Theodor Schulze B., Auktionator und Versicherungskaufmann, geb. 1878, gest. 1975
Wohnort: Ahlen (Westf.)
Datum der Niederschrift: 25. Juli 1968
Berichtsorte: Ahlen, Hamm-Heessen, Drensteinfurt-Walstedde, Kreis Warendorf
betrifft die Zeit um 1886
Das Gemüse wurde täglich frisch aus dem großen Hausgarten geholt. Weißkohl „Kapes“ wurde im Herbst zu Sauerkraut „Suermoos“ verarbeitet. Es wurde in großen Holzfässern eingeschabt, mit Salz bestreut und mit neuen Holzschuhen festgetreten. Dann wurden die Fässer mit einem Deckel versehen und diese mit dicken Kieselsteinen beschwert. Nach Bedarf wurde das Sauerkraut „Suermoos“ aus dem Faß herausgenommen. Das Schaben des Weißkohls machte mein Vater. Die Schabe konnte man leihweise in der Stadt haben. Mit den Vize-Stangenbohnen wurde es ähnlich so gemacht. Möhren („Wurzeln“) wurden in Mieten eingemacht, so daß der Haushalt im Winter mit Gemüse versorgt war. Zu vergessen ist nicht der Grünkohl, der bei Bedarf aus dem Garten geholt wurde. Das Backen des Pfannkuchens wurde nicht vergessen und [dabei] bediente man sich der großen Pfanne mit Holzstiel, die auf einer eisernen Vorrichtung auf das Herdfeuer gestellt wurde. Meine Mutter wendete den Pfannkuchen ohne Wender mit Werfen aus der Pfanne und wieder Auffangen mit der Pfanne. Zu Ostern gab es vor dem Abbrennen des Osterfeuers („Pohkfuers“) Rühreier, gebackene Eier für alle, und [dann] mußte die Mutter so 50-100 Eier backen. Dann noch eine alte Sitte: Am Aschermittwoch gab es graue Erbsen mit Hering, „Grauerst“.
Die große Küche, der Mittelpunkt des Hauses, wurde morgens gefegt u. geschrubbt. Ebenso das Wohnzimmer. Die Deele „Dial“ wurde einmal im Jahr geschrubbt, und zwar zum Sonntag nach Pfingsten, wenn auf dem Hofe nach althergebrachter Sitte eine Christenlehre abgehalten wurde und [dann] erschien der Pfarrer aus Ahlen, der nach getaner Arbeit mit Kaffee bewirtet wurde. Vergessen werden darf nicht das sog. „Möppkenbraut“ als leckeres Frühstück in der kalten Winterzeit. Spiegeleier zu essen, war bei uns keine Sitte.
Ein Abend am Herdfeuer um 1885 auf dem Hofe Schulze B.
Um 7 ½ Uhr, nachdem alle zu Abend gegessen hatten, knieten alle nieder. Mein Vater oder die Mutter beteten das Abendgebet vor. Die Männer und die größeren Kinder setzten sich ans Herdfeuer, während die Mutter die kleineren Kinder zu Bett brachte und die Mägde in der Spinnstube ihren mit angebauten Flachs spannen. An der rechten Seite an der „Muer“ saß der Vater, dann der Baumeister „Baumester“, dann der „Forknecht“ und daneben der „Plöger“ und der „Schwäiner“. Dazwischen saßen wir Kinder. An der linken Seite an der „Muer“ saß dann noch der „Schaiper“. Das Feuer brannte lichterloh und [es] ging ein gewaltiger Rauch in den Bosen, in dem die Speckseiten, die Schinken und Wurst zum Räuchern hingen. Der Vater las aus der Zeitung vor, die einmal in der Woche erschien. Dann erzählte er von seinen Erlebnissen der Feldzüge von 1864, 66 u. 70 u. 71: Besonders auch von dem Sturm auf die Düppeler Schanzen, den er als Unteroffizier des 13. Inf. Reg. mitgemacht hatte. Alle, und besonders wir Kinder paßten genau auf. Der Baumeister erzählte dann, daß er auf einem großen Hofe als „Baumester“ gewohnt habe: Dort hätte man einen schweren Stamm („Koproan“) aus der Wallhecke ans Herdfeuer („Häerfuer“) gerollt. Nach 8 Tagen wäre noch eine Eule („Uhl“) aus demselben geflogen. Dann fing der alte Schäfer („Schaiper“) von seinen Erlebnissen an zu erzählen. Er war so etwas drömelig und sagte nach jedem Satz in seiner Mundart: „Un so sierde häi“. Dem „Schwäiner“ wurde das anscheinend langweilig und [so] sagte er: „Schaiper, wet sierde bai, as hoi niks neü sierde?“ Darauf „dai Schaiper“: „Du olle Schnurepriekel sierde hai.“ Auch sonst wurde allerlei Kurzweil wie „Kuolkesroen“ und „Piekhloster[?] leggen“ getrieben. Um 9 Uhr gingen alle in die Betten, um am anderen Morgen 5 Uhr wieder ausgeruht an die Arbeit gehen zu können.