„Sogar der Baron selbst eilte mit einer Forke aufs Feld zum Aufladen der Garben“

Elisabeth F., Volksschullehrerin, geb. 1910
Wohnort: Bielefeld
Datum der Niederschrift: 15. Juni 1975
Berichtsort: Lübbecke-Stockhausen, Kreis Minden-Lübbecke
betrifft die Zeit zwischen 1900 und 1975

Gewährsperson: Karl G., geb 1891 in Obernfelde, wohnhaft in Stockhausen

Mein Onkel hat seinen Bericht gleich mit dem Kirchgang begonnen. Es zeigt, daß ihm das auch heute noch das Wichtigste am Sonntag ist. Mein Großvater war ein äußerst frommer Mann und hat alle seine Kinder sehr steng zur Kirche haltend erzogen. Mein Onkel ist eben kirchentreu und hat seine Haltung seinen Kindern eingeprägt. Mindestens einer von den Erwachsenen geht sonntags zur Kirche, nach Möglichkeit zwei oder drei. Die Tochter singt im Kirchenchor, der Sohn ist in der Kirchenvertretung, die Enkeltochter ist Helferin im Kindergottesdienst. Die Stockhauser müssen nach Blasheim zur Kirche, das ist ½ Stunde zu Fuß. Heute haben aber fast alle Familie ein oder 2 Autos, brauchen also nicht mehr zu laufen. Mein Onkel ist so schwerhörig, daß er die Predigt nicht mehr versteht, so hört er nun den Gottesdienst vom Radio an.
Auch in den meisten anderen Familien des Dorfes war es früher eine Selbstverständlichkeit, daß ein Elternteil zur Kirche ging, wenn kleine Kinder zu betreuen waren. Waren noch Großeltern in der Familie, gingen beide Eltern, nur wer krank oder unabkömmlich war, blieb zu Hause. Heute ist der Kirchenbesuch auch nicht mehr so selbstverständlich in allen Familien. Doch sind die Besucherzahlen noch immer verhältnismäßig hoch in Blasheim.
Blasheim ist eine evangelische Gemeinde. So fand immer nur ein Gottesdienst am Sonntag statt. Der Kindergottesdienst fand und findet auch jetzt noch im Anschluß an den Hauptgottesdienst statt.
Besondere Gründe konnte mein Onkel nicht angeben, warum wohl manche Dorfbewohner nicht so regelmäßig die Kirche besuchten.

Vorbereitung auf den Sonntag
Essen am Sonntag
Das Haus wurde für den Sonntag besonders geputzt, der Hof gefegt, alle Geräte aufgeräumt. Zum Fensterputzen kam man natürlich nicht jede Woche; aber die Schuhe wurden immer am Sonnabend geputzt. Vor 1900 trug man ja nur Holzschuhe, auch am Sonntag. Meine Mutter bekam 1900 zur Konfirmation die ersten Lederschuhe von ihrem Onkel Grönemeier aus Stockhausen gearbeitet. Die Betten wurden am Sonntag nicht anders bezogen als am Alltag. Die Kartoffeln wurden schon am Sonnabend geschält (auch heute noch!!). Es wurde auch möglichst genug Viehfutter für den Sonntag geholt, damit man am Sonntag nicht mähen mußte.
Vor dem ersten Weltkrieg, etwa bis 1904, wurde für den Sonntag nicht gebacken. Es gab zum Kaffee morgens eine Schnitte Weißbrot, nachmittags kriegte jeder 2 Schnitten Weißbrot mit Butter. Sonntags nahm man für den Kaffee mehr Bohnen, alltags wurden sie mehr mit Zichorien (Päcksken) verlängert. Platenkuchen gab es nur zu Hochzeiten und Kindtaufen. Wenn man zur Hochzeit eingeladen wurde, mußte man einen ganzen Platenkuchen und 2 Hühner mitbringen. Der Kuchen kostete damals 3 DM.
Onkel Karls Onkel war nach Meißen bei Minden zur Kindtaufe eingeladen. Man hatte ihm die Abfahrtszeit des Zuges nicht richtig gesagt und er kam zu spät zum Bahnhof nach Lübbecke. Kurzentschlossen nahm er seinen Armkorb mit dem Platenkuchen und marschierte die 23 km zu Fuß. Er ist sogar noch rechtzeitig zur Taufe in Meißen eingetroffen, obwohl er schon über 70 Jahre alt war.

Vor 1900 gab es Schnippelbohnen und Graupen (Schillegasen, d.h. geschälte Gerste) abwechselnd zum Sonntagmittag. Da kannte man noch keinen Braten usw. Nach 1900 kochte man am Sonntag Suppe aus geräuchertem Fleisch oder aus ungeräucherten Knochen eine Reis- oder Nudelsuppe. In die Suppe packte man sich eine Portion Salzkartoffeln und schnitt sich ein Stück Fleisch hinein. Das habe ich noch im und nach dem ersten Weltkrieg bei meinen Ferienaufenthalten bei Onkel Karl gegessen, siehe Bericht Essen und Trinken. Die Schweine waren früher doppelt so schwer wie heute, wenn sie geschlachtet wurden. Ich weiß, daß meine Eltern auch mal ein 4-Zentnerschwein in Obernfelde geschlachtet haben. Zum Frühstück gab es Butter, Marmelade (im Herbst: Appelboddern (Apfelmus)) und Aufschnitt, Quark usw. Manchmal machte Großmutter uns Öljestipsel. Etwas Schmand wurde mit ein paar Löffel Oel verschlagen (Gabel), als Gewürz kamen feingeschnittene Zwiebeln und etwas Salz hinzu. In diese Soße stippten wir mit einer Gabel die Brotbröckchen hinein und aßen sie auf. So sparten wir Butter und Wurst. Rapsoel schmeckte ein bißchen streng, feiner schmeckte Ruepselöl oder Bucheckernoel. Nachmittags gab es nie Aufschnitt, auch nicht am Sonntag. Das Sonntagabendessen unterschied sich nicht von dem am Alltag. Nach dem ersten Weltkrieg gab es schon mal mehr Weißbrot oder Korintenbrötchen. Meine Großmutter hatte Gallensteine und aß gern mal ein weiches Korintenbrötchen. Ich sollte welche holen und kam ohne zurück, da sie im Laden ausverkauft waren. Großmutter schimpfte: „Schittbäcker, häv die nigges (nicht einmal) en Krintenbroiken!“ Mein Vetter versuchte auch zu schimpfen, es reichte aber nur zu den Wörtern: „Ssittbäcker, Kintenboitzen!“, das klang ulkig aus dem Kindermund. Obst wurde alltags und sonntags gegessen und auch dem Besuch angeboten. Man aß, was der Garten gerade bot. In der Weihnachtszeit aß man die selbst gesammelten oder geernteten Nüsse. Vor dem Torhaus in Gut Stockhausen standen 4 große Walnußbäume. Grönemeiers mußten allerdings sehr früh aufstehen, um die Nüsse aufzusuchen, denn die Dorfjugend war auch scharf auf die frischen Nüsse. Leitern zum Pflücken waren nicht mehr anzustellen, die Bäume waren zu alt und brüchig.

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Kleidung am Sonntag
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Ich füge zur Erläuterung der Trachten ein Bild von meinen Großeltern Grönemeier bei. Beide heirateten 1883, und um die Zeit ist das Bild gemacht worden. Leider ist das Original sehr vergilbt, so daß nicht mehr alle Einzelheiten genau erkennbar sind. Meine Großmutter war eine geborene Dunker und stammte aus dem Dorf Lashorst im Kreis Lübbecke am Kanal.
Die Männer trugen eine Kappe aus schwarzem Tuch als Kopfbedeckung. Sie hatte einen blanken schwarzen Schirm (gepreßtes Leder oder Hartpappe). Dieser Schirm war aber schmaler als es die heutigen Mützenschirme sind. Der feste, steife Rand ging um den ganzen Kopf. Er war mit einer gemusterten Borde verziert, natürlich auch schwarz. Die Mütze hatte Ähnlichkeit mit der Mütze, die Bundeskanzler Schmidt gelegentlich trägt.
Gleiche Kappen trug man auch alltags. Der Sonntagsanzug bestand auch aus schwarzem Tuch. Die Jacke war wie ein Gehrock gearbeitet, aber etwas kürzer als ein Gehrock heute ist. Vor und um 1900 trugen die Männer Hemden aus handgewebtem Leinen. Die Kragen wurden aus gekauftem Leinen drangenäht. Er war ziemlich breit, damit er über das doppelt um den Hals gelegte Tuch geschlagen werden konnte. Dieser Kragen wurde gut gebügelt, aber nicht gestärkt. Sonntags trug der Mann ein Tuch aus schwarzer Seide unter dem Kragen. Es wurde zusammengelegt wie ein Armtragetuch bei der Ersten Hilfe, wenn man damit ein Kinn stützen will oder eine angelegte Schiene festbinden will. Die Mitte des nun etwa 6 cm breiten Bandes legte man vor den Kehlkopf, kreuzte die beiden Enden hinter dem Hals und führte die Bandenden wieder nach vorn. Da wurden die Enden doppelt geknotet und die überstehenden Enden unter die Weste gestopft. Die Weste war ziemlich hochgeschlossen. In der Woche trugen die Männer als Schlips ein weißes Tuch mit dunklen, aufgedruckten Punkten. 1903 hat mein Großvater sich den ersten Filshut, einen Überzieher, ein Vorhemd mit Kragen und einen Schlips gekauft. Er war also modern. Für den langen Kirchweg (4 km) brauchte man einen Schirm, der war ziemlich groß und aus schwarzem Stoff. Um Regen blieb man nicht der Kirche fern.

Das Sonntagskleid der Frauen war aus schwarzem Wollstoff genäht. Es hatte eine enge, kurze Taille und lange Ärmel. An die Taille wurde ein sehr weiter Rock aus dem gleichen Stoff genäht, mit unendlich vielen kleinen Fältchen. Etwa 18 cm vom unteren Rockrand entfernt wurde ein breiteres Samtband auf den Rock geheftet, in einigem Abstand wurde ein zweites Band befestigt und wer Geld genug hatte, leistete sich ein drittes. Ein sehr weiter Flanellunterrock ließ den Kleiderrock gut sitzen und gab ihm den nötigen Halt, daß er den schlanken Frauen nicht um die Beine schlotterte. Mein Onkel sagt, daß die Frauenschuhe 3 Knöpfe hatten, die mit einem Metallhaken zugemacht werden mußten. Schnürschuhe gab es erst später. Meine Mutter hat mir früher mal erzählt, daß Großmutter Sammetschuhe gehabt hat und dazu hellblau und weiß geringelte Strümpfe getragen habe. Im Sommer trug man ein leichtes Umschlagtuch anstatt Mantel, im Winter ein 160 mal 160 cm großes, dickes wollenes schwarzes Umschlagtuch mit langen Fransen. Die Tücher wurden „in’t Timpen“ geschlagen und umgelegt. Vorn wurden sie mit 2 Kopfnadeln festgehalten.
Wie man bei der Sonntagstracht die Trauer um ein Familienmitglied anzeigte, habe ich bei einem andren Fragebogen beschrieben.

Sonntagsheiligung
1905 gab es in der Erntezeit sehr viel Regen. Man hatte große Mühe, das Korn trocken in die Scheune zu kriegen. An einem Sonnabend kamen Sonne und Wind, das Korn wurde trocken. Doch sonntags durfte nicht gearbeitet werden auf dem Felde!! Der Rentmeister spricht mit dem Herrn Baron, der telefoniert mit seinem Verwandten von Ledebur, der war Landrat. Auch von der Polizei wurde Genehmigung eingeholt, und los ging’s aufs Feld. Alles, was Beine hatte, wurde schnellstens zusammengerufen: Handwerker, Eleven, alle mußten helfen. Sogar der Baron selbst eilte mit einer Forke aufs Feld zum Aufladen der Garben. Es war das einzige Mal, daß mein Onkel den Baron bei solcher Arbeit gesehen hat. Er lobt ihn aber und schreibt, daß er wirklich erstaunlich geschickt und tüchtig zugepackt hätte. Diese Sonntagsaktion ist die einzige geblieben. Mit vereinten Kräften haben die 3 Partien, die einfuhren, alles trocken auf den Boden gekriegt. Bis zum 2. Weltkrieg wurde streng darauf geachtet, daß am Sonntag nicht draußen gearbeitet wurde. Das Vieh mußte selbstverständlich gefüttert werden, die nötigste Hausarbeit wurde natürlich verrichtet. Man mußte wegen des Viehs am Sonntag genauso früh aufstehen wie am Alltag. Mit dem freien Sonntag nimmt man das auf dem Dorfe auch heute noch nicht so genau. Selten gehen Knechte oder Mägde schon morgens weg. Meist beginnt der freie Sonntag erst nach dem Mittagessen. Auf dem Gut Obernfelde hatten die Knechte und Mägde jeden 3. Sonntag frei. Außer besonderen Anlässen waren sie aber bis zum Mittagessen noch da, fütterten usw.
Da die Mähdrescher heute auch des Sonntags eingesetzt werden müssen, zur Bewältigung der Ernte, ist es mit der Sonntagsruhe in den Sommerwochen nicht weit her. Sonst hält man sie aber weitgehend ein.
Von einem Strafgericht weiß ich nichts zu berichten.
Es wurde früher zwar mehr in der Bibel gelesen am Sonntag, abends Andacht gehalten usw. Heute bestimmt weitgehend das Fernsehen die Sonntagsunterhaltung. Früher haben sich die Erwachsenen am Sonntagnachmittag ausgeschlafen. Wir Kinder waren ja nicht so übermüdet und haben gespielt, draußen, auf der Diele, im Zimmer, je nachdem das Wetter war. Nachmittags kamen auch wohl Nachbarn und näher wohnende Verwandte. Die Verwandten, die mit der Bahn kommen mußten, trafen schon vormittags ein, sonst lohnte sich der Besuch nicht, man mußte ja auch schon früh wieder fort. Ins Wirtshaus ging man früher sonntags nicht, die jungen unverheirateten Leute trafen sich in Gruppen auf einer Diele zum Spielen und Tanzen. Es wurde Mundharmonika oder Ziehharmonika dazu gespielt. Man ging auch in Gruppen spazieren. Verheiratete machten aber nie mehr mit. Nur zum Blasheimer Markt oder bei Hochzeiten tanzten alte und junge Leute, Verheiratete und Unverheiratete. Im Winter trafen sich die jungen Leute zum Spinnen. Heut treffen sich die jungen Landfrauen zum Basteln und Handarbeiten, sie besuchen auch Kochkurse in Nikeküchen usw. Kartenspielen und Kegeln waren weithin unbekannt früher. Heute gibt es Turnvereine, Schwimmbäder stehen zur Verfügung, Fortbildungskurse können besucht werden usw. Da die meisten Pkws besitzen, fahren die Familien auch schon mal zu Freilichtbühnen, Tiergärten, Theaterveranstaltungen usw. Man nimmt auch an Busreisen teil, Altenfahrten finden statt usw. Aber die Arbeiten im Stall sind auch heute noch genauso pünktlich zu verrichten wie am Alltag.

Eine „wahre“ Geschichte, nicht ausgedacht, sondern von Onkel Karl im Nachbarhause erlebt: Wenn das Geld knapp war, wurde auch wohl mal an Kaffee gespart und mehr „Päcksken“ getrunken. 2 Frauen unterhalten sich beim „Stöhnen“ (Besuch nach der Geburt eines Kindes). Die junge Mutter klagt über ihre Beschwerden. Da meint die Nachbarin: „Och, för ne onnike Tassen Kaffei will ick woll nau en Kuind kruigen, doa wäit ick nicks van.“ Nach einiger Zeit kriegt sie tatsächlich ein Kind. Mitten in der Nacht mußte die Hebamme kommen. As ollens wier torechte was, dä nije Erdenbürger bui suine Moim in’n Bedde lag, sia de Hebamme: „Seou ... (Name), niu bliev man ruhig liggen, ümme sirben kuome ick wier un helpe dui.“ Dei Hebamme kam oaver oall ümme halv sirben ant Bedde und was platt, dat de lüttke Junge doa olleine inne Küssens lag. De Moim kam met’n Melkömmer iut’n Stalle. Oas de Hebamme anfäng teo schellen, sia de Friue: „Och, wui hät doch man äine Keou, dat duerde doch nich lange. Dat könne ick woll oal deoun.“ Däi Hebamme häv neau düchtig schullen. Oaver dat was joa niu teo late. Wenn man för’n geoute Tassen Kaffei woll en Kuind kriergen well, dann kann man auk hennig wier uppsteaun!!!

Heute
Auch heute noch wird oft der Sonntagsplan durcheinander geworfen. Am 2. Pfingsttag kam bei meinem Onkel ein Kälbchen an. Die Kühe kamen gerade auf der Weide an, als auf einmal die Füße herausguckten. Es waren die Hinterbeine, das Kalb lag also verkehrt. Dann muß es bei der Geburt schnell gehen, damit das Kalb nicht erstickt, wenn die Nabelschnur abreißt. Also war Vorsicht geboten. Man holte die Kuh von der Weide, obwohl man damit die anderen Tiere beunruhigte. Die Tiere rissen auch prompt aus und mußten mühsam aus Feldern und Wiesen wieder zusammengesucht werden. Einer fuhr zum Nachbarn, um den um Hilfe zu bitten. Einer hielt sich mit dem Auto bereit, zum Tierarzt zu fahren. Die anderen halfen dann ziehen, als man die Kuh endlich mit Stricken zum Liegen gebracht hatte. Als das Kalb abgerieben und in einen anderen Stall gebracht war, gab es einen Schluck aus der Pulle für die Beteiligten. Dann gab es ein verspätetes Mittagessen, eine ganz kurze Mittagspause, dann kam die Tochter meines Onkels aus Kirchlengern mit ihrer Familie. Die Männer beguckten die Runkeln, wir Frauen konnten ein wenig erzählen. Zwischendurch guckte man immer wieder nach der Kuh, die Nachgeburt kam und kam nicht. Vorher wollte man sie nicht melken, die erste Milch muß das Kalb ja haben. Bis zum späten Abend stand immer einer mit dem Führerschein bereit, um den Tierarzt zu holen. Es war dann doch nicht mehr nötig. Aber ein geruhsamer Sonntag war es nicht.

Elisabeth F.