Das Foto zeigt Antonia Helming als junge Frau
Foto: privat

Antonia Helming, geb. Berentzen

Antonia Helming, geb. Berentzen kam am 13.04.1865 in Haselünne im Emsland zur Welt. Die Eltern besaßen eine Landwirtschaft, verdienten ihr Geld aber vor allem mit einer Brennerei und mit der Produktion von Hefe. 1887 heiratete sie den Arzt Dr. Hermann Helming und zog mit ihm nach Ahaus. Von 1888 bis 1910 brachte Antonia Helming 13 Kinder zur Welt. Eine Tochter starb als Kind an einer Knochenmarkentzündung, alle anderen erreichten das Erwachsenenalter. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 führte in der Familie zu großen Veränderungen: die fünf ältesten Söhne wurden eingezogen bzw. meldeten sich freiwillig zum Dienst. Einer der Söhne fiel, einem anderen musste ein Bein amputiert werden. Auch die anderen Familienmitglieder wurden in den Krieg miteinbezogen: eine Tochter arbeitete als Rote-Kreuz-Schwester, Hermann Helming leitete das in Ahaus eingerichtete Lazarett und Antonia Helming engagierte sich im Vaterländischen Frauenverein.
Schon bei Ausbruch des Krieges ahnte Antonia Helming die bevorstehenden Veränderungen und die einschneidende Bedeutung dieser Jahre und so begann sie bewußt am 01. August 1914, dem Tag der Mobilmachung in Deutschland, damit, ein Tagebuch zu führen. In ihren Aufzeichnungen spiegeln sich aus der individuellen Perspektive die Ereignisse des Krieges wider: die große Bereitschaft der Bevölkerung, den Krieg vorzubereiten und mitzutragen, die Hoffnungen der kaisertreuen Bürgersfrau auf einen deutschen Sieg, aber auch die Sorgen der Mutter um ihre Söhne an der Front, die Fürsorge für die durch den Krieg geschädigten Menschen, aber auch die wirtschaftlichen Probleme in ihrer eigenen Familie. Antonia Helmings Tagebuch ist ein „Kriegstagebuch“: Sie führte es bis zwei Jahre nach Kriegsende weiter und schloss es dann, ergänzte lediglich noch einige Eintragungen aus dem Rückblick.

1. August 1914
„Mobil!“ ruft ein Postbeamter auf die Straße hinaus indem er das Fenster aufreißt! Nun wird er kommen der Weltkrieg, der schon so lange drohte. Der Krieg mit Frankreich, Rußland und England. 27 Jahre habe ich mit meinem Manne in Ruhe und Frieden gelebt und ein glückliches Familienleben geführt. 13 Kinder hat uns Gott geschenkt, sie wurden alle unter einem glücklichen Stern, dem Friedensstern geboren. Wohl blieben uns auch Sorgen nicht erspart, indem einmal es uns drohte, unser ganzes Vermögen einzubüßen. Der Sturm ging glücklich vorüber, ohne viel Schaden anzurichten. Einmal auch krampfte sich unser Herz im herben Leid, als am 13. August 1906 unser blondes Krausköpfchen, unsere 12jährige Elisabeth nach ganz kurzer Krankheit starb (Knochenmarkentzündung). Wie wird es aber sein, wenn der Krieg hereinbricht, wie wird er enden?

3. August 1914
Heute früh um 6 ½ Uhr fuhr mein Mann nach Coesfeld, wohin er als Stabsarzt der Landwehr II a.D. beordert war, die sich krank meldenden Reservisten und Landwehrleute zu untersuchen. Er kam abends sehr müde heim. Von den Reservisten hatten sich wenige, von den Landwehrleuten mehr krank gemeldet. Um 8 Uhr früh hat unser Wagen die Familie Scheele zur Bahn gebracht. Carl, der Stolz des Hauses, Leutnant der Reserve, fuhr für’s Vaterland in’s Feld.
Später sprach ich Frau von Schorlemer. Viele junge Mädchen und Damen melden sich als freiwillige Pflegerinnen, sie wollen auch wohl im Voraus Wäsche nähen, oder den Landleuten einernten helfen.
Mein Mann will demnächst einen Kursus abhalten zur Ausbildung von Pflegerinnen. Vorläufig sind ausgebildete Pflegerinnen genug da und unsere Soldaten sind noch frisch und gesund. – Abends großer Volksauflauf. Zwei Russen seien gefangen. Es waren harmlose russische Erdarbeiter, die den Schutz des Bürgermeisters anriefen. Der Chauffeur von Dr. von Delden – Gronau ist von Bauern erschossen, die meinten, ein verdächtiges, französisches Auto vor sich zu haben.

4. August 1914
Heute schrieb Theo, der als Praktikant im Krankenhaus zu Erfurt weilt, eine lang erwartete Karte. Er muß sich Mittwoch dem Militär stellen. Hans, 18 Jahre alt, fuhr um 5 Uhr früh nach Cöln, um sich bei den Pionieren freiwillig zu stellen. Er war nicht zu halten und muß darum dem Drange seines Herzens folgen. Er will Elektrotechniker werden und hat einige Monate in der Schlosserei der Jutefabrik praktisch gearbeitet. Um 11 Uhr morgens war Versammlung des Vorstandes des vaterländischen Frauenvereins im Landratsamt. Im Canisiusstift sollen Nähnachmittage abgehalten werden, zweimal die Woche, damit für etwaige Einquartierungen von Verwundeten und die Armen der Stadt Ahaus Wäsche da ist.

5. August 1914
Heute früh um 7 nahm Hermann Abschied. Er fuhr mit drei Söhnen von Dues per Auto nach Coesfeld. Wir gingen gleich darauf in den feierlichen Gottesdienst (Hochamt vor dem ausgesetzten Hochwürdigsten), der vom Bischof angeordnet ist. Die Kirche war voll von Betern. England soll auch den Krieg erklärt haben.
4 Uhr nachm. Hermann schickte eine Karte aus Coesfeld: Bin auf dem Transport nach Wesel als Artillerist. Hoffentlich findet er doch später als Unterarzt Verwendung. Maria bekommt soeben von der Oberin des Roten Kreuzes aus Gelsenkirchen Antwort auf ihre Anfrage, daß sie am 11. August, nachdem die Schwestern ins Feld gezogen, im Mutterhause eintreten kann. Sie will als freiwillige Krankenpflegerin sich im Kriege nützlich machen. Das wird mir ganz besonders schwer, Maria fortzulassen.

6. August 1914
Hans ist wieder da. Er ist gestern Abend ½ 5 Uhr von Cöln abgefahren und um 7 Uhr heute Morgen in Ahaus angekommen. Er hat die Zeit in Cöln meist mit Warten in der Caserne zugebracht. Er soll am Montag wiederkommen, wird dann ärztlich untersucht und kann gleich dort bleiben. Er ist als Festungspionier eingetragen. Von Theo noch keine Nachricht. Die Feuerwehrkapelle begleitete wieder Landwehrleute zur Bahn. Die Kriegervereinskapelle ist bereits aufgelöst. Die Musik schneidet mir ins Herz! So viele müssen Weib und Kinder verlassen! Alle, alle sind voll Begeisterung! Was haben wir für einen Kaiser! Die Thronrede las Helene vor, ebenso die Rede des Reichskanzlers. Was ist dagegen das Drohen und Wenden des Engländers Grey!

7. August 1914
Ich war am Morgen zur hl. Kommunion. Die Kirchen sind voll von Betern, der Himmel möge Erbarmen haben. Das Herz ist mir den ganzen Tag so schwer.
Hermann hat in Heek die Obduktion der Leiche des Chauffeurs, auf den als vermeintlicher Spion geschossen wurde, vorgenommen.
Der Vaterländische Frauenverein veranstaltete den ersten Näh-Nachmittag. Es waren 65 Personen zur Näharbeit erschienen. Stoffe und Geld sind schon gestiftet. Während des Nachmittags erschien der Landrat und las aus der Zeitung vor, daß Lüttich im Sturm genommen sei, nach blutiger Schlacht. Viele rufen Hurra, die Mütter zittern in Gedanken an ihre Söhne!
Eine beruhigende Karte von Theo. Er ist für den Garnisondienst tauglich befunden worden, bleibt einstweilen in Erfurt. Das ist gut, den Felddienst hätte er nicht ausgehalten.


Entnommen aus: „Mutters Kriegstagebuch“. Die Aufzeichnungen der Antonia Helming 1914–1922. Bearb. von Stephanie Fredeweß-Wenstrup. Münster 2005, S. 27-29.