Fritz F., Lokomotivführer, geb. 1893
Wohnort: Dortmund
Datum der Niederschrift: 4.Oktober 1975
Berichtsort: Dortmund
betrifft die Zeit von 1900 bis 1914
Sie hatten den Wunsch, ich sollte über einen Sonntag in meiner Jugend schreiben. Leider muß ich zurückgreifen bis zu meinem Geburtsjahr 1893. Von 1893 bis 1899 habe ich nur schwache Vorstellungen. Aber später aus den Unterhaltungen meiner Eltern habe ich folgendes erfahren: Meine Eltern haben 1884 geheiratet. Vater evangelisch, Mutter röm. katholisch. Die Ehe bezw. die Familie röm. kath. Aus diesem Grunde wurde mein Vater, im Namen des Königs Wilhelm I. aus der evan. luth. Kirche ausgestoßen. Mein Großvater hatte seine Drechslerwerkstatt in der Jakobstr. (Spitzname Friggengäßchen), da wo heute das Kaufhaus Horten ist. Dieses kleine Grundstück meines Großvaters war aber damals schon ein Zankapfel in der Familie. Der Um- bzw. Neubau des Hauptbahnhofs war damals schon im Gespräch. Man wußte nur noch nicht, welches wird die neue Bahnhofstraße. Die heutige Hansa- oder die Weberstr. Aus beiden wurde nichts. Die Hauptstr. zum Bahnhof wurde die heutige Str. Am Freistuhl. Also, man wollte aus dem kleinen Grundstück noch Kapital schlagen. Der Großvater inzwischen gestorben. Die Stiefmutter meines Vaters vermachte das Grundstück samt Werkstatt an die Schwester meines Vaters. Mein Vater auch Dreschler gelernt, durfte den Beruf nicht mehr wegen Holzstaub (Silikose) ausführen. Dadurch war mein Vater längere Zeit arbeitslos, ohne Unterstützung, wie das heute ist. Wir waren 6 Kinder, deshalb mußte meine Mutter mitarbeiten als Waschfrau, teils aus dem Haus, aber sie holte auch noch Wäsche nach Haus. Sie können sich vorstellen, daß meine, oder besser unsere, Jugendzeit nicht immer so rosig war.
Aber trotzdem will ich versuchen, über die Sonntage in meiner Jugend zu berichten. Freitags abends wurden wir Kinder gebadet. Badezimmer gab es nicht, also rinn in ein großes Waschfaß, samstags wurde die Wohnung sauber gemacht, die Dielen wurden gescheuert und mit weißen Sand bestreut. Nachmittags wurde eingekauft. Das mußten wir Kinder besorgen. Die ersten 3 Jahre meiner Schulzeit waren noch ohne Kirchgang, aber ab 4. Schuljahr war es schon Pflicht, sonntags eine hl. Messe zu besuchen. Wehe dem, der ohne dringende Entschuldigung geschwenzt hatte. Dann trat vom Lehrer der Rohrstock in Tätigkeit. Aber auch die Religionslehrer wußten auch, wo der Stock zu finden war. Denn die konnten nicht begreifen, daß man nur einen Anzug hatte. Im Sommer eine Hose und eine Matrosenbluse. Letztere wurde samstags gewaschen und gebügelt und am Sonntag war alles wieder sauber. Die Wäsche, die meine Mutter im Hause wusch, waren für einige Damen im Schuhgeschäft Schartenberg an der Brückstr. Diese Wäsche wurde meist samstags noch gewaschen und die Mutter stand bis spät in der Nacht und bügelte. Habe oft noch gesehen, daß meine Mutter die Spitzen oder Festons, oder wie so etwas heißt, mit einer Lockenschere nachgeholfen hat. Die Geschäfte waren damals werkstags bis abends 22 Uhr, und sonntags morgens von 8 bis 10 Uhr und von 11 Uhr 30 bis 2 Uhr geöffnet. Nach dem Kirchgang mußte ich dann die Wäsche zu den Damen tragen. Ein kleines Geldgeschenk für mich fiel immer ab. Muß noch erwähnen, daß mein Vater nach längerer Arbeitslosigkeit durch Fürsprache bei der damals Gronau-Enscheder Eisenbahn als Dreher eingestellt wurde (Schichtlohn RM 3,10). Diese Eisenbahn war noch eine Privatbahn. Der Bahnhof war an der Schwanenstr. gegenüber dem heutigen Amtsgericht. Die Bahn wurde um die Jahrhundertwende staatlich. Sie kam zur Königlich Preusisch-Hessischen Staatseisenbahn. Mein Vater wurde mit übernommen und verdiente dann RM 3,60. Wenn der Vater sonntags dienstfrei hatte, ging er mit uns Kindern zum Fredenbaum. Das war für uns dann immer ein Erlebnis, auch ohne Lunapark und Achterbahn, wie es später am Fredenbaum war. Die Mutter bereitete zu Haus das Essen vor. Es gab meist eine Rindfleischsuppe, Gemüse usw. Wenn es gut ging, gab es morgens auch mal Weißbrot, aber Rübenkraut war auch immer dabei. An besonderen Tagen gab es auch ein deftiges westfälisches Pfefferpothast. Zu Weihnachten waren wir auch mit einer Portion Grünkohl zufrieden. Das war dann ein Genuß und zugleich auch ein Festessen.
Ein 1a Schüler war ich nicht, aber ich schaffte es doch 2 Jahre die Oberklasse, also die erste und zweite Abteilung, wie es damals [hieß], mitzumachen. 1907 ging ich zur hl. Kommunion und wurde aus der Schule entlassen. Für mich waren die 8 Jahre Schulzeit trotz allem herrlich und oft denke ich noch heute an die schöne Zeit zurück. Dann lernte ich das Schlosserhandwerk. Mit 17 Jahren ging ich zur Hoesch AG Eisenbahn. Machte hier die Laufbahn als Heizer und wurde Lokomotivführer. Diese Tätigkeit habe ich bis 1958 ausgeführt und wurde dann nach 50jähriger Tätigkeit als Rentner entlassen. Bekam das Bundesverdienstkreuz für 50 Jahre in einem Betrieb. Heute gibt es das nicht mehr, weil wenige da sind, die noch bis 65 Jahre durchhalten. Die Arbeitszeit war vor dem ersten Weltkrieg täglich 12 Stunden, sonntags 24 Stunden. Nach Abschluß meiner Lehre gingen wir jeden Sonntag mit 10 bis 12 Jungen, alle im gleichen Alter, nach Brünninghausen. Angefangen bei Pieper, Cafe Bügeleisen, Im kühlen Grunde, Heidekrug usw. Wir amüsierten uns auf unsere Weise köstlich. Aber ohne Mädels, die gab es dort genug zum Tanzen. Abends wieder heim und wir hatten einen schönen Sonntag verlebt.
Eine Angelegenheit will ich aber doch noch berichten: Wenn wir abends mit Gesang heimwärts zogen, dann konnten wir nicht umhin, noch im Jägerhof einzukehren. Das war meistens der Abschluß. Wenn wir dort ankamen, die freundliche Wirtin kam uns schon entgegen und fragte: „Was soll es denn heute sein, Rührei oder Bratkartoffeln mit Mettwurst?“ Wenn sie nun unsern Wunsch gehört hatte, eilte sie in die Küche. Wir saßen in der Wirtstube um einen großen, runden Tisch und hatten zur Bedingung gemacht, keine Teller. Jeder bekam eine Gabel, die große Bratpfanne mit zwei Griffe wurde auf den Tisch gestellt, die Grundbedingung war, sehr heiß, die Wirtin wußte Bescheid. Dann ging die Esserei los. Zum Gaudium der anderen Gäste im Lokal. Jeder von uns wollte nun sein Teil haben, wenn die Eier oder die Bratkartoffeln nicht so heiß waren. Also, so haben wir vor dem ersten Weltkrieg unser Vergnügen gehabt. Dann kam der Krieg, die Freunde wurden eingezogen und ich glaube, daß ich heute vielleicht noch der Einzige bin von der wonnevollen Jugendzeit.
Da ich einen schweren Unfall erlitten hatte, war ich nicht kv aber gvh. Deshalb ging ich zum roten Kreuz und mußte mich 1915 in Münster stellen. Wir kamen nach Galizien, 11. Armee Mackensen, und Ende 1915 zum Balkan bis nach Mazedonien. 1920 geheiratet, 4 erwachsene Kinder in guten Stellungen. Wir leben glücklich und zufrieden und das ist die Hauptsach. Meine Frau 80 und ich 82.
Einen Bericht von Fritz F. über einen normalen Alltag finden Sie hier.