. Bey meinem größeren phisischen Gewicht war es eine andere Sache; indessen es wurden Küssen und Fußbank aufgeschichtet, ich kam herauf und rutschte auf die Wagendecke unter vielfachem Beystand und ward nun von 5 Personen wie ein Ballen Frachtgut herabgefördert. Unserem leichten und gewandten Reisegefärthen kostete das Herauskommen nur 2 Sprünge. Nun wurden das Zerbrechliche herausgenommen, der Wagen aufgehoben, und – was mir nicht möglich schien – er war noch ganz. Wir sezten uns ein, indessen es war über den so natürlichen Auffenthalt dunkel geworden, und es bedurfte der Leuchten wieder. Wir dankten erst Gott, und dann lachten wir herzlich, besonders, da noch einige comische Folgen, eine von Schmutz gezeichnete Fuß-Silhouette an der Seitenwand des Wagens, eine in etwas ausgelaufene Arrack-Bouteille sich fand und dergleichen mehr.
Nach 6 Uhr waren wir in Franckenberg. Auf dem Markt war eine große Menschenversammlung; eine militairisch aussehende Person fragte, wie wir ausstiegen, wer wir wären und convoyirte uns höflich in die „Brezel“. So hieß das Gasthaus, was für uns von da an der Maasstab des Erbärmlichen blieb. Es kündigte sich gleich für das an, was es eigentlich ist: eine Fuhrkarrenherberge durch die Menge der davor stehenden Wagen – kaum, daß wir durch die Deichseln und Stangen uns durchdrängen konnten. Das Haus schien des Schmutzes eigentliches Sanctuarium. Die Treppen benannten Leitern zu erklimmen, war ein halsgefährdendes Kunststück und eine Oellampe das Licht, was man uns gab. Drey Zimmer, die so niedrig waren, daß Herr Falckmann nur zwischen den Balken stehen konnte, ohne anzustoßen, wo die sogenannten Canapés härter waren als Schemel und die Betten jede Idee an Schlaf verbannten, waren das uns angewiesene Quartier. Der Hauptmann Viernhaber von der Landmiliz erfuhr nur die Nahmen, die uns Verabredung des Unbekanntbleibens gab, er erzählte uns mit détail, daß die Unruhen eigentlich vorüber wären, auch nur bey Marburg bedeutend gewesen, zwey Tage früher auch in Franckenberg ein toller Haufen hereingewüthet, die Cassen habe nehmen wollen, aber von ihm besänftigt worden sey. Man hatte dort gehört, ein französischer Commissaire geleite eine Kriegscasse; diesem hatten die Bauren aufgepaßt und uns, wie wir mit 2 Wagen mit Laternen ankamen, dafür gehalten, sich deshalb versammlet und uns in Empfang nehmen wollen. Dieser Hauptmann, ein höflicher Mann, wollte nun auch von uns Neuigkeiten wissen; ich spielte meine Rolle gut, sprach von unserer Fürstin, die uns Pässe gegeben etc., so daß meine Reisegefährten kaum ernsthaft bleiben konnten. Endlich begleitete er den Regierungsrath als dieser so gefällig war, für mich ein doch etwas besseres Quartier suchen zu wollen. Er fand es im Posthause, und ich, die Bärend und ein Bedienter machten dorthin ein Détachement aus. Bis 9 Uhr blieb ich mit der Gesellschaft in der „Brezel“ und half ihnen mich stellen als äßen wir. Dann durchgieng ich das ewig lange, häslich gebaute, häslich gepflasterte Städgen, fand eine recht gute Stube und schlief trefflich, so daß ich den andern Tag die Klage meiner Gefärthen zwar bemitleiden, aber nicht ihnen beystimmen konnte.
Entnommen aus: Eine Fürstin unterwegs. Reisetagebücher der Fürstin Pauline zur Lippe, 1799–1818. Bearb. von Hermann Niebuhr. Detmold 1990, S. 20 ff.