Karl-Heinz V., Landwirt, geb. 1935
Wohnort: Hamm-Norddinker
Datum der Niederschrift: März 1984
Berichtsort: Hamm-Norddinker
betrifft die Zeit um 1940
Der Sonntag wurde m.E. früher intensiver begangen. Dies lag zum einen an der stärkeren religiösen Bindung der Dorfbewohner, zum andern bedeutete er aber auch einen Tag Ruhe von harter manueller Arbeit. Entsprechend war die Vorbereitung und Vorfreude auf diesen Tag. Am Samstag wurde das Haus gründlich gesäubert, die Fenster wurden geputzt und auch in der Küche Vorbereitungen getroffen. Apfel-, Streußel-, Butter- und Rondonkuchen konnten schon am Samstag gebacken werden, Waffeln allerdings wurden am Sonntagmittag gebacken, damit sie möglichst frisch auf den Tisch kamen. Auch Garten und Vorgarten erhielten Sonntagsputz. Zu den Samstagsarbeiten gehörte auch das Fegen des Hofes sowie der Tenne und der Ställe. Ausserdem mußte Heu, Hafer, Mehl und Stroh für’s Wochenende auf die Dehle geholt werden. Dazu noch die Karre Klee. Diese von unserm Hof beschriebenen Vorbereitungen konnte man im Dorf überall beobachten. Der Sonntagmorgen begann damit, daß alle die Stallarbeiten verrichteten. In späteren Jahren änderte sich dies insofern, daß jeweils die Hälfte der „Mannschaft“ Dienst tat, die andere Hälfte also den ganzen Tag frei hatte.
Mein Vater (87) berichtet, in seiner Jugendzeit habe die Großmagd in der Diele gestanden und für alle den Morgensegen gelesen. Dies war aber sicher nicht charakteristisch für jedes Haus im Dorf. Übrigens ist mir von alten Leuten berichtet worden, daß ihre Dielen, solange sie Steinfußboden hatten, mit weißem Sand bestreut wurden.
Zur Kleidung am Sonntag ist anzumerken, daß grundsätzlich das beste Kleidungsstück angezogen wurde; für den Kirchgang versteht sich. Die Männer hatten, bei den ärmeren Leuten im Ort, vielfach nur einen guten Anzug. Bei den Frauen war dies natürlich etwas anders. Auf alle Fälle aber wurde die Kleidung nach dem Kirchgang gewechselt. Eine besondere Tracht kannte man in der hiesigen Gegend nicht. Mein Vater befichtet, sein Großvater habe um die Jahrhundertwende noch eine bestickte Kappe getragen. Man darf annehmen, daß dies auch für andere alte Leute damals galt.
Der Kirchenbesuch war früher für alle selbstverständlich. Da wir hier eine fast geschlossene evangelische Gemeinde hatten, fand nachmittags kein Gottesdienst statt. Erst der Nationalsozialismus brachte die ersten Kirchenaustritte mit sich. Der Zusammenbruch und die Nachkriegszeit ließen den Kirchgang immer mehr zurückgehen, ohne damit Aufsehen zu erregen.
Nach der Kirche wurde dann in der Gaststätte in der man ausgespannt hatte meistens noch ein Schnaps getrunken. Aber auch jene, die zu Fuß zur Kirche kamen verschmähten diesen Trunk nicht. Verbürgt ist hier die folgende Geschichte aus der „guten alten Zeit“: Ein Kirchgänger kommt in die Wirtschaft und bestellt sich einen Schnaps. Er leert das Glas halb und läßt es sich zurückstellen. Nach dem Gottesdienst kehrt er noch einmal ein und trink den Rest mit dem Bemerken: ‚drinket sich wat wäig.’ Dann gings nach Haus zum Mittagessen. Dies fiel natürlich üppiger aus als in der Woche. Vorher gab es Suppe (Hühner- oder Schweinefleisch). Dann gab es Kartoffeln, Fleisch oder gebratene Mettwurst und Gemüse. Auf keinen Fall gab es Eintopfgerichte. Als Nachtisch wurden eingekochtes Obst oder Schokoladen- bzw. Vanillepudding gereicht. Nachmittags gab es dann den schon erwähnten Kuchen. Sobald die ersten Erdbeeren oder auch Kirschen und Pfirsiche reif waren, gab es eine entsprechende Torte. Im Gegensatz zum Alltag bestand das Abendessen aus Butterbroten. Dazu gab es dann Bratkartoffeln. Später wurden die Bratkartoffeln durch Kartoffelsalat ersetzt. Dazu gab es dann noch ein gekochtes Ei. Getrunken wurde zumindest nachmittags Bohnenkaffee. Vergessen möchte ich nicht anzumerken, daß es sich bei dem Sonntagsbraten um Schweine- oder Geflügelfleisch handelte. Rindfleisch gab es, da es zugekauft werden mußte, nur an besonderen Feiertagen.
Nach dem Werken am Morgen fuhren die, die frei hatten, nach Haus. Die ‚Stallwache’ aber ging nach dem Frühstück entweder zur Kirche oder aber man ruhte sich bis zum Mittagessen aus. Am Nachmittag bekam man Besuch oder man ging auf Besuch. Bei schönem Wetter wurde der Sonntagnachmittag zu einem Gang durch die Felder genutzt. An regnerischen Nachmittagen dagegen spielten jung und alt Karten oder vor allem auch Brettspiele (Mühle, Dame, Halma usw.). Ein Teller mit Obst (Äpfel) stand immer bereit. Auch Lesen gehörte zu den Beschäftigungen des Sonntagnachmittags. Der Gang ins Wirtshaus blieb den Knechten vorbehalten. Des öferen fuhren sie aber auch am Sonntagnachmittag nach Hamm ins Kino. Tanzveranstaltungen wurden vorwiegend am Samstagabend durchgeführt. Ausgenommen natürlich Schützenfeste, Reitturniere etc. Die zunehmende Motorisierung machte es darüber hinaus möglich, weitere Fahrten zu unternehmen als vorher mit Pferd und Kutsche. Sie lockerte die Sonntagsgewohnheiten ganz erheblich. In alten Jagdpachtverträgen fand ich die Bestimmung, daß an Sonn- und Feiertagen die Jagd nicht ausgeübt werden durfte. Diese, um 1900 aufgestellte Verpflichtung, gilt zumindest als Brauch auch heute noch. Eines muß noch festgehalten werden. Sonntagsarbeit war, soweit es sich nicht um Stallarbeiten handelte, verpönt. Nur wenn die Witterung es nicht anders zuließ, wurde in der Ernte am Sonntagnachmittag gearbeitet. Erst mit dem Weggang der Arbeitskräfte und dem Einsatz der Maschinen änderte sich diese Einstellung.
Der Sonntag heute zeichnet sich aus durch Ruhe. D.h. größere Veranstaltungen finden am Samstag statt, um nach Versammlung oder Fest noch ausruhen zu können. Natürlich gibt es Unterschiede zwischen Bauern und der Dorfbevölkerung aus anderen Berufsgruppen. Letztere benutzen den Sonntagvormittag, um gründlich ausschlafen zu können. Bei den Landwirten entfällt dies wegen der notwendigen Stallarbeiten selbstverständlich. Fast überall ist es mittlerweile üblich, das Frühstück auszudehnen und dafür auf das Mittagessen zu verzichten. Allerdings ist es heute auch schon üblich geworden, das Mittagessen im Gasthaus einzunehmen, um die Hausfrau an diesem Tag von der Küchenarbeit zu entlasten. Der Sonntagnachmittag verführt heute verstärkt zum Sonntagsausflug mit dem Fahrrad. Das diese Aussage für die Dorfbewohner, die einen landwirtschaftlichen Betrieb haben, weniger gilt, versteht sich von selbst. Vielfach dient der Sonntagnachmittag zur Erledigung anfallender Schreib- und Buchführungsarbeiten. Zusammenfassend darf aber doch festgehalten werden, daß der Sonntag, angesichts der folgenden Arbeitstage wieder mehr zum Ruhetag geworden ist. Die vorherigen Aussagen schränken dies nicht ein. Vergessen wir aber zum Schluß nicht den bedeutensten Urheber, das Fernsehen – auch bei uns auf dem Dorf ein beliebter Zeitvertreib.