Schreibaufrufe in Europa

Schreibaufrufe, mit denen der Alltag eines einzigen Tages erkundet werden sollte, sind bereits in drei anderen europäischen Ländern durchgeführt worden.

„Intressant att leva“ – der 14. Mai 1991 in Schweden
Die erste Aktion dieser Art fand 1991 in Schweden statt. Das Nordische Museum (Nordiska Museet) und der Schwedische Heimatbund (Sveriges Hembygdsförbund) fragten nach „Tagebucheinträgen“, die den 14. Mai 1991 dokumentieren sollten. Die Menschen sollten berichten, was sie an diesem Tag gemacht haben, um das alltägliche Leben eines normalen Tages für zukünftige Forschungen zu dokumentieren. Innerhalb von etwa drei Wochen schickten rund 10.000 Menschen ihre Geschichten eines ganz gewöhnlichen Dienstags ein. Der Umfang der Einsendungen variierte zwischen einer und vierzig Seiten; insgesamt kam auf diese Weise eine Materialfülle von ca. 30.000 Textseiten zusammen.
Das Thema hatte damals in Schweden bereits eine gewisse Tradition: Im Bereich der Heimat- und Kulturpflege waren schon mehrfach kleine Aufrufe durchgeführt worden, die Impulse für eine verstärkte Dokumentation der Gegenwartskultur geben sollten. Über die Idee des „Sammeln und Bewahrens“, die nicht nur Aufgabe des Heimatbundes, sondern auch des Nordischen Museums ist, kam es schließlich zu einer Kooperation von Heimatbund und Museum. Federführend waren Mats Rolén und Elisabeth Svalin vom Schwedischen Heimatbund und Stefan Bohman sowie Ottonie Nyberg vom Nordischen Museum in Stockholm. Der Aufruf wurde durch die Medien bekannt gemacht, außerdem verteilten die Museen eine Broschüre. Als Anreiz zum Mitmachen wurden Eintrittskarten für das Nordiska Museet und Abonnements für eine Fachzeitschrift unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern verlost. Als erstes Ergebnis der Aktion veröffentlichten Museum und Heimatbund ein Buch mit ausgewählten Berichten.

„En dag i Danmark“ – der 2. September 1992 in Dänemark
Im folgenden Jahr wurde in Dänemark ein ganz ähnliches Projekt durchgeführt. Unter Leitung des Dänischen Nationalmuseums in Lyngby und dem Dänischen Staatsradio kamen ca. 55.000 „Tagebücher“ zusammen, die sich mit dem 2. September 1992 befassen – somit hat fast ein Prozent der gesamten Bevölkerung auf die Aktion reagiert. Möglich war dieser Erfolg durch eine wirksame Medienkampagne, die Mette Skougaard vom Nationalmuseum und Estrid Anker Olsen vom Staatsradio durchführten. Der Stichtag wurde zu einem „Tagebuchtag“ erklärt; ferner konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Preise bei einer Verlosung gewinnen.
Mit durchschnittlich vier Seiten waren die Berichte etwas länger als in Schweden. Das anschließend veröffentlichte Buch mit ausgewählten Berichten entwickelte sich zu einem Bestseller, der dreizehn Wochen lang unter den ersten zehn Plätzen auf der Bestsellerliste rangierte.

„Brieven aan de Toekomst“ – der 15. Mai 1998 in den Niederlanden
1998 waren die Niederländer dazu aufgerufen, einen Tag aus ihren Leben zu beschreiben, nämlich den 15. Mai 1998. Die Initiative ging von drei Forschungseinrichtungen aus: dem Meertens Instituut in Amsterdam, dem Nederlands Centrum voor Volkscultuur in Utrecht und dem Nederlands Openluchtmuseum in Arnhem. Hauptsponsor war die niederländische Post, die PTT Post BV. Als Stichtag hatten die Initiatoren einen Freitag gewählt, an dem sich der Friedenschluss von Münster zum 350. Mal jährte – ein wichtiges Datum, denn damit war für die Niederlanden 1648 der Dreißigjährige Krieg beendet.
Die Werbekampagne lag in den Händen des Nederlands Centrum voor Volkscultuur; dessen Direktorin Ineke Strouken sorgte dafür, dass das Projekt durch die Medien und persönliche Kontakte bekannt gemacht wurde. Durch die Beteiligung der Post als Sponsor konnte umfangreiche Plakatwerbung gemacht werden; jeder Briefkasten erhielt einen Aufdruck, es gab eine spezielle Briefmarke zu diesem Anlass und umfangreiches Informationsmaterial. Beim Utrechter Institut gingen 39.500 Einsendungen ein, die anschließend vom Meertens Instituut übernommen, dort archiviert und mittels einer Datenbank erschlossen wurden. Seit 2004 ist der Bestand für wissenschaftliche Benutzung zugänglich.
Die Briefe hatten sehr unterschiedliche Form: handschriftlich, getippt, per E-Mail, auf Tonbändern aufgesprochen oder auf Diskette. Die meisten Texte umfassten nur wenige Seiten, der längste aber nicht weniger als 80 Seiten. Viele Menschen haben ein Passfoto beigelegt; manche haben auch Bilder gezeichnet oder gemalt. Des Öfteren wurden auch Gegenstände eingepackt; darunter fanden sich zahlreiche, meist nicht archivierbare Kuriosa, bei denen leere Zigarettenschachteln und ein alter Schulranzen noch zu den harmloseren zählten.
Die Briefschreiber waren zwischen 8 und 98 Jahre alt und gehörten damit fast allen Altersklassen an; besonders stark vertreten waren Einsender zwischen 45 und 75 Jahren. Eine große Gruppe stellten Schüler dar, gut vertreten waren auch einzelne Berufsgruppen, z.B. Taxifahrer. Antworten kamen sogar aus gesellschaftlichen Randgruppen, etwa Asylsuchenden, Prostituierten oder Gefängnisinsassen.
Angesichts der großen Zahl der Einsendungen stellte es sich als unmöglich heraus, den gesamten Bestand für die geplante Publikation von Einzelberichten zu sichten. Es wurden daher nur 3.500 zufällig ausgewählte Briefe von einem Team von Wissenschaftlern gelesen und daraus 62 Einsendungen ausgewählt. Dabei hat das Redaktionsteam darauf geachtet, einen ausgewogenen Querschnitt durch das Briefmaterial zu erstellen, hat bisweilen aber auch das herausgehoben, was den Bearbeitern als Zeitgenossen von 1998 aufgefallen war. Welche besonderen Gesichtspunkte später von Interesse sein werden, kann heute schließlich noch niemand wissen. Das Buch wurde genau ein Jahr nach dem Stichtag veröffentlicht; gleichzeitig eröffnete das Nederlands Openluchtmuseum eine Ausstellung zum Thema, bei der Fotos und Zeichnungen eine besondere Berücksichtigung fanden.

Literatur

Stefan Bohman/Ottonie Nyberg (Hgg.): Intressant att leva. Dagböcker 14 maj 1991. Stockholm 1992.
Ad de Jong/Carla Wijers (Hgg.): Brieven aan de toekomst. Utrecht 1999.
Estrid Anker Olsen/Mette Skougaard (Hgg.): En dag i Danmark. Dagbogen 2. september 1992. Copenhagen 1993.