„... sich dem Wahn von der Machbarkeit aller Dinge hinzugeben ...“

Dr. phil. Ernst K., Pfarrer i.R., geb. 1899, gest. 1986
Wohnort: Bielefeld
Datum der Niederschrift:
Berichtsort: Gütersloh, Kreis Gütersloh und Bielefeld-Jöllenbeck
Betrifft die Zeit um 1910

Gewährspersonen: Frau Marie B., Gütersloh, geb. 1897

Das Foto zeigt Pastor Ernst K.

Man schrieb in der Zeit um 1900-1910 auf den Briefköpfen nicht mehr die Bezeichnungen der Sonntage nach dem Kirchenjahr wie in der Reformationszeit und den 200 Jahren darnach, aber Kinder und Erwachsene wußten noch die Sonntage nach dem Kirchenjahr und oft auch die zugehörigen Evangelien zu nennen. Man mußte mit schulpflichtigen Kindern das Wort Trinitatis z.B. nicht einüben, sie hatten es zumeist im Elternhaus oft gehört. Der Sonntag hatte im Leben der Menschen ein anderes Gewicht, nicht nur als Tag zum Ausruhen, als Unterbrechung der Arbeit in den Fabriken, sondern als ein Datum, das von einer Aura umgeben war, die signalisierte, hier ist ein Geschenk von höherer Hand, nicht ein Gebot aus menschlicher Gesetzesfabrikation.

Vorbereitung auf den Sonntag
Von daher ist es verständlich, daß man mit einer gewissen Feierlichkeit am Sonnabendnachmittag daran ging, den Hofplatz aufzuräumen und zu harken, die Deele zu fegen, Geräte und Wagen an ihre Plätze zu stellen und auch im Garten, für den auf einem Bauernhof meistens nicht viel Zeit übrig bleibt, die Wege zu harken und ausladende Büsche zu beschneiden. Wenn nicht ein akuter Arbeitsdruck über der Bauernfamilie lag, wie es z.B. an besonderen Tagen in der Erntezeit geschehen konnte, dann spürte man schon am Sonnabendnachmittag in dem geruhsameren Rhythmus des Lebens die Vorfeier für den Sonntag.
Auf vielen Höfen wurde schon am Freitag Pickert gebacken. In der Jöllenbecker Gegend backte man ihn als Lappenpickert, d.h. auf einer kreisrunden eisernen mit Fett bestrichenen Platte wurde ein Teig ähnlich den aus Kartoffeln und Mehl hergestellten Reibeplätzchen in Form eines großen Fladens gebacken. Ein ganzer Turm dieser Backwerke reichte als „Zubrot“ der Familie für eine ganze Woche. In Gütersloh backte man den Pickert aus einem aus Mehl, Milch, Eiern, Korinthen und Hefe bestehenden Teig in Form eines großen Kastenbrotes im eigenen Herd. Solch ein Brot, das neben Graubrot und Pumpernickel gegessen wurde, reichte auch in einer größeren Familie für mehrere Tage, so daß am Sonntagmorgen und -nachmittag vorzüglich Pickert gegessen werden konnte. In Jöllenbeck war das Backen des Lappenpickerts am Freitagnachmittag derartig populär, daß z.B. ein Pastor an diesem Nachmittag keine Hausbesuche machen konnte, wenn er die Familie bei diesem appetitlichen Geschäft nicht stören wollte. Die Vorbereitungen für die Mittagsmahlzeit am Sonntag wurden am Sonnabend getroffen, so daß die Mutter des Hauses am Sonntagmittag nur wenig Arbeit hatte. Selbstverständlich hatten die Kinder dafür zu sorgen, daß ihre Schuhe „blank“ waren, wie man zu sagen pflegte. Sonntags trug man keine Holzschuhe, auch keine gut gescheuerten. Wenn am „Sonntagsanzug“ bzw. am „Sonntagskleid“ etwas zu bessern oder zu bügeln war, dann geschah das am Sonnabend, nicht am Sonntag. Es gab von diesen wichtigen und sehr sorgsam behandelten Kleidungsstücken jeweils nur eines und nicht wie heute ein kleines Dutzend, so daß die Auswahl Beschwer verursacht. Sonntag und Sonntagsanzug gehörten zusammen und verliehen das Gefühl, in einen besonders geweihten Raum eingetreten zu sein.
Kuchen wurde zum Sonntag nicht gebacken. Das gab es nur an Festtagen wie Weihnachten etc., an Geburtstagen und anderen Familienfesten. Aus der älteren Generation der Gemeinde Jöllenbeck ist mir oft berichtet worden, daß es dort wochentags nur Schwarzbrot, sonntags ein Stück Weißbrot und Kuchen nur bei Hochzeiten gegeben habe. Man sei geneigt gewesen, auch das schon als Üppigkeit und Verschwendung anzusehen. In meiner Jugend backte die Mutter, wenn Verwandte zu Besuch kamen, Topfkuchen in einer hohen geringelten Blechform, dazu bestellte man Streuselkuchen beim Bäcker. In Gütersloh galt der Bäcker Mestemacher in der Bahnhofstraße – ob es ihn heute noch gibt, weiß ich nicht – als ein in der Kunst des Streuselkuchen-Backens unerreichter Mann. Aber seine Produkte hatten für uns Kinder einen sehr hohen Seltenheitswert.

Kirchenbesuch
Am Sonntagmorgen pflegte man in Gütersloh und im ganzen Ravensberger Land zur Kirche zu gehen. Diese Sitte war noch nicht problematisiert. Es war im Gegenteil so, daß diejenigen, die „inne hoien“ (zu Hause bleiben) mußten, sich leicht zurückgesetzt fühlten. Ein alter Bauer in Jöllenbeck erzählte mir, daß in seiner Jugend alle Bewohner des Hofes gern zur Kirche gegangen seien und derjenige, der jeweils bestimmt worden sei „inne to hoien“, dies fast als Strafe empfunden habe; heute – das war um 1950 – sei es umgekehrt. Man ging zu Fuß zur Kirche. Niemand kam auf den Gedanken, etwa mit dem Rad zu fahren, auch nicht bei längerem Kirchweg von ½ bis 1 Stunde. Den Kutschwagen benutzte man für eine Fahrt zur Kirche nur bei besonderen Anlässen, z.B. bei Taufen und Trauungen, während es heute auch bei sehr kurzen Wegen üblich geworden ist, das Auto zu benutzen. Wahrscheinlich hängt dies mit der damals intensiveren kirchlichen Erziehung zusammen. Es gab Gemeinden, in denen man den Hinweg zum Gottesdienst und auch den Rückweg schweigend ging. Man wollte im Bedenken des Gottesdienstes nicht gestört sein. Dies wird z.B. zuverlässig aus der Erweckungszeit in Jöllenbeck um 1850-1860 berichtet, eine Zeit, in der praktisch jeder Erwachsene zur Kirche ging – entweder morgens zum Hauptgottesdienst oder nachmittags um 2 Uhr zur Christenlehre. Man kann die Richtigkeit dieser Aussage auch rechnerisch erweisen. Die Gemeinde Jöllenbeck hatte damals etwa 4.000 evangelische Glieder. Die Kirche hatte 1.200 Sitzplätze. Sie war morgens meistens überfüllt und nachmittags – wie man heute sagt – gut besucht.
Um 1900-1910 gab es in Gütersloh natürlich auch Leute, die nicht zur Kirche gingen, nicht nur Sonderlinge und Sektierer, sondern auch Freidenker und Atheisten, Leute die atheistischen philosophischen Lehren (Ludwig Feuerbach, Arthur Schopenhauer etc.) zu folgen suchten, die aber für das Gesamtbild der Gemeinde noch kaum eine Bedeutung hatten.
Wenn wir in Gütersloh um 8 Uhr zum Frühgottesdienst gingen, was gelegentlich auch vorkam, dann begegneten uns oft die Katholiken, die zum Hochamt wollten. Wir grüßten uns und wechselten einige Worte miteinander. Dabei fiel von Seiten der Katholiken öfter das Wort: „Na, hä ji’t oll affmakt?“, eine Wendung, die die Bindung an die Tradition und an die Sitte des Kirchgangs besonders deutlich erkennen läßt.
Meistens gingen die Familien zusammen zur Kirche. Zum Kirchgang gehörte der Sonntagsanzug bzw. das Sonntagskleid, gut abgebürstet, daß man keine Flusen sah, hinzu. Ein Gehrock war damals bei den älteren Männern noch üblich, bei den jüngeren hatte sich das Jakett schon durchgesetzt, bei den älteren Frauen herrschte das lange schwarze Kleid vor, bei den jüngeren sah man etwas kürzere, die Knöchel freigebende, überwiegend bunte Kleider.
In der Kirche hatten die Familien ihre bestimmten Plätze, mit Namensschildern gekennzeichnet, eine Sitte, die aus sehr alten Zeiten stammt und bedeuten soll, Kirchgang ist eine verantwortliche Sache, jeder soll an seinem Platze sein und der Pastor soll die Möglichkeit haben, sich mit einem Blick zu vergewissern, ob alle da sind. Man hat oft die Sitte, daß die Kirchenplätze der Familien mit Namen gekennzeichnet waren, auch so verstehen wollen, als sei es bei dem Verkauf der Plätze nur um das Geld bzw. um die Finanzierung des Neubaus einer Kirche gegangen. Dies dürfte ein Irrtum sein.
Zum Gottesdienst nahm man das Gesangbuch mit, jeder das seine. Es war nicht üblich, am Eingang des Gotteshauses Gesangbücher für den Gottesdienst auszuteilen, wie es heute zu geschehen pflegt und zwar nicht nur in Kurorten, wo es verständlich ist, sondern auch in Traditionsgemeinden. Jedes konfirmierte Glied der Gemeinde besaß ein Gesangbuch. Ein Dialog wie der folgende wäre damals kaum möglich gewesen: Zwei Frauen in einem Buchladen in Jöllenbeck etwa im Jahr 1952. „Nu, woss Du auk watt kaupen?“ – „Jau, use Junge kümmt ut de Schaole un wätt konfermeert, do wo’k en Gesang-Boek kaupen.“ Die andere: „Vo den einen Dag!“
Auf dem Rückweg unterhielt man sich wohl, aber mit gehörigen Pausen, auch Einzelheiten aus dem Gottesdienst und aus der Predigt konnten erörtert werden, aber man wußte noch, das Wort Gottes war zum Hören, nicht zum Kritisieren da. Deshalb war es nicht, wie heute oft üblich, die Predigt einer kritischen Betrachtung zu unterziehen. Die natürliche Neigung der Ravensberger zur Schweigsamkeit kam dieser Praxis entgegen. Zu Hause angekommen, zogen die Männer alsbald ihren Sonntagsstaat aus und fütterten das Vieh, eine dreimalige Fütterung war zu jener Zeit noch die Regel.

Essen
Das sonntägliche Mittagessen auf dem Hof war immer eine beinahe festliche Angelegenheit. Man aß in der Wohnstube an weiß gedecktem Tisch, nicht am wachstuchgedeckten Tisch in der Küche. Oft gab es drei Gänge, während alltags einer genügte. Der Duft des Schweine- oder Rinderbratens erfüllte das ganze Haus. Nach der Suppe, oft war es eine Hühnersuppe, gab es zu den Kartoffeln „Sonntagssauce“, wie wir Kinder sagten, im Unterschied zur „Alltagssauce“, die als Specksauce uns alltags sehr viel weniger gut schmeckte. Ein Pudding oder auch Reisbrei mit Pflaumen, oft auch eingemachtes Obst, beendete die sonntägliche Mahlzeit. Im Anschluß daran hielten die Älteren eine ausgedehnte „None“, einen Mittagsschlaf, während die Jüngeren sich mit Brettspielen vergnügten. Zum Kaffee am Nachmittag gabs Pickert mit guter Butter, der jung und alt herrlich mundete. „Richtigen“ Kaffee gabs in der Woche nicht, da begnügte man sich mit einem Ersatz, der aus Zichorienmehl gebraut wurde. „Päckskenwater“ nannten ihn die Leute, wohl weil er in kleinen eckigen Packungen aus Pappe geliefert wurde. Abends pflegte man zum Tee Brot mit Aufschnitt zu essen; die Kinder tranken Milch, die stets reichlich vorhanden war. Je nach der Jahreszeit standen meistens auch noch allerlei Zugaben zur Verfügung wie Obst, Nüsse, Backwerk und auch hie und da, aber selten, Schokolade. Obst kaufte man nicht, sondern man achtete darauf, daß die verschiedenen Obstsorten des Hofes gut gelagert wurden und verzehrte sie entsprechend ihrem Reifegrad nacheinander.

Kleidung
Zum Kirchgang des Sonntags trugen die Männer den „Sonntagsanzug“ und die Frauen das „Sonntagskleid“. Im Kleiderschrank überwog das Arbeitszeug. Der Sonntagsanzug war eine sorgsam behandelte Kostbarkeit, nicht von der Stange gekauft, sondern von einem Schneider, der von Zeit zu Zeit auf den Hof kam, nach Maß gefertigt. Ähnlich war es bei den Frauen, nur war die Anfertigung des Sonntagskleides und die notwendig werdenden Veränderungen ein sehr viel ausgedehnteres Gesprächsthema als bei den Männern. Trachten waren in der Berichtszeit weder in Gütersloh noch in Jöllenbeck üblich. Ältere Männer gingen im Gehrock zur Kirche oder auch schon im Jakett, die Frauen trugen meistens ein langes, bis auf die Knöchel reichendes schwarzes Kleid. Ihre breitrandigen Hüte, man ging auf keinen Fall hutlos zur Kirche, waren so angelegt, daß sie reichlichen Schmuck von künstlichen Blumen und Bändern tragen konnten. Jüngere Frauen gingen auch in bunten, etwas kürzeren Kleidern zur Kirche. Es wäre unmöglich gewesen, sich vorzustellen, daß junge Mädchen oder junge Frauen im Minirock zur Kirche oder auch nur auf die Straße gegangen wären. Auf den Photos aus jener Zeit, z.B. in dem Facsimile-Querschnitt Die Gartenlaube, hrsg. von Heinz Klüter, eingeleitet von Friedrich Sieburg, Scherz Verlag, Bern – Stuttgart – Wien 1963 vielfach wiedergegeben, ist zu finden, was auf uns als prätentiös und übertrieben gravitätisch wirkt, für die Menschen damals aber nichts weiter war als Ausdruck ihres Empfindens für Schicklichkeit und Anstand.
Im Winter trug man Hut und Mantel, alles überwiegend schwarz, im Sommer ging man ohne Mantel, aber nicht barhäuptig sondern mit einem Strohhut versehen. Vornehme Leute, bzw. die, die als solche gelten wollten, trugen einen Panama-Strohhut, andere den flachen kreisrunden Strohhut mit einem mehr oder weniger breiten Rand, genannt „Kreissäge“. Zum Kirchengangsanzug gehörten selbstverständlich Lederschuhe für Männer und Frauen. Holzschuhe, die 50 Jahre früher noch zum Kirchgang hie und da getragen wurden, wären damals unmöglich gewesen. Nach dem Kirchgang wurden oft die nicht immer ganz bequem sitzenden Schuhe mit Pantoffeln vertauscht. Man beschenkte sich in der Familie gern mit Pantoffeln, deren oberste Seiten oft mit handgestickten Teilen geschmückt waren. Oberhemden für Männer in der heutigen Manier kannte man kaum. Man trug Hemden aus Baumwolle und darüber ein steifes Vorhemd, Chemisettken genannt, auf dem man mit Kragenknöpfen den üblichen steifen Kragen befestigen und den genähten Vorhängebinder anbringen konnte. In die Ärmel steckte man steife Manschetten, Röllchen genannt, hinein, die sich durch ihr Maaß in den Ärmeln hielten, aber nach jedem festlichen Gebrauch sobald wie möglich abgelegt wurden, weil sie meistens in lästiger Weise auf den Handgelenken lagen.

Verlauf des Sonntages
Am Sonntag stand man 1-2 Stunden später auf als am Wochentag. In der Erntezeit war man oft schon um 4 Uhr auf den Beinen, sonntags aber nicht vor 6 Uhr. Die Stallarbeit machten die Knechte und Mägde, die Dienst hatten, auf unserm Hofe mit 2 Knechten und 2 Mägden bestand ein 14tägiger Wechsel. Die „Dienstboten“, wie man damals noch sagte, nahmen von dem freien Sonntag aber meistens nur den Nachmittag in Anspruch, vormittags standen sie für kleine Hilfen selbstverständlich zur Verfügung. Man nahm das nicht so genau. Es gab auch in der Industrie noch keine Stoppuhr. Die abendlichen „Werke“, wie man sagte, geschahen oft auch nach Vereinbarung, d.h. das Füttern und Melken. Zwischen Kaffee und Abendbrot gingen die Eltern sommertags oft in die Felder und durch den Garten, um alles Wachstum zu betrachten. Oft ist es mir aufgefallen, wie lange und besinnlich ein Bauer Getreide- und Gemüsefelder betrachten konnte. Still stand er da und betrachtete die Saat. Was sieht er denn da besonderes, hat mancher Stadtbewohner gefragt. Vielleicht etwas vom Wunder des Wachstums, vom Segen des Fleißes und von dem geheimnisvollen Wirken, durch das eine hohe Hand menschliches Leben erhält. Diese Gänge durch die Felder atmeten Geruhsamkeit und waren begleitet von einer geradezu festlichen Stimmung. Nach dem Abendbrot versammelte man sich in der Wohnstube, auch Knechte und Mägde, zum Vorlesen, z.B. Reuter, Ut mine Stromtid u.a. oder zu Brettspielen, Mühle, Halma und ganz besonders beliebt, Mensch ärgere dich nicht oder, wie es damals hieß, Eile mit Weile.
Erbauungsbücher gab es damals in den Häusern und Höfen viele, die auch gelesen wurden, vor allem von einzelnen Gliedern der Familie in Krankheitstagen oder auch beim „Innehoien“. Dabei wurden bereits die neueren Andachtsbücher, z.B. von Paul Conrad (1865-1927) oder Paul Wurster (1860-1923) den älteren wie z.B. Joh. Arnd’s, Vier Bücher vom wahren Christentum (1605), einem weit verbreiteten Standardwerk der Erbauungsliteratur, vorgezogen. Zur häuslichen Andacht las die Mutter oder der Vater an jedem Morgen die Auslegung des Neuenkirchener Kalenders, der in vielen Häusern zu finden war und auch heute noch zu finden ist. Damals hatte dieser Kalender noch eine gewisse Monopolstellung, heute hat er viele „Konkurrenten“.
Es wurde auf unserm Hofe viel musiziert. Das lag vor allem daran, daß alle fünf Kinder musikalisch waren und ein Instrument spielten. Klavier, Harmonium, Geige, Flügelhorn und Waldhorn luden dazu ein, den Gesang von Volksliedern zu begleiten oder auch in den Festzeiten der Kirche die entsprechenden Lieder zu singen. Man sang auswendig, wer den Text nicht konnte, lernte ihn beim wiederholten Singen. Besonders beliebt unter den Volksliedern in jener Zeit waren: Dort unten in der Mühle ..., Im schönsten Wiesengrunde ..., Am Brunnen vor dem Tore ..., Zu Straßburg auf der langen Brück ..., u.a. Es war nicht üblich, an Sonntagabenden oder auch sonst in der Freizeit zum Tanze aufzuspielen oder ins Wirtshaus zu gehen.
Auf den meisten Höfen war zu jener Zeit die Sonntagsheiligung den Menschen noch ein ernstes Anliegen. Am Sonntag zu pflügen oder Korn einzufahren oder etwa bei Gewitterneigung Heu einzuholen, wäre nicht recht vorstellbar gewesen. Wer’s dennoch unternommen hätte, wäre der Lächerlichkeit verfallen. In Bezug aufs Heu einholen bei Regengefahr sagte man kurz und bündig: „Wat natt wärt, wärt auk wier drüge!“, eine Weisheit, der man heute nicht mehr zu folgen geneigt ist.

Entheiligung des Sonntages
Wiewohl im bäuerlichen Denken das Sprichwort: Wie die Saat, so die Ernte damals seinen festen Platz hatte im eigentlichen und im übertragenen Sinne und man oft den Weg einer Familie unter dem großen biblischen Thema Segen und Unsegen betrachtete oder auch unter dem Sprichwort: Unrächt Goed kümmt nich up’n drüdden Iaben, so war man doch in der Anwendung von Urteilen wie Gottes Gericht in Bezug auf Sonntagsentheiligung sehr zurückhaltend. Hagelschlag, Brand, Krankheit im Viehstall u.a. galt nicht ohne weiteres als Zeichen für Gottes Gericht. Aber der Gedanke an Gottes Gericht war bei solchen Ereignissen stets gegenwärtig. Das zeigt auch ein Fall, von dem mir ein Bauer um 1938 berichtete. Er hatte mit seinem Nachbarn schon über ein Jahrzehnt Streit wegen eines Wegerechtes. Eines Tages schlug der Blitz in einen großen Heuhaufen, der auf der Grenze ihrer Grundstücke stand. Beide Streiter sahen das als ein höheres Zeichen an und machten Frieden. – Die Geschichte vom Mann im Mond, der dorthin verbannt wurde, weil er am Sonntag Holz geholt hatte, habe ich in meinen Kindertagen oft gehört. Ihre Entstehung wird wahrscheinlich mit dem Sabbatvergehen zusammenhängen, von dem 4. Mose 15, 32-36 berichtet wird.
Heute feiert man den Sonntag auf den Höfen kaum noch. Im allgemeinen arbeitet man nicht oder jedenfalls weniger als am Wochentag, aber das Bewußtsein, daß der Sonntag eine Stiftung Gottes ist, die uns nur solange erhalten bleibt, wie wir bereit sind, sie zu ehren, ist nahezu verschwunden. Man geht kaum noch zur Kirche. Dieser Rückgang der Teilnahme am Gottesdienst hat viele Gründe, ein gewichtiger dürfte der sein, daß die Bauern, die als staatstreue Menschen gewohnt waren, die Gesetze zu halten, zweimal, nämlich in und nach den beiden Weltkriegen, erlebt haben, in Inflation und Lebensmittelrationierung, daß man sie nicht halten kann und verbrecherische Regierungen sie selbst nicht halten. Aber es kommen viele Glaubenshindernisse hinzu, die auch in anderen Kreisen der Bevölkerung anzutreffen sind.

Wer den geschichtlichen Entwicklungen und den Fragen des Volksleben nachgeht, die uns hier beschäftigt haben, die man in Stichworten folgendermaßen kennzeichnen könnte: Tradition und Aktion, Glaube und Leben, Institution und Ereignis, der wird bei gründlichem Nachdenken wahrscheinlich zu der Erkenntnis kommen, daß es im Grunde grausame formlose Lebensformen sind, die den Menschen im modernen säkularen Libertinismus dahin bringen, ohne Tradition und das heißt zugleich ohne Geschichte zu leben und sich dem Wahn von der Machbarkeit aller Dinge hinzugeben. Die gegenwärtige Generation steht vor der großen Aufgabe, gute Tradition und lebenserhaltende Sitte der vergangenen Jahrzehnte in eine für unsere Zeit mögliche und hilfreiche Lebensweise zu überführen.