Heinrich St., Landwirt, geb. 1904
Wohnort: Werther-Theenhausen
Datum der Niederschrift: 21.-28. September 1968
Berichtsort: Werther-Theenhausen, Kreis Gütersloh
betrifft die Zeit um 1910
Gewährsperson: Frl. Else V., Borgholzhausen-Barnhausen
Zur Frageliste 5, Essen u. Trinken mache ich Angaben aus meinem Elternhaus, also aus Theenhausen, Krs. Halle u. zwar für die Zeit um 1910.
Der Bauer weckte im Sommer um 5 Uhr, im Winter um 6 Uhr. Als erster stand der Knecht auf u. mähte im Sommer ein Fuder Klee, das der Pferdejunge, nachdem er 1 Pferd geputzt hatte, holte. Um 6 Uhr mußte der Kleewagen auf der Deele sein. Großmagd u. Kleinmagd melkten die Kühe, drehten die Milch über die Zentrifuge u. misteten den Kuhstall ab. Die anfallende Magermilch wurde von den Mägden an die Kälber gefüttert, den Rest übernahm der Bauer als Ferkelfutter. Knecht u. Pferdejungen putzten dann die andren Pferde. Um ½ 7 Uhr im Sommer, um ½ 8 Uhr im Winter wurde gemeinsam gegessen (Imt – Milchsuppe mit Schwarzbrot). Die Bäuerin oder in unserm Fall die Haushälterin (meine Mutter war schon früh verstorben) kochte die Milchsuppe u. versorgte die kleinen Kinder u. übernahm auch das Anfüttern der Ferkel: Das „Imt“ wurde in der großen Küche an einem Tisch gemeinsam eingenommen.
Das Waschen wurde nach der „Werke“ (Versorgung des Viehs) im „Waschkort“ gemacht. 1 großes Stück Kernseife lag neben der Pumpe oder dem Kran, dazu ein über 1 Rolle laufendes Handtuch für jeden Hausgenossen. Bei uns wurde darauf gehalten, das alle am Tisch sauber u. angezogen waren: In den Kotten war es noch üblich, daß die Frauen bis zum 2. Frühstück ungekämmt u. nicht gewaschen ihre Tätigkeit verrichteten. Füße wurden nach Bedarf gewaschen, wenn im Sommer barfuß gelaufen wurde, das war die Regel, geschah dann abends, sonst gehörte das zur Sonnabendwäsche (abends).
Die kleineren Kinder zogen sich im Winter in der warmen Küche an (das war der einzige geheizte Raum), größere Kinder im Schlafraum. Die Kleidung im Hause bei der Versorgung der Tiere war bei den Frauen Waschkleider, darüber 1 Packschürze. Männer trugen waschbare Hosen u. Joppen u. für alle Holzschuhe, die jeden Sonnabend gewaschen wurden.
Das Mittagessen wurde morgens gegen 8 Uhr aufgesetzt von der Altbäuerin oder Haushälterin. (Sie versorgte den Pott). Beim Kartoffelschälen u. Gemüse Herrichten halfen Magd oder Kleinmagd. Alle Speisen wurden auf dem Küchenherd gekocht u. gebacken. Zur täglichen Hausarbeit gehörten herrichten der Schlafzimmer, Betten machen u. ausfegen, Küche u. Deele ausfegen. Sonnabends wurde Staub geputzt, Schlafzimmer gewischt, Küche geschrubbt. Deele wurde nach Bedarf geschrubbt, nach der Rübenernte usw. u. vor hohen Festtagen.
Zum Frühstück gab es Fleisch zum Brot: Speck, Mettwurst, im Winter Leberwurst u. Sülze, Schinken wurde mit viel Speck als Schnibbelschinken gereicht. Wurden Eier gekocht, dann gab’s kein Fleisch. Kinder bekamen 1 Ei, Erwachsene 2, Großknecht u. Bauer 3 Eier. Für die auf dem Feld Beschäftigten gab es Frühstück u. auch Vesper nach draußen. Zum Frühstück belegte Brote, 1 Scheibe Schwarzbrot u. Scheibe Graubrot, derbe Tassen und Blechkannen.
Familie u. Gesinde nahmen an einem Tisch ihr Essen ein. Auf Meyerhöfen war in der Regel ein Gesindezimmer eingerichtet. Tischtücher wurden nur sonntags aufgelegt. […]
Die Vorbereitung der Speisen war Frauensache, sie erfolgte morgens oder schon am Tage vorher. Nur beim Sauerkraut Einmachen hobelte der Bauer oder der Knecht („Kumst hübeln“). Im Waschkorb wurde der Kumsthobel auf 2 Stühle gesetzt, darunter ein Zinkfaß. Die vorbereiteten Kumstköppe (lose Blätter entfernen, halbieren u. den Kern entfernen) wurden vom Bauern gehobelt. Das Kraut wurde in den Keller zum Einmachfaß gebracht u. hier unter Zugabe von Salz fest gestampft u. zwar mit dem Stampfer, der auch zum Zerkleinern der Futterkartoffeln gebraucht wurde. Oben wurde das Kraut dann mit einem Tuch, dann mit Brettern, die mit Kieselsteinen beschwert wurden, abgedeckt. Butter, selbstgemachte, wurde täglich gebraucht, Honig gab es bei Erkältungen in heißer Milch.
Zu Beginn jeder Mahlzeit wurde von der Bäuerin oder Haushälterin gebetet: „Komm, Herr Jesus, sei unser Gast u. segne, was du uns bescheret hast“, zu Schluß der Mahlzeit: „Danket dem Herrn, denn Er ist freundlich u. seine Güte wäret ewiglich“.
Das Zeichen zum Beten gab der Bauer durch Händefalten. Speisefolge zu Mittag? Sechsmal in der Woche gab es Eintopf, da standen 2 Schüssel mit Schöpflöffel (Schlaif), bei der „oberen“ Schüssel nahm der Bauer zuerst; „unten“ fing der Knecht an. Ein Wochenzettel sah etwa so aus: Montag: Graupensuppe, Dienstag: Große Bohnen m. Speck, Mittwoch: Sauerkraut (Kümst), Donnerstag: Viezebohnen, Freitag: Pfannkuchen, Sonnabend: Erbsensuppe. Zu allen Mittagsessen wurde Fleisch gereicht: Speck, Koch-Mettwurst oder nach der Schlachtezeit: Kleinfleisch – Klönken, Rippe usw., Sülze usw. Brot aß man zur Milchsuppe. Plattdeutsche Ausdrücke für Graupensuppe: Schillgasten. Spülen: Töpfe, Schüssel, irdene Teller u. Löffel (Holz) wurden im Waskort gespült, Teller in den Beckenschrank gestellt, Löffel in den Halter gesteckt. Tassen u. kleineres Geschirr wurden in einer Schüssel auf dem Küchentisch von der Kleinmagd gespült. Die Arbeit in der Waschkort machte die Großmagd.
Vom 1. Mai bis 24. August (Bartholomäustag) war bis 2 Uhr Ruhepause (None). Dann nur noch 1 St. Mittag u. ¼ Std. Frühstück u. Vesperpause, vorher je ½ Std.
Zur Vesper gilt dasselbe wie zum Frühstück, nur die Brote waren ohne Belag. Kleinmagd oder größere Kinder mußten oft den Kaffee (Zichorie oder gebrannter Roggen) zum Felde bringen. Abends wurde im Sommer um 8 Uhr, im Winter um 7 Uhr gegessen. Im Sommer gab es aufgewärmte Gemüsesuppe u. anschl. dicke Milch oder Pluntermilch, im Winter nach der Gemüsesuppe irgendeine Milchsuppe: Haferflocken, Reissuppe, Brotsuppe usw.
Bei plötzlichem Besuch wurde dieser je nach Grad der Bekanntschaft oder Verwandtschaft in der Regel mit an den Tisch gebeten. Gäste, die man besonders ehren wollte, führte man in die gute Stube u. bot zunächst Zigarren an. Schnaps im Hause zu haben,war bei uns nicht üblich. Selbstgeerntete Äpfel u. Birnen anzubieten war je nach Jahreszeit selbstverständlich. Eingeladene Verwandte oder andere Gäste wurden nur in der Stube bewirtet. Bohnenkaffee, Topfkuchen u. Weizenstuten wurde dann geboten.
Und heute?
Der große Unterschied ist im Hause der Wandel vom 10-Personen-Haushalt zum 3-4-Personen-Kreis.
Unser Tagesablauf heute:
5 Uhr aufstehen, 12 Kühe melken, 30 Zuchtschweine + 200 Mastschweine füttern, tränken u. Ställe ordnen.
½ 8 Uhr Frühstück: Bohnenkaffee oder Milch, Brot, Butter, Käse, Quark, Marmelade oder Honig, Ei, Tomate u. Aufschnittware [?], die am wenigsten gebraucht wird. Da wir von den früheren 5 Mahlzeiten nur 3 noch beibehalten, nehmen wir uns Zeit zum Frühstück: ½ Stunde.
Mittag wird um 12 Uhr gegessen. Der Eintopf ist bis auf höchstens 1 mal wöchentlich verschwunden, dadurch auch besonders begehrt. Die Bäuerin ist auch nicht mehr den ganzen Vormittag an den Kochtopf gebunden. In der Regel ist in einer guten Stunde die Herrichtung der Mittagsmahlzeit getan. Wenn auch heute auf den Bauernhöfen die Frauen in der Regel von der Feldarbeit entlastet sind, weil der Bauer mit dem Einsatz der Technik u. des Kapitals diese allein oder in Nachbarschaftshilfe erledigt, bleiben immer noch Arbeiten auf dem Felde, die alle Hausgenossen beanspruchen, z.B. Rübenpflege u. alle unvorhergesehene Hilfe – auch im Einmannbetrieb.
Die Einrichtung der Kühlkette Gefriertruhe – Kühlschrank ermöglichen eine ganz andere Speisebereitung. Die Speisen sind schneller zubereitet u. vielseitiger. Der Wochenspeiseplan sieht heute etwa vor:
Montag: beliebte [?] Suppe, gebr. Schweinerippe, Sauerkrautsalat
Dienst.: Kohlrouladen, Äpfel, auch Vanillespiegel
Mittw.: gedünsteter Fisch im Gemüse, Milchreis
Donnerst.: Blumenkohlgemüse, Rühreischinken, Obst
Freitag: Eierpfannkuchen oder Reibeplätzchen dazu Obst oder Stippmilch
Sonnabend: Erbsensuppe, Quarkspeise
Sonntag: Suppe, Schweinebraten, Salat, Zitronencreme.
Von der früheren 2stündigen Mittagspause ist nur noch 1 Std. geblieben.
Kaffee wird nicht mehr zur Arbeitsstelle gebracht, bei Bedarf fährt jeder zum Hause, um sich zu erfrischen. Um 6 Uhr beginnen die Abend“werke“ (das Vieh versorgen).
Gegen 7 Uhr wird Abendbrot gegessen. Gelegentlich 1 Auflauf, dann Milch oder Tee u. Brot mit Aufschnitt oder Tomaten, Quark usw.
Es bleibt dann trotz Mehrarbeit u. Leutemangel noch Zeit frei für Fachzeitungen oder auch zum Gedankenaustausch mit dem Nachbar.