Geschlecht: männlich
Geburtsjahr: 1957
Familienstand: verheiratet
Wohnort: Münster
Beruf: Arzt
Am 18.11. wachte ich gegen 5.30 Uhr zentral-amerikanische Zeit im Haus unserer amerikanischen Freunde in Lake W., Missouri, 40 km südlich von K. City auf. Meine Frau und ich waren 2 Tage zuvor angekommen, um zum einen unserer Freunde, die wir seit über 15 Jahren aus unserer Zeit in Boston kennen, und zum anderen unsere 16jährige Tochter zu besuchen, die für 1/2 Jahr bei unseren Freunden als Austauschschülerin leben darf. Unsere Freunde St. und E. S., er Augenarzt, sie Kinderärztin, leben seit über 10 Jahren in dieser kleinen Siedlung am See W. haben 3 Kinder - 2 Mädchen, ein Junge - im Alter zwischen 11 und 15 Jahren. 2 blonde Labrador-Hunde ergänzen die Familie.
Das Leben im Haus beginnt langsam, was durch die leichte Holzbauweise des Hauses in unserem Gastzimmer nur schwer zu überhören ist. Da die Kinder sehr früh das Haus verlassen müssen, um nach einer Fahrt von ca. 45 Minuten rechtzeitig in der Highschool anzukommen, stehen wir auf, um bei der sehr amerikanischen und leider sehr ungemütlichen Frühstücksszene dabei zu sein: Jeder isst für sich in der großen Küche etwas im Stehen (Cornflakes mit Milch und Blaubeeren oder Pancakes mit Ahornsirup und einen "frensh vanilla flavored" Kaffee). Gesprochen wird wenig, die Ersten, die mit dem Frühstück abgeschlossen haben, drängen zum Aufbruch. Unsere Tochter hat offensichtlich an diese Art der Morgenbegegnung adaptiert. Die 3 Mädchen müssen schließlich die Reste von Pancake und Kaffee mit ins Auto nehmen, denn um 6.45 Uhr fährt E. mit den Kindern los. Kurz nach Abfahrt kommt St. aus dem Badezimmer, begrüßt uns herzlich, zieht sich einen Kaffee aus dem Küchen-Automaten und verlässt das Haus.
Das Haus ist nun ruhig. Wir holen bei aufgehender Sonne ein gemütliches Frühstück nach. Nach ausgiebiger Morgentoilette und etwas Zeitung ist E. wieder von Shuttleservice zurück und überredet meine Frau, an ihrer Yogastunde teilzunehmen. Ich verbringe den Morgen damit, bei wunderschönem Frühwinterwetter bei blauem Himmel und Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt einen Spaziergang um den See zu unternehmen. Lake W. ist ein künstlich angelegter See, um den ca. 300 Häuser, fast alle mit eigenem Uferstück, zu der gleichnamigen Siedlung zusammengefasst, gebaut wurden. Nähe zur Großstadt, finanzierbare Grundstücke und hoher Freizeitwert am See haben die Leute hier hin gezogen. Der Ort hat lediglich ein jetzt im Winter geschlossenes Restaurant im örtlichen Yachtclub und natürlich die obligate Tankstelle für Autos und Boote. Andere Läden sucht man hier vergeblich.
Ein Fußgänger wie ich ist hier wohl ein extrem seltener Anblick - wohin soll man auch gehen -, weswegen ich von allen Vorbeifahrenden wahrgenommen, aber dann sehr vertraut gegrüßt werde. Ich mache in meiner europäischen Kleidung - langer, dunkler Mantel und Schal - wohl einen eher unauffälligen Eindruck für die Anwohner. Alle Häuser erscheinen um 10.30 Uhr morgens sehr verlassen, man arbeitet wohl. In vielen Einfahrten liegen noch die zusammengerollten Zeitungen auf dem Boden, geschützt durch eine Plastikfolie.
Um 11.30 treffe ich die Yoga-Frauen wieder im Haus, man berichtet enthusiastisch über die Yogalesson, nach Aerobic und Workout offensichtlich der letzte Schrei der amerikanischen Powerfrau. Wir machen uns nun auf den Weg zum Lunch, wo wir St. mit seinen Eltern treffen werden. Nach fast 1 Stunde Fahrt kommen wir an, das Restaurant liegt in einem Baseballstadion des Erstliga-Clubs, die Kansas Royals.
St. weiß, dass ich für Baseball schwärme, leider ist die Saison seit Oktober zu Ende, so dass wir nur die leere Stadionkulisse als Hintergrund erleben. Das Essen ist köstlich, Beef in Kansas gehört zu Besten, die Gespräche sind sehr unterhaltsam, wir haben viel Spaß. Es fällt beim Nachtisch der Entschluss, den Nachmittag mit dem Boot auf dem See zu verbringen.
Ich fahre mit St. zurück, er fährt ein Cabriolet und da das Wetter so gut ist, öffnen wir das Dach, legen eine Rock-CD ein und "brausen" in gehobener Stimmung nach Hause. Dort angekommen, holt St. mit seinem Vater das Boot aus der See-Garage, bereitet einige Whiskys vor und wählt 3 Zigarren aus. Wir helfen E. in der Zeit noch bei der Vorbereitung zum abendlich geplanten Dinner mit Freunden. Gegen 16.00 Uhr klettern wir dann auf das kleine Boot, genießen Sonne, Wasser, Whisky und Zigarre (letztere etwas weniger) und tuckern in bester Stimmung, Philosophien austauschend, 2 Stunden bis Sonnenuntergang um den See, untermalt mit Frank Sinatra und Nora Jones aus dem Bootslautsprecher - ein toller Nachmittag!
Als wir um 18.30 Uhr wieder im Haus sind, kommen die Kinder gerade von der Schule. Wir genießen nach über 4 Monaten unserer Tochter wieder bei uns zu haben. Viel Zeit zum deutschen Gespräch gibt es nicht, da um 19.30 Uhr die Gäste erwartet werden. So ziehen wir uns um, sind aber erstaunt, St. als Hausherr im sehr legeren Freizeitdress in Trainingshose und Sweatshirt zu sehen. Die Gäste, St.s Vater mit seiner Frau und Freunden aus Spanien, erscheinen pünktlich. Alle sind sehr herzlich und offen. In klassischer Rollenverteilung scharen sich die Frauen im Gespräch in der Küche zusammen, während die Männer sich vor St.s kleiner Hausbar versammeln und die verschiedenen Brände und Destillate begutachten und auch testen.
Schließlich versammeln sich alle um den Tisch, ein Sitzordnung gibt es nicht, ich soll aber am Kopf des Tisches neben St. sitzen. Nachdem alle Teller gefüllt sind - es gibt ein köstliches Rinderfilet - gibt St. den 1. Toast an die internationale Freundschaft aus. Es folgt - eine nette Geste, die ich mir merken werde - ein Toast von jedem am Tisch im Uhrzeigersinn, einschließlich der Kinder. Leider wird vom vielen Prosten das Fleisch kalt und ich bin bemüht, noch einige Bissen zwischen den Trinksprüchen essen zu können. Dennoch ist es wundervoll, bei einem solch internationalen Dinner die Wahrnehmung eines jeden im Trinkspruch zu erfahren. Es wird ein großartiger Abend, ich habe oft meine Tochter im Arm und wir tanken unser Zusammensein aus vollen Zügen. Nach dem Essen wird der Tisch von allen abgeräumt und zur Seite gestellt, denn nun wird spontan getanzt. Die Spanier unserer internationalen Gesellschaft beginnen mit einem Flamenco, wir legen einen Quick Step auf den Teppichboden, die Amerikaner staunen nur. Erst spät nach Mitternacht löst sich vor Erschöpfung langsam alles auf, St.s Vater schläft bereits auf dem Sofa und auch an uns sind die Tage mit jet lack in den Knochen nicht spurlos vorbei gegangen. In den frühen Morgenstunden des 19.11. beenden wir den Tag, weiß Gott kein normaler Tag in meinem Leben!