„Mein besonderes Interesse erregten die Galizierinnen“

Reinhold B., Kunstmaler, geb. 1895, gest. 1975
Wohnort: Lennestadt-Grevenbrück
Datum der Niederschrift: 5. März 1971
Berichtsort: Lennestadt-Grevenbrück, Kreis Olpe
betrifft die Zeit um 1910

Das Foto zeigt Reinhold B.

Der Sonntag war früher, außer dem Kirchgang, ein Ruhetag. Die körperliche Arbeit war viel anstrengender als heute, und 12 Arbeitsstunden waren die Regel. Ein alter Mann aus Olpe erzählte mir, daß sein Vater in der Nacht zum Montag mit seinen Kollegen nach Altenhundem zur Eisenhütte (jetzt schon lange verschwunden) gegangen sei. Samstags, in der Nacht, kam er zurück. Am Sonntag ging er ins Hochamt, nach dem Essen schlief er und am Montagmorgen um 6 fing die Arbeit wieder an. Der kürzeste Weg, über Berge dauerte 4 Stunden. „Mein Vater war wirklich ein Sklave“, sagte der Sohn. Damals, vor etwa 100 Jahren, war die blühende Industrie in Olpe zusammengebrochen, weil die Stadt abseits der Eisenbahn lag. Selbstverständlich reinigte man Haus, Hof und auch teilweise Weg oder Straße. Auch war das „Sonntagszeug“, die Kleidung, und Schuhe in Ordnung. Das Essen war besser als in der Woche: Braten, Gemüse und selten Kuchen. Viele Frauen lernten das Kuchenbacken erst kurz vor 1900. (Es gab hier wenig Weizen.)

Früher war hier alles katholisch und wohl jeder ging in die Kirche; viele, besonders Kinder noch in die Andacht. Religionslose Menschen, denen traute man nicht recht. Mein Vater, der eine Schreinerwerkstadt hatte, beschäftigte einen Berliner Gesellen, der von sich sagte, im Bezug Religion: „Ick bin reiyn garnischt“ (Ich bin rein gar nichts).
Mein Onkel hatte in Oberhundem eine Wirtschaft, da war es für mich auffallend, von wieviel Richtungen die Leute über die Berge kamen ins Hochamt. Wohl 6 oder mehr Dörfchen gehörten zur Pfarrei. Mein besonderes Interesse erregten die Galizierinen, die in ihren bunten Trachten und hohen Stiefeln ankamen. Sie arbeiten in den Pflanzungsbetrieben (Fichten). Schon im Hochamt füllte mein Onkel wohl 50-100 Schnapsgläschen (a 5 Pfg.), denn nach der Kirche gab es einen Massenandrang. Alle Neuigkeiten wurden da ausgetauscht; spät wurde es oft, denn man sah sich selten. Die Wirtschaften wurden sonntags viel besucht und vielfach wurden Karten gespielt.

Eine Tracht haben wir nicht gehabt, wohl die blauen Kittel für Männer und alte Frauen sprachen vom Regentuch (Riänentauk). Junge Mädchen hatten sonntags die Zierschürze. (In Flandern sah ich 1915 dieselben auch.)
Männer trugen ganz früher die Schirmmütze, später Hüte. Frauenhüte kamen erst kurz vor 1900 auf.
Holzschuhe kann man in den Bergen schlecht gebrauchen, man kannte sie kaum.
Zum Mittagsessen: Das war immer etwas besonderes, besonders wenn es noch Pudding, Reis und Pflaumen oder Preiselbeeren dazu gab. Der Bohnenkaffee war eine Rarität, von einer alten Frau erzählte man, daß sie am Patronatsfest (das höchste Fest jeder Filialgemeinde) 12 statt 10 Kaffeebohnen in die Tasse getan hatte. (Sie renommierte.)

Auf einem Bauernhof ist ja ein fester Rhythmus; das Vieh will versorgt sein. Es ging alles ruhiger und es gab auch schon kirchliche Büchereien. Junge Leute tanzten gern (erst mit 17 Jahren durften sie in eine Wirtschaft). Ein Zieharmonikaspieler war ein wichtiger Mann. Auf der Tenne war der meiste Platz.
An einigen Orten wurde gekegelt und an anderen Karten gespielt, oft bis zum andern Morgen.
Die Bücher waren meistens Erzählungen und Romane. Mein Vater (jetzt wäre er 108 Jahre alt) hat in seiner Jugend die ersten plattdeutschen Bücher von Fr. Wilh. Grimme so intensiv gelesen, daß sie bis zu seinem 84. Jahre fester Bestand waren.
Mädchen gingen nicht ins Wirtshaus, Frauen aber auch nicht. Mädchen machten wohl Spaziergänge, aber das Wandern kannte man nicht.
In Bilstein, so erzählte meine Mutter, gingen junge Männer statt ins Hochamt in den Wald unterm Schloß. Als sie während der „halwen Misse“ (Wandlung) Schnaps tranken, hätten sie einen so durchdringenden Schrei gehört vom Schloß, daß sie voller Entsetzen davongerannt seien und von da an wieder sonntags ins Hochamt gegangen seien. Es spukte damals noch überall.

Der Sonntag in der jetzigen Zeit ist überall gleich: Auto, Sport und wenig Zeit für die Kirche und Natur.
Meine Schwester ging 1905 in Förde-Grevenbrück zur 1. Kommunion.

Herzliche Grüße Reinhold B.