Lenchen Liesemeier

Helene „Lenchen“ Liesemeier wurde am 05.12.1897 auf dem Bauernhof ihrer Eltern in Heßloh bei Heiden geboren. Nach dem Abschluss der Volksschule besuchte sie im Jahr 1915 die Landwirtschaftliche Haushaltungsschule in Gohfeld bei Löhne und 1916 einen Kurs an der Handelsschule Detmold. Anschließend erhielt sie eine Anstellung als Verwalterin auf einem Gut in Buschow in Brandenburg. In den folgenden Jahren arbeitete sie als Sekretärin und als Verwaltungskraft auf verschiedenen Höfen und in Krankenhäusern. 1936 kehrte sie nach Heßloh zurück und lebte dort zusammen mit ihrem ebenfalls unverheirateten Bruder auf dem Hof der Eltern. 1987 starb Lenchen Liesemeier.
1914 begann Lenchen Liesemeier Tagebuch zu führen. Wenige Tage nach der ersten Eintragung befand sich Deutschland im Kriegszustand. Das Tagebuch begleitete das junge Mädchen die Kriegszeit hindurch bis in den April 1919.


21. August 1914
Heute will ich einmal wieder ein wenig in mein Buch schreiben. Viel Neues weiß ich aber nicht, denn man kommt jetzt wenig aus dem Hause. Doch wo soll man auch hingehen, denn die Bahnverbindungen sind schlecht, und nach Ehrentrup bin ich ja erst vor drei Wochen gewesen. Und dann fehlt einem auch die Lust zum Ausgehen; denn der Gesprächsstoff ist überall derselbe – vom Kriege. Auch ich bekam am Sonntag und gestern eine Karte von einem Soldaten, einem gewissen Fr[itz] St[einmann] – begleiten doch diesen Marthas Wünsche, mit auf das Schlachtfeld. Erst vor einiger Zeit lernte ich ihn kennen auf einer Tour nach den Externsteinen. Ein riesig netter und hübscher Mensch. Na, ich werde den Tag schon nicht wieder vergessen. – Vorgestern abend waren auch hier Soldaten. Um 9 Uhr gingen wir alle in das Dorf, um sie zu sehen, sie hatten sich bei der Flachsrote auf Möllings Felde niedergelassen. Es waren Reservisten des Detmolder-Rgt. N 55. Erst wurde dann ein Zelt aufgeschlagen und nachher ein Feuer gemacht. Um dieses lagerten sie sich dann und sangen immer Vaterlandslieder. Ein Hornist, mit welchem Pappa dann ein Gespräch anfing, war aus Grohfeld. Ich fragte ihn dann nach seinem Namen, worauf er mir antwortete, er heiße „Gerlach“ und wohnte unweit von der uns bekannten Haushaltsschule. Auch würde er, wenn ich dort hinkäme mich einmal besuchen, daß hieße, wenn er lebe. Wer weiß. – Um 11 ½ Uhr rückten sie dann wieder nach Detmold vor. – Bei der Erstürmung von Lüttich ist ein Prinz „Wilhelm zur Lippe“ ein Onkel von unserm Fürsten gefallen. Der erste deutsche Prinz. Alle Einzelheiten, welche man von dem Kriege hört, hier niederzuschreiben, würde zu weit führen. Darum will ich mir einige Zeitungen [aufheben]. Jetzt will ich noch eine Karte an Fr[itz] St[einmann] schreiben, welcher als Gef. d. Reserve im Leib-Garde-Husaren Regt. in Potsdam dient; aber jetzt schon in Belgien im Kriege ist, schreiben. Ob er sie auch wohl erhält.

[…]

am 5. Februar 1915
Es ist bestimmt in Gottes Rat, daß man von dem, was man am liebsten hat, muß scheiden.
So begann Marthas Brief, welcher heute Mittag hier ankam. Denn ihr Liebstes, sie hat es dem Vaterland gegeben. Ihr tr. Fritz ist tot. - - -
In der Nacht vom 22.–23. Januar, um 12 ½ hat er auf Rußlands unwillkürlichen Gefilden, wo er als Unteroffizier mit seinen Mannschaften auf Vorposten stand, und es dann zwischen ihnen und einer wüsten Kosakenbande zu einer wilden Schießerei kam, einen Unterleibsschuß davon getragen. Er wurde dann in ein Feldlazarett gebracht. Hat da noch 2 Tage unter großen Schmerzen gelegen und ist am 25. gestorben im Feldlazarett Straßburg, woselbst er dann am 27. Januar auf dem Kriegesfriedhof zu Straßburg beerdigt wurde. Er ist begraben an einem großen Tage, an dem Geburtstage seiner Majestät des Kaisers. An welchem der Schnee unausgesetzt zur Erde fiel.
Von allen seinen Lieben durfte ihm nur sein Bruder Gustav Steinmann noch einmal die kalte Hand drücken. Er war sofort, als die Nachricht von seiner Verwundung kam, abgereist. Hat ihn aber nicht mehr lebend angetroffen.
Er ist fort! Besonders für Martha: Zum letzten Mal hat sie und auch ich ihn gesehen am 7. Juli 1914 auf einem schönen Ausfluge nach den Externsteinen. Ich werde diesen Tag nimmer wieder vergessen. Er war ein besonders lieber und guter Mensch. Die letzte Karte, welche ich von ihm bekam, war noch am 20. Januar auf Vorposten geschrieben. Und acht Tage später wurde er schon in der winterlichen Erde bestattet. Viele Tränen sind um ihn verflossen. Auch hier bei uns. Es ist eben entsetzlich, was der Krieg für Wunden reißt. Doch wir müssen stark sein.
Morgen werde ich nun nach Martha reisen.
Ehre sei dem Andenken ihres ewig tr. Fritz.

Entnommen aus: Gudrun Mitschke-Bucholz: „Lernen ist nun mal mein Ideal. Tagebuchaufzeichnungen von Lenchen Liesemeier aus Hessloh. 1914–1919. In: Lippische Mitteilungen aus Geschichte und Landeskunde 72/2003, S. 309 f. und 316.