Was die Medien am 18. November 2005 in Westfalen berichten, wissen wir heute noch nicht. Die Meldungen in den Zeitungen, im Fernsehen und im Radio werden sich jedoch vor allem mit Ereignissen beschäftigen, die viele Menschen betreffen: politische Entscheidungen, sportliche Wettkämpfe, Preissteigerungen, Unglücksfälle und Katastrophen. Auch das Wetter, Klatsch und Tratsch aus der Welt der Prominenten oder Berichte über aktuelle Kulturereignisse könnten mögliche Themen sein. Solche Nachrichten finden den Weg in die Archive und geben den Menschen in späteren Jahrzehnten einen Eindruck vom Leben in Westfalen an diesem speziellen Tag. Aber das Bild, das die Medien liefern, blendet das aus, was die meisten Menschen tatsächlich als „ihr Leben“ empfinden: die konkrete Gestaltung des eigenen Alltags, die Wünsche und Wertvorstellungen, die aktuellen Ängste und Nöte, aber auch die Glücksmomente, die Begegnungen mit anderen Menschen und die Reflexion über die Ereignisse der „großen Welt“. Dieses wirkliche Leben des Einzelnen wird nur in Ausnahmefällen für kommende Generationen archiviert.
Dokumentation des gegenwärtigen Alltagslebens in Westfalen-Lippe
Der Alltag der vielen, sehr unterschiedlichen Menschen ist immer noch eines der großen Geheimnisse – nicht nur in der historischen Perspektive, sondern auch für die Gegenwart. Zwar nehmen wir das heutige Leben und die Kultur täglich wahr, jedoch oft nur ausschnitthaft. Hier setzt das Projekt der Volkskundlichen Kommission für Westfalen und des Seminars für Volkskunde/Europäische Ethnologie der Universität Münster an: Der Alltag der Menschen in Westfalen-Lippe soll in einer einmaligen Aktion für den 18. November 2005 dokumentiert werden; die Einsendungen sollen eine einmalige Momentaufnahme des Lebens ganz unterschiedlicher Bevölkerungsschichten an einem einzigen Tag bilden.
Das so entstehende Archiv wird eine Grundlage für die wissenschaftliche Erforschung des Alltagslebens in Westfalen-Lippe zu Beginn des 21. Jahrhunderts bilden. Die Berichte dieses „Archivs für die Zukunft“ können in den folgenden Jahren als Ausgangsbasis für zahlreiche Fragestellungen im Bereich der Bewusstseinsforschung und Bewusstseinsanalyse dienen. Dazu zählen Fragen nach der Wahrnehmung der politischen, sozialen und ökonomischen Umbauprozesse am Beginn des 21. Jahrhunderts, Fragen nach dem Stellenwert von Arbeits- und Freizeitwelt, aber auch Fragen nach der individuellen Wahrnehmung und Darstellung von Zeit und nach der Strukturierung des Alltags oder den Konventionen des alltäglichen Erzählens.
Das Projekt arbeitet nicht mit einem vorstrukturierten Fragebogen, sondern gibt den Menschen die Freiheit, in ihrem Bericht das auszuwählen, was sie für erzählens- und bewahrenswert halten. Diese Offenheit des Schreibaufrufs gewährleistet auch, dass die Angesprochenen nicht auf eine Funktion als Informationsträger für eine mögliche wissenschaftliche Untersuchung reduziert, sondern vielmehr als adäquate Gesprächspartner wahrgenommen werden.
Vorbilder und literarische Verarbeitung
Es gibt konkrete Vorbilder für das Projekt: 1998 startete das Meertens Instituut in Amsterdam in Zusammenarbeit mit dem Nederlands Centrum voor Volkscultuur in Utrecht und dem Nederlands Openluchtmuseum in Arnheim in den Niederlanden einen Schreibaufruf, auf den 40.000 Zuschriften eingingen.. Andere Projekte fanden 1992 in Dänemark unter Leitung des dänischen Nationalmuseums in Lyngby und 1991 in Schweden statt.
In Deutschland hat das Thema Tag bzw. Tagesablauf vor allem Schriftstellerinnen und Schriftsteller zu einer Auseinandersetzung angeregt. Eine literarische Verarbeitung hat die Beschäftigung mit einem einzelnen Tag etwa im Werk der Schriftstellerin Christa Wolf gefunden, die den 27. September für den Zeitraum zwischen 1960 und 2000 jedes Jahr erneut thematisiert hat. Anlass für dieses Projekt von Christa Wolf war ein Aufruf, den die Moskauer Zeitung „Iswestija“ an alle Schriftsteller der Welt gerichtet hatte. Dieser Aufruf bezog sich auf eine Idee Maxim Gorkis, der 1936 „Einen Tag der Welt“ portraitieren wollte. Auch andere Schriftsteller haben sich mit dem Thema „Tagesablauf“ und „Alltag“ beschäftigt, so zum Beispiel Alexander Solschenizyn mit seiner 1962 erschienenen Erzählung „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“.
Oft bewegen sich die Schriftstellerinnen und Schriftsteller bei ihrer Auseinandersetzung mit diesem Thema zwischen Literatur und Historiographie. So auch Walter Kempowski, der in seinem elfbändigen Werk „Das Echolot“ Tagebucheinträge, Briefauszüge und Zitate aus Lebensbeschreibungen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs zu einem beeindruckenden Text zusammenfügte. Auch im Bereich der zeitgenössischen Dramatik und Fotokunst finden sich immer wieder Projekte, die den Tagesablauf einzelner oder mehrerer Menschen in den Mittelpunkt stellen.
In wissenschaftlichen Zusammenhängen wurde der Tagesablauf von den Medienwissenschaften, der Pädagogik, der Psychologie und der Statistik untersucht. Thema der Kulturwissenschaft ist der Tagesablauf hingegen bis heute in Deutschland selten gewesen – im Gegensatz etwa zu „Lebenslauf“ und „Lebenserfahrung“, Kategorien, über die zum Beispiel der Volkskundler Albrecht Lehmann gearbeitet hat. Zwar ist das Alltagsleben von breiten Bevölkerungsschichten in den vergangenen Epochen in den letzten Jahren durch die Geschichtswissenschaft intensiv erforscht worden, aber die meisten Untersuchungen werden von Fragestellungen bestimmt, die lediglich einen Teil dieses Lebens in den Mittelpunkt stellen: Soziale Beziehungen, Nahrung, Wohnen etc. Die Besonderheiten des Tagesablaufs in seiner Komplexität und in seinem historischen Wandel ist bisher aber noch weitgehend unerforscht. Das Projekt „Mein 18. November“ soll dazu beitragen, einige dieser Forschungslücken zu schließen.
Ad de Jong/Carla Wijers (Hgg.): Brieven aan de toekomst. Utrecht 1999.
Walter Kempowski: Culpa. Notizen zum „Echolot“. München 2005.
Albrecht Lehmann: Das Leben in einem Arbeiterdorf. Eine empirische Untersuchung über die Lebensverhältnisse von Arbeitern. Göttinger Abhandlungen zur Soziologie, 23. Stuttgart 1976.
Albrecht Lehmann: Erzählstruktur und Lebenslauf. Autobiographische Untersuchungen. Frankfurt/New York 1983.
Estrid Anker Olsen/Mette Skougaard (Hgg.): En dag i Danmark. Dagbogen 2. september 1992. Copenhagen 1993.
Aleksandr I. Solženicyn: Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch: Erzählung. München 1970.
Christa Wolf: Ein Tag im Jahr. 1960-2000. München 2003.