Tagebuchschreiben hat heute kein sehr positives Image: Es gilt vielfach als altmodisch und allenfalls als Beschäftigung für Mädchen in der Pubertät, die ihre kleinen Geheimnisse und ihren ersten Liebeskummer einem abschließbaren kleinen Buch anvertrauen. Diese Bewertung wird sogar durch wissenschaftliche Untersuchungen zum Teil verstärkt: Die britische Psychologin Elaine Duncan veröffentlichte 2004 eine Studie, nach der Menschen, die regelmäßig Tagebuch schreiben, eine schlechtere Gesundheit haben und häufiger unter Kopfschmerzen leiden. Darüber, wie viele Menschen heute aber tatsächlich ein klassisches Tagebuch führen, gibt es aber keine Untersuchungen.
Dem zwiespältigen Image des Tagebuchschreibens steht jedoch das große Interesse am Tagebuchlesen gegenüber. Tagebücher, die scheinbar nicht für einen möglichen Leser, sondern nur für den Verfasser selbst geschrieben sind, galten und gelten als besonders authentisch und glaubwürdig. Die Vorstellung, dass ein Mensch seine Gedanken und Gefühle hier offen darlegt, weil er sich eben nicht wie sonst üblich für ein Publikum inszeniert, weckt Interesse und reizt dazu, in fremden Tagebüchern zu lesen – nicht nur in den zufällig gefundenen Tagebüchern der eigenen Kinder oder Eltern, sondern auch in denen völlig fremder Menschen.
Inzwischen sind zahlreiche Tagebücher von bekannten Persönlichkeiten, aber auch von „normalen“ Menschen publiziert worden, die in der Öffentlichkeit häufig mit großem Interesse aufgenommen worden sind. Dabei geht es weniger um einen möglichen „Blick durchs Schlüsselloch“ – also um Einblicke in das, was sonst den Blicken der Öffentlichkeit verborgen ist, sondern vor allem um die Frage, wie sich die Ereignisse der „großen“ Geschichte im alltäglichen Leben der Menschen wiederfinden lassen.
Besonderes Interesse finden daher vor allem Tagebücher aus der Zeit der NS-Herrschaft und der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Das berühmteste Einzelbeispiel ist das Tagebuch des jüdischen Mädchens Anne Frank, die mit ihrer Familie zwei Jahre lang in einem Versteck in Amsterdam lebte und während dieser Zeit Tagebuch führte. In Projekten wie Walter Kempowskis „Echolot“ oder „Mein Tagebuch“ von Heinrich Breloer steht hingegen nicht eine einzelne Person mit ihrem Text im Mittelpunkt, vielmehr kommen viele verschiedene Menschen aus dieser Zeit zu Wort. Durch die Zusammenstellung und Montage der Texte ergibt sich ein Zeitbild, bei dem die verschiedenen Stimmen und Perspektiven von Männern und Frauen, von Soldaten und Zivilisten, von Tätern, Opfern und Mitläufern gegeneinander und nebeneinander stehen.
Ein weiteres Beispiel für das große Interesse an authentischen Texten aus der NS-Zeit – und damit auch für den hohen Marktwert derartiger Quellen – stellen die angeblichen Hitler-Tagebücher dar, die 1983 von Konrad Kujau für 9,3 Millionen DM an die Zeitschrift „Stern“ verkauft wurden. Die Tagebücher stellten sich allerdings als schnell als Fälschungen heraus und sorgten für einen der größten Presseskandale der Nachkriegszeit in Westdeutschland.
Fälschungen sind bei Tagebüchern und anderen persönlichen Aufzeichnungen auch in anderen Fällen vorgekommen. Das große Vertrauen, das solchen Quellen im Vergleich zu Sachtexten entgegengebracht wird, wurde zum Beispiel im Bereich der politischen Propaganda schon früh genutzt, um bestimmten Aussagen ein besonderes Gewicht zu verleihen und sie als „wahr“ zu kennzeichnen: Im Ersten und im Zweiten Weltkrieg wurden gefälschte Feldpostbriefe gezielt veröffentlicht, um die wahren Verhältnisse an der Front zu beschönigen und den Durchhaltewillen der Bevölkerung zu stärken. In ähnlicher Weise wurden im Rahmen der von den Nationalsozialisten erzwungenen Umsiedlungen während der 1940er Jahre Tagebücher und Briefe als Propagandamittel genutzt und dienten dazu, die öffentliche Meinung von der Notwendigkeit und dem Erfolg dieser unpopulären Maßnahmen zu überzeugen.
Nicht nur die Öffentlichkeit, sondern auch die Wissenschaft interessiert sich in den letzten Jahren immer stärker für Tagebücher. Volkskundler und Historiker nutzen diese Texte, um das alltägliche Leben breiter Bevölkerungsschichten zu untersuchen. Mit Hilfe dieser und ähnlicher Quellen (Briefe, Autobiographien, Reiseberichte) gelingt es, viele „weiße Flecken“ in der Geschichte auszufüllen: Vor allem Fragen nach der konkreten Gestaltung des Alltagslebens, nach den Beziehungen zwischen Ehepartnern oder Eltern und Kindern, nach den Ängsten, Hoffnungen und Wünschen der Menschen in einer bestimmten Zeit können beantwortet werden. Vor der Analyse der Tagebücher steht jedoch oft erst einmal die mühsame Arbeit, diese aufzuspüren und zusammenzutragen. Als private Dokumente sind sie nicht systematisch in staatlichen und städtischen Archiven gesammelt worden, sondern befinden sich in Privatbesitz, versteckt in verschiedensten Archivbeständen oder in Handschriftensammlungen und Bibliotheken.
Das große Interesse an diesen Quellen hat jedoch dazu geführt, dass es mittlerweile zahlreiche Institutionen gibt, die Tagebücher und persönliche Aufzeichnungen von Privatpersonen sammeln. Für Westfalen hat zum Beispiel die Volkskundliche Kommission des Landschaftsverbandes diese Aufgabe übernommen. Zu den überregionalen Archiven zählen etwa das Archiv von Walter Kempowski in Nartum, das Archiv für Geschichte und Biographie der FernUniversität Hagen in Lüdenscheid und das Deutsche Tagebucharchiv in Emmendingen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dieser Institutionen erleben dabei immer wieder, dass die Menschen nicht nur bereitwillig die Tagebücher ihrer Angehörigen und Vorfahren ins Archiv geben, sondern auch ihre eigenen Texte dort abliefern. Diese Praxis und der Wunsch, dass das eigene Tagebuch erhalten bleibt und gelesen wird, widersprechen zunächst der Vorstellung, dass Tagebücher nur für den eigenen Gebrauch bestimmt sind. Tatsächlich wünschen sich viele Tagebuchschreiberinnen und -schreiber jedoch mit Hilfe ihrer Aufzeichnungen ihre Erfahrungen weiterzugeben – häufig an die eigenen Kinder und Enkelkinder, oft aber auch an eine unspezifische Leserschaft.
Heinrich Breloer: Geheime Welten. Deutsche Tagebücher aus den Jahren 1939 bis 1947. Frankfurt a.M. 1999.
Wilhelm Fielitz: Persönliche Dokumente über die nationalsozialistischen Umsiedlungen als Werkzeug der Propaganda. In: Heinke M. Kalinke (Hg.): Brief, Erzählung, Tagebuch. Autobiographische Dokumente als Quellen zu Kultur und Geschichte der Deutschen in und aus dem östlichen Europa. Freiburg i.Br. 2000, S. 173–198.
Susanne zur Nieden: Alltag im Ausnahmezustand: Frauentagebücher im zerstörten Deutschland 1943 bis 1945. Berlin 1993.
Die Tagebücher der Anne Frank. Frankfurt a.M. 1986.
Walter Kempowski: Das Echolot. Ein kollektives Tagebuch. 1. Januar bis 28. Februar 1943. 4 Bde. München 1993.
Walter Kempowski: Das Echolot. Fuga furiosa. Ein kollektives Tagebuch Winter 1945. 12. Januar bis 14. Februar 1945. 4 Bde. München 1999.
Walter Kempowski: Das Echolot. Barbarossa ’41. Ein kollektives Tagebuch. 21. Juni 1941 bis 30. Juni 1941 und 1. Juli 1941 bis 8. Juli 1941. München 2002.
Walter Kempowski: Das Echolot. Abgesang ’45. Ein kollektives Tagebuch. München 2005.