„... wenn einer der über 18 Jahre alten Burschen versuchte, mit einer Schönen im Nachbardorf anzubändeln”

Dr. med. vet. August L., Tierarzt, geb. 1918, gest. 1998
Wohnort: Bad Laasphe-Feudingen
Datum der Niederschrift: 17. August 1972
Berichtsort: Bad Laasphe-Feudingen, Kreis Siegen-Wittgenstein
betrifft die Zeit von 1880 bis 1930

Gewährsperson: Rudolf H., 83 Jahre, Feudingen

Da die Sonntagsheiligung heute vielfach nicht mehr so streng wie früher gehalten wird, soll im folgenden geschildert werden, wie man in der „guten alten“ Zeit den Sonntag feierte.

Um den Sonntag möglichst arbeitsfrei zu halten, wurden schon am Samstag allerlei Vorbereitungen getroffen. Haus und Hof wurden etwas gründlicher gereinigt als an anderen Wochentagen. Haus- und Stallfenster wurden geputzt und ebenso die Zimmern. Der „gegrette Ern“ (gegrätete Flur) und der Küchenfußboden wurden mit einem – schon etwas abgenutzten – Reiserbesen geschrubbt. Auch die Sonntagsmahlzeiten wurden vorbereitet. Hierzu gehörte das Kartoffelschälen, das Gemüseputzen und das Vorbereiten des Sonntagsbraten, sofern überhaupt einer vorhanden war. Der „Degelkuche“ (Tiegelkuchen), der so groß wie „e Blugesroad“ (Pflugrad) war, mußte bereits gebacken werden. Wenn es gut passen sollte, waren in diesem Kuchen auch einige Rosinen. Das Schuheputzen war meistens Jungenarbeit. Und das war garnicht so einfach, die älteren Wittgensteiner können noch heute ein „Lied davon singen“. Bekanntlich hatte man früher hierzulande bis zur Konfirmation für den Sonntag und für die Werktage dieselben Schuhe, jedoch nur ein Paar, die „genagelten“ Rindlederschuhe. Diese wurden, der besseren Haltbarkeit wegen, wochentags eingefettet. Am Sonntag aber sollten sie, genau wie die Schuhe der Erwachsenen, auf Hochglanz gebracht werden, und das mit der „Originalwichse“ aus den ovalen Holzspanschachteln. Wie man nun diese Wichse zum Gebrauch fertig machte, soll hier nicht weiter erwähnt werden.
An dem Sonntagmorgen stand man beizeiten auf, um ja rechtzeitig zum Gottesdienst zu kommen. Viele Gemeindemitglieder unseres 12 Dörfer umfassenden Kirchspiels Feudingen hatten Anmarschwege von 1 bis 1 ½ Stunden. Trotzdem waren die Gottesdienste immer gut besucht. An normalen Sonntagen nahmen 80 % der erwachsenen Gemeindemitglieder an dem Gottesdienst teil. Heute, wo im Bereich des Kirchspiels Feudingen 2 Kirchen und 1 Kapelle (je eine Kirche in Feudingen und Oberndorf, 1 Kapelle in Volkholz) stehen, besuchen im Durchschnitt 10 bis 20 % der Erwachsenen den Kirchengottesdienst. Fragt man nach dem Grund der Vernachlässigung des Gottesdienstes, so sagt ein Teil: „Wir erleben den Gottesdienst am Fernsehen oder Radio. Für alte oder kranke Leute ist dieses anerkennenswert, aber diese Gottesdienstsendungen sind doch nur ein Ersatz und in keiner Weise vergleichbar mit dem Gottesdienst in der Kirche mit der versammelten Gemeinde. Der wahre Grund, besonders bei der heutigen Jugend, dürfte der Wohlstand und der damit verbundene Hang zur Bequemlichkeit sein. Man rast dann lieber mit dem Auto durch die Gegend, leider endet solch ein Ausflug oft in dem Krankenhaus oder auf dem Friedhof.

Über die Sonntagskleidung wird hier nach Berichten von alten Leuten und Gewährsleuten berichtet. Früher wurden zum Kirchgang die im Feudinger Kirchspiel übliche Tracht getragen. Die Männer trugen den aus selbst gewonnenen Leinen gewebte hellblauen Sonntagskittel mit Stickereien und Perlmuttknöpfen und lange Beinkleider, Mützen oder auch breitkrämpige hohe Hüte aus groben Filz. Um 1875 trugen die älteren Männer noch vielfach kürzere Beinkleider, die bis ans Knie mit Strümpfen oder Gamaschen. Die Frauen trugen lange Röcke und Blusen von dunkler Farbe und bedeckten den Hinterkopf mit einem schwarzen oder weißen spitz zulaufenden Käppchen, übrigens die einzige hervorstehende Eigentümlichkeit der Feudinger Tracht. Später bevorzugte man jahrelang den „Kopelieranzug“ (mdartl. von kopulieren = verbinden, trauen; Kopulieranzug = Hochzeitsanzug) bzw. das „Kopelierkleid (Traukleid), beide Kleidungsstücke in dunkler Farbe, schwarz oder dunkelblau.
An den Sonntagnachmittagen trug man noch häufig Kleidung aus selbstgesponnenen oder selbstgewebten Leinen. Je nach Farbe der eingewebten Wolle hatte man hellgraue oder hellbraune Anzüge. Bei den Frauen wurde schon meist die Kleidung aus gekaufter „Eehlwaor“ (mdartl. Ellen-Meterware) geschneidert. Wenn diese Kleidung für Sonntag schon etwas abgetragen war, konnte sie noch lange als Arbeitskleidung verwendet werden. Es war etwas „Duroaweles“ (mdartl. von durabel = dauerhaft, haltbar). Als Kopfbedeckung trugen die meisten Männer schwarze Hüte, einige auch Schirmmützen, wenige einen steifen runden Hut (mdartl. „Stiwitt“ genannt), ganz selten einen Zylinder. Manchmal sah man schon einen Gehrock. Mäntel waren bei Männer und Frauen bis zum ersten Weltkrieg noch unbekannte Dinge. Viele Männer zogen erst als Soldat den ersten Mantel an.

Die freien Sonntagnachmittage benutzten die älteren Bauern zu Feldbegehungen. Man sah nach den Früchten, nach den Wiesen und den Weiden. Man überlegte, was nun am Montag geschehen müßte. Im Winter ging man mit der langen „Pe-ife“ (mdartl. Pfeife) auf Nachbarschaftsbesuch oder zum Kegeln. Gekegelt wurde – wie beim Kartenspiel – um Pfennige. Doch kam es auch mal vor, daß ein Gegenstand, z.B. ein Kuchen, eine Wurst, eine Flasche Wein ausgekegelt wurde.
Vollautomatische Kegelbahnen waren damals unbekannt, deshalb mußte zum Aufstellen „der Neune“ ein Kegeljunge sein. Zu dieser Tätigkeit drängten sich immer mehr Jungen als in Wirklichkeit gebraucht wurden. Dadurch kam es schon mal zu Streitigkeiten. Immerhin ging es – je nach Runden – um einen Verdienst von 20 bis 30 Pfennigen. Für einen Jungen war das in damaliger Zeit sehr viel Geld!
Die 15-18jährigen Burschen, die damals noch nicht in eine Gastwirtschaft gehen durften, vergnügten sich auf andere Art und Weise. In den verschiedenen Ortsteilen fanden sich 8 bis 10 Bürschlein zusammen und machten Ausflüge in Flur und Wald. Die noch älteren Jünglinge dehnten ihre Exkursionen bereits in die nächsten Dörfer aus. Das ging denn selten ohne handfeste Schlägerei aus. Am Montag folgte meist ein Strafzettel. Noch gefährlicher wurde es, wenn einer der über 18 Jahre alten Burschen versuchte, mit einer Schönen im Nachbardorf anzubändeln, bevor er den sogenannten Jagdschein bezahlt hatte. Er mußte ganz ordentlich was springen lassen, erst dann war die „Jagd frei“. Wehe, wer sich diesem ungeschriebenen Gesetz nicht beugte. Da hat schon mancher Bursche das Laufen gelernt.
Ältere Jahrgänge interessierten sich für Gesang. In jedem größerem Ort bestand ein Gesangverein, in jedem Kirchdorf ein Kirchenchor. Welche beachtlichen Leistungen die Wittgensteiner Vereine erzielten, und zwar bereits vor dem ersten Weltkriege, davon zeugen die errungenen Preise.
Auch die Musik wurde von alters her in Wittgenstein sehr gepflegt, in jedem Dorf existierte eine kleine Kapelle, die an den Sonntagen oder anderen Festtagen zum Tanz aufspielte oder zu bestimmten Gelegenheiten „Ständchen“ brachte.
Weiterhin spielte der 1899 in das Leben gerufene Posaunenchor des Christlichen Vereins junger Männer (CVJM) in der Ausübung von Kirchenmusik, aber auch von Volks- und Marschmusik eine große Rolle. So tritt der Posaunenchor heute noch bei Kirchenkonzerten und bei Platzkonzerten wie auch bei der Gestaltung von Dorfgemeinschaftsabenden im kirchlichen wie im weltlichen Dorfgeschehen in Erscheinung. Die Marschmusik ist in der Hauptsache Domäne der Spielmannzüge. Ein solcher besteht noch heute bei dem Turnverein Feudingen 1908. Er tritt bei Umzügen und Wanderungen häufig in Erscheinung, dieses gerade an Sonntagen.