„Abends es dä Dag rümmer“

Heinrich M., Pfarrer i.R., geb. 1885, gest. 1971
Wohnort: Schmallenberg-Bödefeld
Datum der Niederschrift: 10.-11. Oktober 1969
Berichtsort: Lügde-Falkenhagen, Kreis Lippe
betrifft die Zeit bis ca. 1909

Tagesablauf im Haushalt bis etwa 1900/1910 in Ost-Lippe

Eine allgemein gültige Beantwortung ist nicht möglich. Im Sauerlande, das seit Jahrhunderten nach Köln politisch gehörte und auch offensichtlich etwas fränkischen Einschlag in der Bevölkerung hatte, war die Lebenshaltungs-Kultur etwas höher wie im Paderborner-, Warburger- und Höxterlande, auch höher wie in Lippe und im Senne-Gebiet. Übrigens war die Lebenshaltung sehr unterschiedlich, abhängig vom Sinn für Ordnung bei Frau und Mann.

Ich kann nur berichten über mein Heimatdorf Henkenbrink, Gemeinde Falkenhagen, in Ost-Lippe. Dort gab es nur 2 Bauern mit je 2-3 Pferden und ohne Dienstboten, nur mit einem ledig gebliebenen „Onkel“ als Helfer. Die andern Leute waren „Kuhbauern“ mit einem Handwerk im Nebenerwerb (3) oder mit „Butterhandel“ (Aufkauf auf den benachbarten Dörfern mit besseren Höfen), aus andern Häusern gingen Väter und Söhne im Sommer als Ziegler oder Maurer in die Fremde – im Winter als Waldarbeiter. Die Äcker waren seit ca. 4 Jahrhunderten in die Bergwälder hineingerodet worden und trugen nicht viel. Das Wasser wurde oft knapp.
Die Wohnkultur ist erst seit der letzten Jahrhundertwende zum Bessern gewandelt (heute konkurrierend mit guten Sauerlandsdörfern). Den ersten Schornstein hat in meinem Heimatdorf erst das von meinem Vater 1883 neu erbaute Haus bekommen. (Als nachgeborener Sohn aus dem Hause meiner Großeltern mußte er bauen, nachdem die Pacht für ein gepachtetes Haus abgelaufen war.) Aber der Schornstein zog nicht, ließ allen Rauch auf die Deele ziehen. Alle Leute sagten, das wäre gut für die in der Bodenluke zum Räuchern aufgehängten Würste und auch gut für das Gebälk des Hauses wegen Fernhaltung der Holzwürmer. – Heute ist alles „modern“.

Der Tagesablauf war verschieden nach den Personen des Haushalts. In meinem Elternhause war gewöhnlich der Vater morgens der erste. Er war Leinenweber, der das von andern Leuten gebrachte Garn zu Leinen, Bettdrell, Bettüberzügen, Handtüchern webte und auch von selbst geliefertem Woll- u. Baumwollgarn „Beiderwand“ webte für Männer- und Jungenanzüge und Frauenröcke. Vater saß oft schon um 5 Uhr am Webstuhl. Tagsüber mußte im Frühling, Sommer, Herbst die kleine „Kuhlandwirtschaft“ besorgt werden. Dann ruhte das Weben. Mutter war auch bald da. Das Vieh im Stall rief nach ihr. Und die Kinder mußten vom 4. Schuljahr ab nach dem Kirchdorf Falkenhagen zur Schule – die untern Jahrgänge gingen nachmittags. Wir hatten nur 2 km Weg, im Winter oft tief verschneit. Im Sommer mußten wir (wenigen) kathol. Kinder um 6.15 früh vor der Schule stehen, im Winter um 7.15 Uhr. Da hieß es früh aufstehen. Nachtjacken-Frauen kannte man nicht – die Frauen waren gleich für den Tag fertig. Mutter mußte Feuer anmachen – für die Stube im „Kastenofen“, von der Küche her mit Holz zu beschicken. Und Kaffee kochen auf dem offenen Herdfeuer – der Kupferkessel stand auf eisernem Dreifuß (wie zur Zeit Homers) auf dem offenen Feuer. Der „Kaffee“ war in unserm Garten gewachsen (Zichorien) – wir Kinder konnten auch „kuhwarme“ Milch trinken. Dazu ein Stück Brot mit Butter oder Schmalz oder Rübenhonig. – Ein gemeinsames Morgenfrühstück gab es bei diesem Tagesablauf nicht.
Die kleinen Kinder bekamen Milch. Vater u. Mutter nahmen, wenn Kinder u. Tiere versorgt waren, ihr Frühstück, gewöhnlich aus „irdenen Kümpen“, in welchen Kaffee mit reichlich Milchreis über dicke Brotstücke gegossen wurde.

Die gemolkene Milch kam in flache irdene Schüsseln (Melck-Näppe), die im Sommer in die Milchkammer, im Winter auf ein Regal in der warmen Stube gesetzt wurden zur Erzeugung von Rahm (Schmand). Wenn dieser eine dichte Schicht bildete, wurden die „Näppe afsmändt“, d.h. der Rahm wurde abgenommen und in einen Steingut-Topf getan. Jede Woche wurde 2 mal „gebuttert“ in der Kirn (Botter-Kern). Die Butter bekam der Händler (Botter-Keerl), der sie nach Holzminden oder Höxter (je 4 Wegstunden) zu den Kunden trug in der Kiepe (Keupen). Auch Eier nahm er mit, auch geräucherte Würste. Im Frühjahr handelten diese „Botter-Keerls“ auch mit „Gösseln“ (jungen Gänsen).

In den eigentlichen Bauernhäusern wurde in der Zeit von etwa Allerheiligen morgens mit dem Flegel gedroschen, wofür die Männer aus den „kleinen Häusern“ früh um 3 Uhr geweckt wurden. Diese Arbeit geschah in einer Art „Gegenrechnung“, indem die Pferdebauern für eine bestimmte Zahl von Dreschstunden eine Pferdefuhre (Mistfahren, Holzfuhren) leisteten. Dann wurde zu Hause gedroschen, wir Jungen vom 12. Jahr ab hatten einen Flegel.
Wichtig erschien bei der langen Tagesarbeit das Vormittags-Frühstück (Freustücke). Ohne Getränk, aber Brot mit Speck. Kinder bekamen Milch mit Brot. (Butter war rar, mußte verkauft werden. Eher gab es mal ein Ei.)

Die „Morgen-Toilette“ war einfach. Die Kinder – durch Mutter oder ältere Tochter besorgt – meist in der Stube. Für das Waschen von Händen u. Gesicht nahm man Kernseife. Bade-Einrichtungen gab es nicht – hätten auch zuviel Kräfte für das Wasserholen aus den Brunnen beansprucht. Für das Waschen der Füße gab es im Sommer die Bäche. Im Winter sorgten die „kaputten“ Schuhe dafür. Bei alten Leuten hörte man wohl die Meinung: „Man darff söck nich seo vell natt maken, dat döcht nich.“

Nachträglich noch etwas über Küche und Kochgelegenheit: In unserm Dörfchen gab es noch 2 Häuser, die den Herd oben auf der Tenne hatten. Im übrigen war die Küche nur für das Kochen u. Vorbereitung der Mahlzeit bestimmt – nicht für das Wohnen – schon wegen des Rauches vom offenen Herde. Mein Elternhaus hat den ersten Kochherd auf dem Dorfe bekommen, ungefähr um 1895 – ein im Lehrerhaus im Schuldorf ausgewechseltes, aber noch brauchbares Stück (für 5 Mark) – er hat noch lange Jahre gedient. Sonst vollzog sich alles Leben in der Stube. „Gute Stuben“ (Viseuten-Stoben) gab es nur in großen Bauernhäusern in Nachbardörfern. – Beleuchtung: Vater hatte über dem Webstuhl eine Petroleumlampe. Für das sonstige Leben diente ein Lämpchen (Zinn) mit Rüböl. Für die Arbeit in Haus und Stall gab es eine Laterne mit Rüböl-Flamme. Licht auf den Schlafzimmern? Unnötig. (Boem Slopen maket man doch dä Augen teo.)

Mittagsmahlzeit: gemeinsam. Vorbeten: ein Kind. Sonst jeder andächtig für sich. Menü: 5 mal in der Woche Eintopf: trockene Erbsen, weiße Bohnen. Linsen, Möhren, Steckrüben, Schnippelbohnen mit einem Stücke Speck oder auch Wurst (Mettwurst). Freitags: Pellkartoffeln, jeder tunkte die seinen in die auf den Tisch gesetzte Pfanne mit heißem Öl u. Salz. Oder: „Bottermelk-Kartuffeln“ (gekochte Kartoffeln in warmer Buttermilch.) Oder Kartoffelpfannkuchen oder Rührei mit Salzkartoffeln oder Kartoffelklöße („Klümpe“) – Sonntags-Menü: Suppe von Schinkenfleisch (im Winter von Schweinerippen etc.) oder vom Huhn, das gekochte Fleisch, Salzkartoffeln und gedörrtes Obst (reichlich im Herbst besorgt im Backofen nach dem Brotbacken). – Öfter auch „Dicker Reis“. – Die Reihe der Eintopfgerichte öfter unterbrochen durch Sauerkraut (Siuern Kaul), für mehrere Tage, wenn Mutter wenig Zeit fand für das Tagesessen. Sauerkraut wurde reichlich „eingemacht“ (mit den Händen – nicht mit den Füßen), in Steingut-Töpfen (Siurnkaul-Grüpen).

Gegessen wurde bei uns von Tellern. Das Eintopfgericht kam in irdenen Schüsseln auf den Tisch. (In diesen Schüsseln wurde der Rest abends im Winter auf dem Ofen aufgewärmt.) In einigen Häusern aßen, wenn weniger Leute vorhanden waren, alle aus der einen Schüssel.
Wir aßen mit Zinnlöffeln. Nach Vaters Bericht hatte man im großelterlichen Hause nur Holzlöffel gebraucht (bis Ende der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts).
Gegessen wurde ohne Tischtuch vom blank gescheuerten Tisch, auf dem auch das Geschirr gespült wurde. Wir hatten wohl leinene Tischtücher (selbst gewebt), die aber selten zum Vorschein kamen. Eine „Tischordnung“ ergab sich von selbst. Mir ist auch aus größeren Bauernhäusern nicht bekannt geworden, daß Kinder oder alte Leute oder Dienstboten einen „Katzentisch“ besonders gehabt hätten.

Das Mittagessen wurde nur in seltenen Ausnahmefällen auf das Feld gebracht. Die Zugtiere mußten doch auch ihr Futter haben.
Der Nachmittagskaffee wurde besonders bei der Kartoffelernte auf das Feld gebracht – in Steingutkannen, die mit Tüchern umwickelt wurden. Brot usw. kam in einfache Körbe, eventuell in große rote “Taschentücher”, die auch für den Einkauf dienten. (Vorläufer der heutigen Einkauftaschen.) Die Butter für das Brot (nachmittags gab es kein Fleisch) wurde in die Enden von dem Brotlaib (Knoeste) getan.
Kaffee: Zichorien, auch wohl mit etwas „Bohnenkaffee“ gemischt.
Mittagsruhe nach dem Essen war uns nicht bekannt. („Abends es dä Dag rümmer“ – hieß es warnend.)

„Vesperbrot“ (trocken) gab es nur im Sommer, dafür wurde abends später gegessen. (Reste vom Mittag – Milchsuppe mit Weizenmehl und Brot – Bratkartoffeln, meist mit Kaffee „gebraten“).
Wenn Besuch kam, gab es „Sonntagskost“. Sonntagsnachmittag-Besuch: Bohnenkaffee (selbst geröstet) und Brot mit Wurst. Bier kannten wir nur dem Namen nach.
„Schnaps“: Wenn Vater früh zu Feld ging, nahm er neben Brot u. etwas Speck in einem „Buddel“ (abgeleitet von bouteille) ein wenig Schnaps mit (1 Liter zu 60 Pf.), immer nur zu ½ l vom Schuldorf geholt. „Früchte-Wein“ (upgesettenen) kannte man nicht.
Südfrüchte: Einmal brachte ein Onkel eine Apfelsine mit – jedes Kind bekam „eine Spalte“ – die war so sauer, daß es mir für Jahre reichte. Unsere Äpfel schmeckten besser.
Gekochte Eier: Gab es öfter zum Frühstück. Man bekam im Sommer für 3 Eier nur 1 Groschen.
Kopfsalat: kam mit ausgelassenem Speck zwischen die Kartoffeln.
Tabak: Vater hat im Leben keine halbe Zigarre geraucht. Mein älterer Bruder hat mit 18 Jahren eine lange Pfeife bekommen. Und richtigen Tabak dazu. Die ältern Leute auf dem Dorfe rauchten alle nicht. Die jüngern freilich (so ungefähr nach 1900) fingen es an, besonders nach den Militärjahren. Alte Ziegler rauchten in der Heimat wohl Ersatztabak – man sagte, das vertreibe die grossen Reh-Herden von den Roggenfeldern (Vorläufer vom Tränengas!!!).

Im Sommer gab es abends keinen Nachbarbesuch – es wurde „zu Bett gegangen“. („Et es Beddegohns-Toet“ – hieß es beim Dunkelwerden. „Morgen freo es da Nacht herümme.“) Im Winter kam in der Dämmerstunde dieser oder jener Nachbar („teom betten Proolen“). Abends hieß es: „Goht in’t Bedde, da’ Lucht (d.h. Öl) ess seo dur.“. Angeboten wurde den Nachbarn nichts wie ein freundliches Wort.

Heute: Wasserleitung, Heizung, elektr. Strom etc. hat alles verändert, desgleichen der Motor. Die Kinderzeit kommt einem vor wie ein Roman. Im Sauerland wie im Lipperland. Wenn nur die Menschen sich selbst und untereinander nicht fremd würden!