„Eine Jungfrau macht das Bett frühmorgens, eine Frau am Mittag und eine Sau am Abend“

Johannes W., Landwirt, geb. 1885, gest. 1972
Wohnort: Borgentreich-Natzungen
Datum der Niederschrift: 4. Juli 1970
Berichtsort: Borgentreich-Natzungen, Kreis Höxter
betrifft die Zeit von 1900 bis 1970

Das Foto zeigt Johannes W.

[…] Im Bauernhaus während des Frühjahrs und in der Sommerszeit standen die Männer gegen 4 Uhr des Morgens auf, es weckte gewöhnlich der Besitzer selber oder der Knecht oder ein größerer erwachsener Sohn. Man begann die Pferde zu füttern und zu striegeln, anschließend wurden die Ställe gereinigt und in Ordnung gebracht, daraufhin holte man das nötige tägliche Wasser aus dem Brunnen oder, wer schon eine Pumpe besaß, pumpte dasselbe in den angebrachten Wasserbehälter, der zirka 100 Liter faßte. Nun wurde sich gewaschen, des Werktags fast ohne Seife. Inzwischen war die Mutter oder die Magd oder erwachsene Tochter gegen ½ 5 zum Melken geweckt, damit die Milch rechtzeitig abgeholt werden konnte. Eine der weiblichen Personen hatte Kaffee gekocht und das erste Frühstück im Wohnzimmer zubereitet. Um Punkt 6 Uhr wurde es von den Größeren eingenommen, die Kinder aßen etwas später, man schickte sie dann um 7 Uhr zur Schule und zur hl. Messe. Bei einer größeren Kinderschar mußten die älteren Kinder beim Waschen und Ankleiden der Mutter mitbehilflich sein und auf Reinheit und Sauberkeit achten. Ihr Frühstück war das gleiche, Kaffe oder Milch, ein Stück Brot mit Butter oder Schmalz, Honig, Apfelmus oder Rübenkraut bestrichen. Die alten Menschen taten auch vielfach ihr trockenes Brot eintunken oder brockten es ein und aßen es dann mit einem Löffel. Wenn die weiblichen Personen in Erscheinung traten, hab’ ich sie nie in Nachtjacken und Nachtmützen angetroffen, sondern stets sauber gekleidet und anständig gekämmt vorgefunden, auch hab ich bis 1900 keine weibliche Unterhose oder Schlüpfer, sogenannte Schinkenbeutel, bei der Wäsche entdecken können, des Sommers wurden Unterröcke von den Frauen getragen, anders hat man es damals nie gekannt. Die vorgenannten Kleidungstücke kamen in ländlichen Gegenden erst nach 1900 auf, da wurden die Frauen schon vornehmer.

Doch jetzt zurück: Nach dem ersten Frühstück um ½ 7 ging ein jeder seiner Arbeit nach, die Frauleute im Haushalt, die Männer in der Landwirtschaft mit Pflügen und Aussaat, wozu das 2te Frühstück mitgenommen und um 9 Uhr verzehrt wurde. Dies bestand damals aus Brot mit einem Stück Wurst oder Butterbrot mit Käse oder Fleisch belegt, nebenbei ein Budel mit Schnaps gefüllt, meist alter Korn. Um 11 Uhr zog man wieder nach Hause, unterdessen hatten die Frauen in Haus und Garten gewirkt und auch Ihr 2tes Frühstück verzehrt. Bis dahin hatten die Frauen die übrigen häuslichen Tiere versorgt. Rind, Schweine und Federvieh. Wir Kinder kamen um 10 Uhr aus der Schule, es wurde kurz gefrühstückt, dann mußten wir den Kuhstall und 2 x in der Woche die Schweinställe reinigen. Wir wurden schon frühzeitig zu allen Arbeiten mit herangezogen und das war auch gar nicht so schlimm, man lernte dabei die Arbeit und den Betrieb kennen. Es wäre sehr gut, wenn es auch heute noch der Fall wäre, denn das Leben braucht heute noch viel mehr Kenntnisse zur Arbeit. Die arbeitenden Tiere werden in der Mittagszeit von dem Ackerer versorgt. Um 12 wird gegessen in der Wohnstube, gemeiniglich werden am Montag die Überreste vom Sonntag aufgewärmt gegessen, hinzu kommt frisch ausgemachter Salat. Vor und nach dem Essen wird entweder vom Hausherrn selbst oder von einem größeren Kinde vorgebetet und Gott für die Speisen gedankt. Wir haben stets alle an einem Tisch gegessen, wo das nicht der Fall ist, ist [es] eine Mißachtung der mitschaffenden Menschen und das gehört sich nicht, gleiche Arbeit, gleiches Essen, ich möchte in einem solchen Betriebe nicht mitmachen.

Nach einer Stunde Mittagspause von ½ 1 bis ½ 2 Uhr wird wieder zur Arbeit geschritten, draußen ist um ½ 3 nachmittags Kaffeepause, ein Imbiß wird genommen, dann geht’s durch bis Feierabend um 7 Uhr, zum Abendessen ist jeder wieder zu Hause. Zum Abendessen gab es dann am Montag Milchspeisen mit Butterbrot oder ähnliches, nachher saß man dann gemütlich beisammen im Zimmer oder bei angenehmem Wetter vor der Haustür oder in der Laube mit der erwachsenen Familie und hielt ein Plauderstündchen, als Kind war man dann schon im Bett und träumte von täglichem Erlebnis. Beim Heranwachsen durfte man dann länger aufbleiben und den Gesängen der fröhlichen Dorfjugend lauschen, die außerhalb des Dorfes Platz genommen hatte und mit Ziehharmonika den frohen Gesang begleitete. O schöne, herrliche Zeit, wann kehrst Du einmal wieder? Nach dem trauten Zuhören legte man sich zur Ruhe, um gegen Morgen wieder zu erwachen. Am andern Morgen zur gleichen Zeit fing wie immer der Tageslauf vor sich ablaufend [an].

Das Waschen und Ankleiden ging im Schlafraum vor sich, man holte sich in größeren Schalen das nötige Waschwasser, wusch sich tüchtig ab, natürlich mit Seife, kleidete sich an, kämmte sein Haar und trat frisch und frohgemut in den neuen Tag und seine Bürden. Wir konnten mit Freude und Würde auf unsere deutschen Frauen und Mädchen sehen, und es war hier nicht so wie im benachbarten Belgien wo [man] die Frauen und Mädchen auf dem Lande bis Mittag ungewaschen und ungekämmt, die Haare zerzaust um den Kopf hängend herumlaufen sah, was man oft im Kriege gesehen hat - einfach abstoßend und scheußlich, ein Lob den deutschen Müttern und Töchtern. An allen Morgenden tritt Gesinde wie Herrschaft zuvor in ihre Holzschuhe oder Latschen und verrichtet bis zum ersten Frühstück ihre anfallenden Arbeiten in dieser Fußbekleidung, zu Sonn- und Feiertagen wurden die Füße gewaschen, es sei denn, wenn Schweißfüße angeboren sind [und] diese täglich ordentlich gewaschen werden müssen. Die Männer trugen bei staubigen, schmutzigen Arbeiten Kittel, sonst Jacken, sogenannte Joppen. Einige ganz alte Mütter traf man noch ganz selten für etliche Stunden am Morgen mit Nachtjacke und Mütze [an]. Von 1900 ab sah man diese Tracht nicht mehr. Bei häuslichen Arbeiten trugen die weiblichen Personen blauleinene Schürzen, ebenso draußen bei Feldarbeiten. Am Sonntag natürlich schöne mit Spitze umrandete weiße Schürtzen, diese trug man noch bis in den 2ten Weltkrieg hinein, dann verschwanden au[ch] sie.

Nach dem 2ten Frühstück wurden, je nach Fruchtart, um 10 bis elf die Hülsenfrüchte auf den Herd gesetzt, mit Schinken oder Speck versehen zum Mittagsmahl zubereitet. Die Kartoffeln wurden von den Frauen oder alten Opas geschält und wurden gegen ½ 12 den kochenden Früchten zugetan, um 12 Uhr wurden dann die Mahlzeiten vorgesetzt. Je nach Personenzahl bei Hülsenfrüchten für Mittag und Abend wurde der gußeiserne Kochpott ausgesucht und gebraucht, zum sonstigen Wasser- und Kartoffelnkochen wurde ein geräumiger Kupferkesseln verwendet. Diese beiden Töpfe faßten je 6 bis 8 Liter. Für andere Speisenzubereitungen wurden kleinere Töpfe verwendet, heute werden diese Geschirre kaum noch benutzt, da kocht man mit Strom und Gas und deren Geräten. Das Abräumen, Spülen und Abtrocknen und Wegräumen besorgten früher nur die weiblichen Geschlechter, heute hat man auch die Männer dazu herangezogen, die früheren Spülkessel sind abgeschafft und durch bequeme Spültische ersetzt, neumodisch werden Spülmaschinen verwendet. Man spülte damals die Kochtöpfe aus, trocknete sie und stellte sie in den Topfkochschrank, die Bestecke wurden sauber gereinigt und in dem dazu gehörigen flachen, mit mehreren Fächern versehenen Geschirrkorb abgestellt.

Die Hausordnung morgens
Von den Frauen oder Töchtern oder Mädchen wurden die Betten und Zimmer in Ordnung gebracht, ausgefegt und gekehrt, es galt, daß 2 Stunden nach dem Aufstehen die Betten gemacht sein mußten und nicht, wie ein langjähriger Knecht, der in vielen Orten gedient hatte, immer wieder sagte: „Eine Jungfrau macht das Bett frühmorgens, eine Frau am Mittag und eine Sau am Abend“. Die Männer kehrten morgens die Dele und Tenne und schafften Reinigkeit und Ordnung auf dem Hofraum. In den ersten Kinderjahren meines Lebens wurde we[ni]g geschrubbt, nur zu hohen Festtagen, in Küche und Stube wurde gründlich gereinigt und weißer Sand in die Zimmer gestreut. Heute werden alle Arbeiten zurückgestellt und immer nur noch gewischt und geputzt, von früh morgens bis abends spät. Da konnte man damals nicht von leben, da mußte gearbeitet werden, wenn es rund und voran gehen sollte, es war kein Geld und fertige Kleidung vorhanden. Bis 1918 waren wenige landwirtschaftliche Maschinen und sonstige Geräte vorhanden, es mußte noch alles mit der Hand getanen werden, ja, das war für beide Geschlechter mühevoll und anstrengend, heute hat man für alle Früchte die nötigen Maschinen, da ist es Spielerei.

Das 2te Frühstück, platt Freustücke genannt, wurde in einem großen Henkelkorb während der Feldarbeiten morgens mit nach draußen genommen, sein Inhalt war ein halbes Brot, eine große Obertasse mit Butter gefüllt, mit einem großen frischen grünen Blatt zugedeckt, damit sie bei der Wärme nicht schmelzen konnte. Je Person 1 Messer und Kaffeetasse, je ein Stück Schinken oder Wurst, mitunter auch Käse und ¾ Liter Schnaps mit Trinkglas, nebenbei ein großer Kaffeekessel voll gefüllt, wurde mitgenommen. Beim Tragen wechselte man sich ab, wenn dann ein weiter Weg bis zum Acker war, hatte man bis dahin die Nase schon voll, nebenbei hatten wir die Sense noch zu tragen. Denn Vormittags wie Nachmittags [mußte] jeder Mäher 1nen Morgen gemäht, gebunden und gehäuft haben, eher gab es kein Pardon. Diese Anstrengungen waren wir bald satt und fuhren dann mit Pferd und Wagen hin und zurück; dies war eine bedeutende Erleichterung. Im Bauernhaus gab es mehr schöne räumliche Henkelkörbe, denn wenn Mittags draußen geblieben und gegessen wurde, mußten für Teller und Töpfe auch Traggeschirre vorhanden sein, in der Regel wurde ein Schultertragejoch (ein sogenannter Jobbeck) verwendet, dieser war rechts und links mit leichter Kette und Hacken versehen, in den man dann Korb und Eßbehälter einhakte, und fort ging es hinaus zu den hungrigen Mäulern. Dieses Hinaustragen besorgten meist die Hausfrauen, denen man halbwegs entgegen ging und lößte sie ab, derselbe Gang wiederholte sich beim Vesperbrot Rausbringen, wo dann der Korb mit Brot und Butter, oder mit frisch gebackenen Waffeln seitens der Hausfrau gefüllt und vorgesetzt wurde. Ebenso ging es, wenn draußen in Diemmen oder aus Haufen gedroschen wurde, nur dann kamen die Mahlzeiten, von den Kornfahrern mit dem Wagen mitgebracht, hinaus an Ort und Stelle, nur waren die Speisen anders, da gab es schöne Reis- oder Nudelsuppe, einwandfreies reichliches Fleisch, Gemüse und sonstige Leckerbissen fehlten nicht. Als Nachspeise gab es früher in Mehl gekochten dicken Reis oder leckere Pflaumen, heute setzt man Pudding vor und läßt sich den gut schmecken.

Bis zum 2ten Weltkrieg hat es nie an Getränken beim Dreschen gefehlt, 4 bis 5 Liter alter Korn oder Münsterländer gingen drauf. Dieser lag stets griffbereit im Faß im Keller bereit. 50-60 bis 100 Liter hielt fast jeder Bauer auf Lager, als Labung für Männer und Frauen. Wenn wir vor und nach 1900 draußen maschienten, ließ mein Vater stets gegen ½ 6 abends ein Fäßchen Bier mit ins Feld bringen, dann konnte jeder den Durst stillen. Bei fröhlicher Runde vergaß man dann die harten Stunden des Tages. Mein Vater sagte dann immer, ein kühler Trunk muß vom Ertrage übrig sein. Die andern Bauern sahen dies nicht gerne, sie knauserten. Die letzten Jahre gab es bei vielen keine Getränke mehr, so daß mehrfach 2 oder 3 dortige Arbeiter zusammen warfen und holten von Ihrem Geld sich selber eine Pulle, um Staub und Dreck hinunter zu spülen. Ein solches Gebaren halte ich für niederträchtig. Eigenes Bier wurde hier nicht gebraut, wohl Immenbier, da wurden die Waben ausgekocht, die Brühe sauber durchgeseiht und in Flaschen abgefüllt. Dies war sehr schön und schmeckte süßlich, ein herrlicher Trunk am kalten Winterabend. Während des 2ten Weltkrieges hat man auch hier Schnaps gebrannt aus Runkeln und Kartoffeln und verkaufte dann die Flaschen an Wirte, Polen und Gefangene für 180 Mark. Wer damals schwarz brannte, schwarz schlachtete und schwarz Mehl machen ließ und nebenbei noch mit anderen Sachen hamsterte, konnte sich manch schöne Sachen anschaffen und sogar neue Häuser bauen mit dem schmutzigen Gelde. Ob alte, arme Leute und Mittelstand oder kleine Kinder an Unterernährung starben, belastete damals ihr Gewissen wenig und heute schon gar nicht mehr, aber die Bergpredigt besteht noch immer und hat seine Gültigkeit. Die Not des Armen zu seinem eigenen Gewinne mißbrauchen, ist kaum zu vergeben. [...]

Die Winter-Einteilung
Im Winter steht die Magd, Tochter oder Hausfrau kurz nach 6 Uhr morgens auf und bereitet die erste Mahlzeit vor und besorgte in meinem früheren Leben auch das Melken. Heute besorgt dies gewöhnlich der Chef selbst oder einer von den zu Haus bleibenden Söhnen. Bei 7 rum wurde Kaffee getrunken. Alle Erwachsenen gingen zum Meßopfer und hörten die hl. Messe und wehe dem, der sich davor rumdrückte. Nach Beendigung der Messe nahm jeder seine übrigen Arbeiten auf. Die Männer besorgten das Vieh und reinigten die Ställe, trugen oder pumpten Wasser für den täglichen Gebrauch, holten Runkeln aus dem Keller, stoßerten sie klein für Kühe und Schweine, danach ging es zum 2ten Frühstück gegen ½ 10. Dazu gab es frische Leberwurst oder Blutwurst oder Sülze oder Schwartenwurst oder auch Wurstbrei. Die Frauleute hatten bis dahin die Betten und Zimmer in Ordnung gebracht. Männer tranken 2 bis 3 Pinnekens, die Frauen Kaffee zum Frühstück. Wenn abgeräumt war, nahmen die Frauen ihre Näh-, Strick-, Stopf-, Flick- und Spinn- und Webarbeiten zur Hand, dann ging es ums Wettarbeiten, wer am besten und meisten schaffte. Wenn schon Brennholz gekauft und heimgeholt war, taten die Männer es sägen, zerkleinern und schön aufstapeln, sonst Häcksel für die Tiere drehen oder sonst mit den Flegel das noch zu dreschende Getreide abkloppen. Auch mußten allerlei Geschirre und Gegenstände in Ordnung gehalten werden, es mußte Dünger gefahren und gestreut werden und bei günstigen Wetter untergepflügt werden für die frühjährliche Bestellung. Viele dieser Arbeiten werden heute maschinell betrieben, eine bedeutende Erleichterung.

Am Winternachmittag wurde an Wochentagen [um] 3 Uhr Kaffee getrunken, dieser war bis 1920 meist Zichorien- oder Malzkaffee, Bohnenkaffee wurde von alten kranken Frauen hin und wieder mal eingenommen. Am Abend wurde kurz vor 7 gegessen, nachher beschäftigten sich die Frauen mit ihren üblichen Arbeiten, die anderen Familienmitglieder beteten gemeinsam kniend den Rosenkranz, danach wurden volkstümliche Geschichten erzählt, auch oft auf einer Mundharmonika gespielt. Die Schularbeiten der Kinder mußten vor dem Abendbrot erledigt sein. Auch kamen am Abend Nachbarn oder alte Leute zu einem Plauderstündchen, es gab dann Äpfel oder Nüsse, auch mußten wir oft schöne Lieder singen besonders in der Weihnachts- und Fastenzeit. Es waren traute Stunden, gegen heute. An Festtagen der Familie wurden Geistliche und Lehrperson eingeladen und köstlich bedient, wie es sich Gästen gegenüber gebührt. Unerwarteter Besuch wurde gleichfalls geziemend empfangen und mit guter Butter, Mettwurst und Schinken, Brot und gutem Likör nebst Bier bedient. Auch Rauchwaren standen genügend zur Verfügung. […]