In einem Tagebuch beschreibt ein Mensch täglich oder zumindest regelmäßig, was ihn beschäftigt oder was ihm wichtig erscheint. Das ist aber auch schon fast die einzige Gemeinsamkeit: Tagebücher sind ebenso unterschiedlich wie die Menschen, die sie schreiben. Legt man eine Reihe von Tagebüchern nebeneinander, stößt man auf sehr unterschiedliche äußere Formen: einige Autoren schreiben in abschließbare und in Leder gebundene Bücher, andere benutzen Schulhefte, alte Kalender oder lose Blätter.
Heute verstehen die meisten Menschen unter einem Tagebuch Texte, in denen sich ein Mensch mit sich selbst und mit seinen Erlebnissen, Gedanken und Gefühlen beschäftigt und die vor allem für ihn selbst bestimmt sind. Diese Form des Tagebuchs ist jedoch eine Variante, die sich erst im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte. Wie unterschiedlich Tagebücher tatsächlich sind, zeigt sich besonders dann, wenn man die historische Entwicklung dieser Textform näher betrachtet.
Zu den wichtigsten Vorformen des modernen Tagebuchs gehören Chroniken, also Aufzeichnungen, in denen in unregelmäßigen zeitlichen Abständen Ereignisse festgehalten wurden, die zum Beispiel ein Kloster, eine Stadt oder eine Familie betrafen. Solche Chroniken waren bereits im Mittelalter weit verbreitet. Der Schreiber, der für die Abfassung dieser Chroniken verantwortlich war, beschrieb jedoch nicht das, was für ihn als Einzelperson wichtig war, sondern das, was eine ganze Gruppe von Menschen – eine Klostergemeinschaft, die Bürger einer Stadt oder eine Familie – betraf. Festgehalten wurde, was für die Nachkommen dieser Gemeinschaften bewahrt werden sollte: die Daten von Geburten, Todesfällen oder Amtseinführungen, Berichte über Naturkatastrophen, Brände, Kriege oder Mißernten, Besuche von Königen und Kaisern. Häufig finden sich in diesen Texten aber auch kurze Bemerkungen, die über eine reine Beschreibung der Geschehnisse hinausgehen: Die Schreiber fügten fast immer Kommentare, Bewertungen oder Anmerkungen zu ihrer eigenen Person ein. Seit dem Ende des 15. Jahrhunderts nehmen diese persönlichen Anteile immer mehr zu und markieren die Weiterentwicklung von der reinen Chronik hin zum Tagebuch.
Nach wie vor bildeten aber nicht die Gedanken und Gefühle des Schreibenden, sondern über seine Person hinausgehende Ereignisse und Informationen das eigentliche Thema dieser „Privatchroniken“. So finden sich darin Familiennachrichten neben politischen Ereignissen, Wetterbeobachtungen neben Preisveränderungen und Gebete neben Rezepten gegen Krankheiten. Das Tagebuch diente in der Frühen Neuzeit vor allem als eine Art Notizbuch oder Nachschlagewerk, in dem alles, was für die Zukunft wichtig sein konnte, festgehalten wurde. Viele dieser Bücher wurden innerhalb der Familie weitergegeben und oft über mehrere Generationen hinweg weitergeschrieben.
Eine weitere Frühform stellen Journale und Geschäftsbücher aus dem kaufmännischen und handwerklichen Bereich dar. Hier wurden erwartungsgemäß vor allem Informationen festgehalten, die den Geschäftsverlauf markieren: An- und Verkäufe, Geld- und Warenbestand, eigene Schulden und ausstehende Rechnungen. Diese Inhalte wurden allerdings ergänzt durch die Beschreibung von privaten und politischen Ereignissen sowie Bemerkungen zu verschiedensten Bereichen des Betriebes und der eigenen Familie. Die Entwicklung eigenständiger Buchhaltungssysteme führte jedoch bald zu einer Trennung von Rechnungs- und Tagebüchern. Vor allem im ländlichen Raum, bei Bauern oder Handwerkern, waren Merk- oder Anschreibebücher jedoch noch bis ins 19. Jahrhundert weit verbreitet.
Auch Reisebeschreibungen hatten große Bedeutung für die Entwicklung des modernen Tagebuchs. Zu einer Zeit, in der Reisen mit hohen Kosten und großem Aufwand verbunden war, stellte der Besuch von fremden Regionen oder exotischen Ländern eine Besonderheit dar, die so entschieden aus dem Alltag herausfiel, dass die dort gemachten Beobachtungen und Erlebnisse fast immer schriftlich festgehalten wurden. Mit der Erleichterung des Reisens durch den Bau von befestigten Straßen und der Entwicklung eines Postkutschennetzes im 18. Jahrhundert wurde zwar die Mobilität vieler Menschen größer, aber Reisen blieb immer noch spannend und ungewöhnlich genug, um darüber schriftliche Berichte – oft für die Daheimgebliebenen – abzufassen.
Mitte des 18. Jahrhunderts änderte sich die Nutzung des Tagebuchs in entscheidender Weise. Impulse kamen dabei von ganz unterschiedlichen Seiten: Der Pietismus forderte die subjektive Ausformung der Religion ein, die Aufklärung wies dem Menschen die Verantwortung für sich selbst zu und die Empfindsamkeit betonte die eigenen Gefühle und die individuelle Wahrnehmung der Umwelt durch den Menschen. Theologen, Philosophen und Literaten stellten plötzlich – wenn auch mit unterschiedlicher Zielsetzung – den Menschen als Individuum in den Mittelpunkt und förderten und forderten Selbstbeobachtung und Selbstkontrolle von ihm. Das Tagebuch als kontinuierlich geführte und ichbezogene Aufzeichnung erwies sich dabei als ideales Medium für die Beschäftigung des Menschen mit sich selbst. Denn Gedanken, Gefühle und Verhalten können hier nicht nur an einem beliebigen Tag reflektiert, sondern durch die schriftliche Fixierung über einen beliebig langen Zeitraum auch miteinander verglichen und auf mögliche Verhaltensänderungen hin überprüft werden. Das Tagebuch kam somit dem neuen Interesse des Menschen an sich selbst, das sich im 18. und 19. Jahrhundert ausbildete, aber auch den Forderungen nach Verhaltenskontrolle entgegen, die von ganz unterschiedlichen Seiten an ihn heran getragen wurden. Die Offenheit dieser Textform in Inhalt und Form ließ es zu, dass das Tagebuch im Rahmen der pietistischen Bewegung als Chronik einer religiösen Bekehrungsgeschichte ebenso problemlos genutzt werden konnte wie innerhalb der aufklärerischen Bestrebungen als Rechenschaftsbericht für vernünftiges und moralisch einwandfreies Verhalten oder als Dokument der eigenen Empfindsamkeit und der Selbstvergewisserung einer „schönen Seele“.
Innerhalb weniger Jahrzehnte entwickelte sich eine umfassende Kultur des Tagebuchschreibens. Vor allem bei Angehörigen des gebildeten Bürgertums und bei Adligen war das Führen eines Tagebuchs weit verbreitet. Viele junge Leute schrieben täglich ihre Gedanken und Gefühle in ein Tagebuch und lasen einander aus ihren Aufzeichnungen vor. Die Tagebücher dieser Zeit waren wie ihre Vorläufer zwar privat, aber nicht geheim. 1771 veröffentlichte der Schweizer Prediger Johann Caspar Lavater sein „Geheimes Tagebuch. Von einem Beobachter Seiner Selbst“ und führte damit das Tagebuch als literarische Gattung ein. Auch hier war die Kennzeichnung „geheim“ kein Hindernis, die Aufzeichnungen anderen Menschen zugänglich zu machen: Vielmehr kennzeichnete sie die eingelöste Forderung nach Offenheit und Aufrichtigkeit der Aufzeichnungen.
Lavater, der sich vor allem mit seinen eigenen Gefühlen und Wahrnehmungen beschäftigt, wurde mit seinem Tagebuch zum Vorbild für viele andere Tagebuchschreiber. Trotz der zunehmenden Nutzung des Tagebuchs als Medium der Ich-Analyse verlor es jedoch nie seine Funktion als Chronik des eigenen Lebens. Das alltägliche Geschehen bildet nicht nur den notwendigen Bezugsrahmen für die Auseinandersetzung des Individuums mit sich selbst und seiner Umgebung, sondern steht weiterhin im Mittelpunkt der meisten Tagebücher. Zwar entwickeln sich daneben Formen, in denen der Blick konsequent nach innen gerichtet ist und die vorrangig auf die Beobachtung des eigenen Seelenlebens hin ausgerichtet sind, so etwa das Anfang des 19. Jahrhunderts in Frankreich entstandene so genannte „journal intime“. Ebenso lassen sich aber Beispiele für diaristische Aufzeichnungen finden, in denen die Person des Tagebuchschreibers völlig hinter den notierten Daten und Ereignissen zurücktritt, dazu zählen etwa die Tagebücher von Johann Wolfgang von Goethe. Der Großteil der seit Anfang des 19. Jahrhunderts entstandenen Tagebücher vereinigt jedoch beide Bereiche. Dieses Nebeneinander von „Ich“ und „Welt“ und die sich daraus ergebende generelle thematische Offenheit stellt eines der grundlegenden Kennzeichen des modernen Tagebuchs dar. Für die meisten Autoren liegt der Anreiz, Tagebuch zu führen, gerade darin, dass diese Textgattung die Möglichkeit bietet, sich mit allen Bereichen ihres Lebens schriftlich auseinanderzusetzen. Ebenso wurden und werden viele Tagebücher weiterhin in Hinblick auf einen möglichen Leser geschrieben: Eltern schreiben für ihre Kinder, Schriftsteller halten das Entstehen ihrer Werke fest, Politiker rechtfertigen ihre Handlungen für die Nachwelt.
Marie-Luise Hopf-Droste: Das bäuerliche Tagebuch. Fest und Alltag auf einem Artländer Bauernhof 1873–1919. Cloppenburg 1981.
Anke Melchior: Mädchen- und Frauentagbücher seit dem Mittelalter. Eine Bibliographie von veröffentlichten Tagebüchern in deutscher Sprache. In: BIOS 5/1992, Heft 2. S. 271–314.
Alfred Messerli: Der papierene Freund. Literarische Anregungen und Modelle für das Tagebuchführen. In: Kaspar von Greyerz, Hans Medick und Patrice Veit (Hgg.): Von der dargestellten Person zum erinnerten Ich. Europäische Selbstzeugnisse als historische Quellen (1500–1850). Köln, Weimar, Wien 2001, S. 299–320.
Helmut Ottenjann/Günter Wiegelmann (Hgg.): Alte Tagebücher und Anschreibebücher. Quellen zum Alltag der ländlichen Bevölkerung in Nordwesteuropa. Münster 1982.
Sibylle Schönborn: Das Buch der Seele. Tagebuchliteratur zwischen Aufklärung und Kunstperiode. Tübingen 1999.
Ralph-Rainer Wuthenow: Europäische Tagebücher. Darmstadt 1990.