Gertrud W., Hausfrau, geb. 1900, gest. 1996
Wohnort: Havixbeck
Datum der Niederschrift: 28. August 1977
Berichtsort: Havixbeck, Kreis Coesfeld
betrifft die Zeit zwischen 1910 und 1920
Am Samstag wurde bei uns und auch bei den Nachbarn und Leuten, die ich so kenne, das Haus gereinigt. Küche und Wohnstube tüchtig geschrubt. Meine Mutter war sehr sauber. In die saubere Küche wurde ganz feiner weißer Sand gestreut. Der wurde eigens von einem Sandwagen, der einmal im Jahr aus einer Sandgegend kam und durchs Dorf fuhr, der Eimer für 10 Pfg., gekauft. Im Winter wurde auch die Wohnstube mit Sand beglückt. Zu besonderen Festen wurden Fenster geputzt und Gardinen gewaschen, man hatte fast in allen Häusern nur Scheibengardinen. Alle Schuhe wurden auf Hochglanz gebracht und die Gartenwege wurden sämtlich geharkt. Die Kartoffeln wurden geschält, das Gemüse vorbereitet. Im Sommer Erbsen gedöppt und Möhren geschrabt oder Spinat abgekocht und gehackt. Im Winter dann Grünkohl (Moos) abgekocht oder Wintermöhren geschrabt und geschnibbelt. Oft gabs auch Kartoffeln mit „mutkes Speck“, das waren Salzkartoffel mit durchwachsenem Speck mit ganz wenig Flüßigkeit und einem Lorbeerblatt gekocht. Meine Mutter verstand es, dieses Gericht ganz vorzüglich schmeckend zu kochen. Kuchen gebacken wurde nur sehr selten: zu hohen Feiertagen und Kirmes – und dann auch nur Plaatenkuchen, einfacher Hefeteich, belegt mit Apfelscheiben. Ganz groß war es schon, wenn außer der Reihe eine Korinthenstuten gebacken wurde. Auch dazu wurden keine Korinthen gekauft, sondern es wurden die selbst getrockneten Speckbirnen ganz fein geschnibbelt dafür. Wir Kinder durften dazu helfen. Diese Art Korinthenbrot hab ich selbst auch in meiner Ehe noch lange Jahre gebacken. Man mußte, wie man so sagt, „jeden Pfennig Geld umdrehen“ und das Postgehalt meines Mannes war nicht gerade hoch. Durch die Bank gingen auch am Samstag alle Leute zur Kirche. Die Frühmesse war um 7 Uhr (Soltätsmisse), für die Jünglingssodalität besonders gezeichnet, und das Hofamt um 10 Uhr und das dauerte eine Stunde. Viele Leute, besonders Männer und ältere Leute, gingen auch in beide Messen. Dann war nachmittags um ½ 3 Uhr wieder Andacht. Am Feiertagen Vesper, sonst Christenlehre für die Kinder, in der man ohne vorherige Erlaubniß nicht fehlen durfte. Auch viele Frauen und Mütter von den Kindern gingen dort hinein. Männer und Kirchspielleute, Bauerschaftsleute weniger. Ja, wie beurteilte man einen Menschen, der am Sonntag nicht in die Kirche ging? Ich habe früher, bis zum ersten Weltkrieg in unserer Gemeinde kaum einen Menschen gekannt, der nicht zur Kirche ging. Ich nehme an, daß man über diese Person recht unlieb gesprochen hätte.
Man hatte nur ein Sonntagskleid und das wurde nach dem Kirchgang ausgezogen, und ein Mittelstück zwischen Alltags- und Sonntagsstaat war da. Auf Palmsonntag wurde, ob Sonnenschein oder Schnee und Regen, der weiße Strohhut für die Kinder und der schwarze Strohhut für die Frauen aufgesetzt. Ganz alte Frauen, meine Großmutter, ging mit einem großen grauen Umschlagtuch, daß mit einer großen schwarzen Nadel zusammengesteckt wurde. Sie starb 1914. Handschuhe trug man auch immer, und nur schwarze Schuhe u. schwarze Strümpfe. Nach dem ersten Weltkrieg trug nur noch die Mutter meiner Freundin, Frau Roesmann, einen Kopotthut. Früher trug auch meine Großmutter und wenige andere Frauen einen Kopotthut. Die waren in der Anschaffung teuer, aber unabhängig von Winter u. Sommer. Ja, die Bauerschaftsleute trugen nachmittags viel Holzschuhe. Sie gingen auch fast alle sonntagsnachmittags ihre Felder, die sie jeden Tag sahen, besichtigen. Überhaupt wurden samstags alle Holzschuhe gescheuert und zwar mit „Steenwicksel“, ein Steinstaub, den die Steinhauer aus den Baumbergen mitbrachten. Als letztes als Putzerei für den Sonntag waren die Petroleumlampen dran und das Mutter-Gottes-Lämpchen das dann auch angesteckt wurde. Werkstatt aufräumen und fegen machte bei uns der Großvater, sehr sauber sogar. Ich erinnere mich noch gut, daß meine Mutter gegen 6 Uhr abends sagte (total erschöpft): Nun muß ich noch 4 Kinder waschen und Wäsche wechseln für den Sonntag. Dies machte zuweilen meine Großmutter, weil meine Mutter abgearbeitet war. Im Sommer mußte auch fürs Vieh noch für zwei Tage Grünfutter herbei geschafft werden. Und im Winter Runkelrüben geschnitten u. Heu u. Stroh vorgesorgt werden für den Sonntag. Am Sonntag wurde nur das Allernötigste an Arbeit gemacht.
Zum Frühstück gab es am Sonntag Knabbeln und selbstgebackenes Brot oder Brot, wozu man das Mehl zum backen zu einem Bäcker Wallmeyer gebracht hatte. Und da erhielt man auch (jedes Kind) beim Abholen des Stutens ein Anisplätzchen geschenkt. Als Brotaufschnitt gab es Halfkoppfleesk, Schweinebarke mit Zwiebeln oder Schinken oder getrocknete Mettwurst. Alles aus der eigenen Schlachterei. Vor Hochzeiten u. Kirmes gab es als Brotbelag gekochten Schinken und schon eine Probe von Korinthenstuten. Im Sommer gabs als Brotaufstrich Butter, im Winter immer überall Schweineschmalz. Reinen Bohnenkaffee gab es nie, nur für die kranken Leute und Besuch. Es gab Roggenkaffee, Roggen selbst gebrannt, und viel Zigorien dazu. Letzterer wurde im ersten Weltkrieg selbst angebaut. Ich erinner mich nicht mehr, wohin gebracht und rösten lassen. Ohne Zigoren war ein Kaffee kochen einfach nicht möglich. Zum Mittag gab es auch mal Griesmehlpudding mit Himbeersaft, letzterer selbst gemacht. Und oft Mischobst als Nachtisch, das oft wieder selbst getrocknet. An Wintertagen, wenn man zusammen in der warmen Wohnstube saß, wurden Bratäpfel und Birnen gegessen und selbst gesuchte Nüsse geknackt. Zur Abendmahlzeit gab es entweder aufgewärmtes Gemüse oder Bratkartoffel mit ’ner Scheibe Butterbrot dazu ohne Belag, aber ein Stückchen Fleisch vom Mittag her dazu u. Muckefuck, der noch vom Nachmittag über geblieben war.
Vom Aufstehen morgens kann ich nur sagen, vom Elternhaus her und auch später aus meinem eigenen Haushalt und so, war es wohl in allen Familien früh. Denn um 7 Uhr, wie schon erwähnt, war die erste Messe u. vorher war das Vieh versorgt u. die kleinen Kinder mit Flasche usw., und die Kinder, die mit mußten in die Kirche. Vom 7ten Lebensjahr an war es Pflicht. Über die Freizeit der Knechte u. Mägde weiß ich nicht viel. Aber zum Abendwerken, Melken u. zum Füttern mußten die wieder da sein. Direkte Ferien gab es nicht. Nach dem Mittagessen wurde erst geschlafen. Dann nach dem Kaffee tanzten die jüngeren Leute auf den Bauerntennen oder in Küchen, die gefließt waren in Nachbarschaften. Oder spielten Karten, die Frauen lasen in Kalendern oder Erbauungsbüchern, jüngere Mädchen machten Handarbeiten. Im Sommer ging man etwas spazieren, meistens zu den Gärten u. Feldern u. besuchte auch Verwandte (falls die nicht zu weit entfernt wohnten), ging auch mal zu den Nachbarn zu einem Plausch, wo dann auch ein Schnäpsken angeboten wurde, selbst aufgesetzt auf Beeren. Zum Tanz war immer jemand da, der Mundharmonika spielen konnte. Vereinzelt sogar, Treckbühl, Ziehharmonika. Auch gesungen wurde viel, meistens nur schöne Heimatlieder u. auch Liebeslieder bis hin zu „Pastors Koh“. Ja, die Männer gingen auch wohl ins Wirtshaus zum Kartenspielen u. Kegeln. Mein Vater ging jeden Sonntagnachmittag von 5-7 Uhr in die Wirtschaft Friehage. Traf sich dort mit mehreren Geschäftsleuten und spielten Mies, ein Kartenspiel das man heute nicht mehr erwähnt. Seine Geschäftsschreibereien machte er in der Zeit zwischen Frühmesse und Mittagessen. Ja, auch einige junge Burschen gingen gemeinsam heraus, mal in die Baumberge. Das taten auch die jungen Mäd[chen], als ich im Alter von 15 Jahren war. Gern gingen wir bis bei Gerts, eine Wirtschaft im Baumberg, tranken für 10 Pfg. ein Glas Quast u. hatten dann oft Gelegenheit noch ein Tänzchen zu machen. Für einen Walzer zu tanzen lief man schon gern. Mir sind Fälle von Gottes Strafgericht für Sonntagsschändung in unserer Gemeinde früher nicht bekannt.
Nun sieht der Sonntag heute gegen früher ganz ganz anders aus. Schon im kirchlichen Bereich gesehen. Heute haben wir in der katholischen Gemeinde 5 Hl. Messen. Am Samstagabend um 7 Uhr eine Vorabendmesse, dann am Sonntagmorgen 3 Messen, um ½ 8 Uhr und ¼ nach 9 Uhr und um ½ 1 Uhr u. am Abend um 18 Uhr. Jede Messe mit Predigt und dauern knapp ¾ Std. Die evangelischen Christen haben um 10 ¼ Uhr Gottesdienst. Sehr schön, nicht mit Blasmusik, dauert meistens eine Stunde. Und über die Leute, die nicht zur Kirche gehen, wird nicht viel gesagt. Man nimmt es hin, weil es nicht zu ändern ist. Und in den besten religiösen Familien sind oft, sehr oft, Leute, junge Leute, die nicht in die Kirche gehen. Auch ganze Nachbarschaften, die nicht regelmäßig zur Kirche gehen! Man nimmt es hin.
Es gehen von beiden Religionen viele Leute nicht in die Kirche und doch sind die Kirchen voll. Das Dorf hat sich zusehr ausgebaut nach allen Seiten. Sehr viele Familien haben ein Auto u. fahren Sonntags mit ihrem Wagen heraus. Oder kriegen Autobesuch, so daß die Straßen sonntagsnachmittags leer sind. Sehr viele Menschen sitzen auch vorm Fernseher, wie ich oft höre. Viele Familien erlauben sich schon mal und gehen aus zum Mittagessen. Die Fußballmanschaften sind schon früh zu Gange mit ihren Spielen. Ich kann das Geschreie bis in meine Wohnung hören. Dann wird bei guten Wetter von vielen Leuten, jung und alt, das Freibad genossen. Auch Tanzgelegenheiten gibt es noch sehr viel. Dann ist hier im Dorf das „Krögerheim“ für die jüngere Generation. Tischtennis und alle möglichen Spiele machen dort viele jüngere Burschen u. Mädchen. Auch die Eisdiele wird von vielen Leuten besucht. Der Samstagmorgen geht für die meisten Hausfrauen mit dem Einkauf für den Sonntag drauf. Keine Familie im Dorf u. auch in dem Neubaugebieten haben mehr ein Nutztier (ein Schwein oder Ziege) alles wird im Laden gekauft. Auch die Blumenstände haben ein gutes Geschäft. Blumen für den Sonntag werden gekauft (wo früher kein Mensch dran dachte), weil viele Familien keinen Garten oder Vorgarten haben.