Das „Archiv für westfälische Volkskunde“ wurde 1950 nach dem Muster des Folkslivsarkievet in Lund (Schweden) begründet und bis 1989 laufend erweitert. Das Archiv erhielt sein Material durch schriftliche Befragung von Gewährsleuten: Ein Kreis von Mitarbeitern beantwortete Fragelisten zu fest umrissenen Themen, die sich mit der Zeit um 1900 befassten. Die Fragelisten sollten Leitfäden für individuelle, längere Berichte sein, um kulturelle Erscheinungen in komplexen Zusammenhängen darstellen zu können. Insgesamt hat die Kommission bis 1982 46 Fragelisten ausgesandt, zu denen dank der engagierten Mitarbeit der Gewährsleute rund 6.600 Antworten archiviert werden konnten. Im Rahmen einer kleineren, ausgesprochen erfolgreichen Aktion wurde das Archiv 1985/86 durch Berichte von Kriegsgefangenen ergänzt.
Die Befragten sollten sich allein auf ihre persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen stützen. Dadurch wollte man sicherstellen, dass möglichst konkrete Informationen gesammelt und verallgemeinernde Feststellungen vermieden wurden. Zum Beispiel heißt es in der Frageliste zum Tageslauf im Haushalt: „Darum möchten wir anfragen, ob Sie in der Lage sind, uns eine eingehende Schilderung eines Haushaltes vor dem ersten Weltkrieg zu geben. Es kann Ihr Elternhaus sein, von dem Sie berichten, es kann aber auch ein anderes Haus sein, das Sie als Kind gut gekannt haben. Bitte machen Sie aber immer genau Angaben über Ort und Zeit.“ Im Idealfall konnten so „biographisch gesteuerte Lebenserinnerungen“ entstehen; die meisten Einsendungen zeichnen sich dadurch aus, dass sie den in den Fragelisten angesprochenen Themen gewissenhaft folgen, trotzdem aber stark von persönlichen Themen und Sprachgewohnheiten geprägt sind. Exkurse zu nicht nachgefragten Aspekten sind zwar nicht sehr häufig, kommen aber vor. Bei der Bewertung der Berichte darf nicht vergessen werden, dass die Schreiber eine Vorstellung von dem hatten, welche Antworten die Volkskundliche Kommission von ihnen erwartete. So kam es, dass viele Gewährsleute ihren Berichten stark den Charakter von „Zustandsbeschreibungen“ gaben, die die – wohl oft sehr unterschiedlichen – Lebensverhältnisse stark verallgemeinerten. Viele Mitarbeiter verstanden sich auch als sachkundige Sprecher für ihren Heimatort, die Gemeinde, in der sie lebten oder ihre Kindheit verbracht hatten. Aus persönlicher Sicht werden die Phänomene nur sehr zurückhaltend bewertet, obgleich subjektive Sichtweisen zu beobachten sind: Viele Gewährsleute bewerten die Zeit ihrer Kindheit und Jugend rückblickend als sehr positiv. Dies darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es um 1900 keinesfalls eine „heile Welt“ gab und das Leben oft aus harter Arbeit bestand. Auch verschiedene soziale Gruppen innerhalb des jeweiligen Ortes werden selten thematisiert.
In einer Kartei hat die Volkskundliche Kommission auch Informationen zur Biographie der Berichterstatter gesammelt. Einige Mitarbeiter bezogen ihre Informationen aber ihrerseits von anderen Gewährspersonen. Dies wurde zwar vermerkt, aber die einzelnen Aussagen sind in der Regel keiner konkreten Person zuzuordnen.
Das Quellenmaterial wirft somit methodologisch schwierige Fragen auf, enthält aber eine Fülle von Informationen über die Alltagskultur in Westfalen um 1900, die heute unweigerlich verloren gegangen wäre.
Renate Brockpähler (Hg.): Aus dem Leben einer Bäuerin im Münsterland. Gertrud Rolfes berichtet. Münster 1981.
Dietmar Sauermann (Hg.): Aus dem Leben eines Heuerlings und Arbeiters. Rudolf Dunkmann berichtet. Münster 1980.
Dietmar Sauermann/Gerda Schmitz: Alltag auf dem Lande. Bilder und Berichte aus dem Archiv für westfälische Volkskunde. 1. Aufl. Rheda-Wiedenbrück 1986.
Fred Kaspar: Alltagswelt in Kleinstadt und Dorf. 1. Aufl. Rheda-Wiedenbrück 1989.
Dietmar Sauermann: Volkskundliche Forschung in Westfalen 1770-1970. Geschichte der Volkskundlichen Kommission und ihrer Vorläufer, Bd. 1. Münster 1986, besonders S. 114-117.
Dietmar Sauermann/Renate Brockpähler: „Eigentlich wollte ich ja alles vergessen ...“ Erinnerungen an die Kriegsgefangenschaft 1942-1955. Münster 1992.