Fritz H., Bauer, geb. 1895, gest. 1975
Wohnort: Halle-Oldendorf
Datum der Niederschrift: Oktober 1968
Berichtsorte: Halle-Oldendorf und Steinhagen-Brockhagen, Kreis Gütersloh
betrifft die Zeit um 1890 bis 1968
Das Wecken machte bei mir zu Hause in Brockhagen mein Vater. Während der Bestellzeit um 5 Uhr, in der Erntezeit noch eher, während der Heuernte wurde ½ 3 Uhr aufgestanden. Es mußte vor dem Melken das Heu, welches am Tage zuvor geladen war, aufgesteckt und gepackt werden, denn die Wagen wurden nachmittags wieder beladen. Der Knecht fütterte die Pferde und putzte sie anschließend. Als ich 16 Jahre war, ging ich vor dem ersten Kaffee zum Grünschneiden. Das Melken besorgten die Mägde. Die Hausfrau kochte den Kaffee und zwischendurch holte sie Milch aus dem Stall und schüttete selbige auf die Zentrifuge. Ein Junge (Schulte genannt) mußte die Zentrifuge drehen. War das Melken geschehen, ging es an einen langen Tisch und es wurde Kaffee getrunken und Butterbrote gegessen. Es war in unserer Gegend Sitte, daß der Knecht vor dem Kaffee das Schwarzbrot schneiden mußte. Nach dem ersten Frühstück (Kaffee) ging jeder an seine Arbeit. Der Knecht zog mit seinen Pferden auf den Acker, die Mägde fütterten das Vieh. Die Hausfrau besorgte das Füttern der Schweine. Der Bauer (mein Vater) holte mit dem dritten Pferd das Grün, welches ich zeitig geschnitten hatte.
Kam die Zeit des Hackens u. Jätens, wurde morg. um 9 Uhr mit dieser Arbeit begonnen. Die Hausfrau blieb daheim, sie machte Küche u. Deele (Tenne) sauber, auch besorgte sie das Aufwaschen. Im Winter war der Arbeitsgang wesentlich anders. Es wurde etwa ¾-1 Std. später aufgestanden. Das erste Frühstück wurde im Sommer eher als im Winter eingenommen, wie schon umseitig erwähnt, bestand es aus Graubrot, Pumpernickel u. Butter. Das zweite Frühstück fand um 9 Uhr statt, als Belag meist Speck, auch vereinzelt Wurst.
Ankleiden am Morgen
Die gesamten Bewohner des Hauses wuschen sich am Spülstein mit Seife. Die Füße wurden 1-2 mal wöchentlich gewaschen, im Sommer jeden Abend, denn wir gingen ja barfuß, natürlich in Holzschuhen. Für die Kinder war eine kleine Stube, dort wurden sie angezogen, auch verrichteten sie dort ihre Schularbeiten. Beim Anziehen half die Mutter, auch eine ältere Schwester. War keine Schwester vorhanden, machte es die kleine Magd, auch die Tante. Die Frauen, auch die Männer, trugen von morgens bis zum Abend ein und dieselbe Arbeitskleidung. Die Frau u. Mädchen im Hause Nesselschürzen, bei schmutziger Arbeit draußen und auf dem Felde Sackschürzen (Rirpert). – Im Jahre 1922 kam ich nach Halle i.W.-Oldendorf. Meine Schwiegermutter trug noch bis zu ihrer Krankheit morgens Nachtjacke u. Nachtmütze. Die Männer trugen morgens u. nachmittags gleiche Kleidung, Wollhosen (Büxen) und dünne Joppen (Kittel), bei Regenwetter Röcke aus Stoff (Wams genannt). Ich weiß noch recht gut, daß alte Leute, die um 1840 geboren waren, bei Regenwetter einen längeren Rock trugen, er war aus besonderem, festen Stoff gearbeitet (auf plattd. genannt Kuil).
Vor dem zweiten Frühstück
Die Großmutter, sofern sie noch rüstig war, besorgte den Kochtopf (Iatenkuaken). Das Mittagessen wurde, je nachdem was es gab, um 10-11 Uhr aufgesetzt (upsebt). Kartoffelschälen wurde meist am Vorabend besorgt. Bei meinen Eltern machten es die Männer, aber nur im Winter. Gab es Erbsen mit Speck, kamen die Erbsen am Vortage in die Weiche. Die weißen Bohnen wurden im Winter von den Männern gedöppt, dieses geschah meist in der geräumigen Küche. Eine schöne Arbeit, es wurde dann manch’ schönes Lied dabei gesungen, auch manch’ Erlebnis u. Streiche aus alter Zeit wurden erzählt. Die Bohnen (Fizebaunen) wurden im Frühherbst eingemacht. Meine Eltern hatten schon vor 1900 eine Schnippelmühle. Die geschnippelten Bohnen kamen in einen großen Topf aus Steingut, sie wurden dann mit einem Stampfer fest gedrückt und zum Schluß wurde die Bohnenmasse mit Brettern abgedeckt und mit Steinen beschwert. Kaps-Weißkohl wurde von den Außenblättern entfernt und in 2 Hälften geschnitten und dann gehobelt, der gehobelte Weißkohl kam in offene Bottiche aus Buchenholz, die Masse wurde ebenfalls mit kleinem Stampfer festgedrückt, zum Schluß folgte dann das Abdecken mit Brettern u. Steinen. (Das Faß nannte man auf plattd. Kumpstkuiben, Stampfer.) Auf dem Herdfeuer wurde alles gekocht, Morgensuppe, Grütze, Kaffeewasser, auch Milch. Die Kochgefäße waren verschieden. Für Eintopf hatte man schwere eiserne Töpfe, ebenfalls für Kartoffeln. Die eisernen Töpfe waren innen emailliert.
Fürs Wasserkochen benutzte man auch kupferne Kessel. Es gab da selten schöne Ausführungen. Ich habe in meiner Jugend noch mehrere offene Herdstellen gesehen, besonders bei kleinen Bauern u. Köttern. In meinem elterlichen Hause war schon 1892 ein eiserner Kochherd.
Wenn das Vieh versorgt und die Ställe in Ordnung gebracht waren, wurden Küche u. Wohnstube sauber gemacht. Der Fußboden der Küche bestand aus Steinbelag, eine Art Beton. Die Wohnstube hatte Holzbelag, bis zum Jahre 1910 wurde noch Sand gestreut, dann bekam der Fußboden einen Farbanstrich. Die Küche wurde einmal im Monat mindestens geschrubbt und gewischt jeden Tag. Einmal im Jahre wurde die Deele (Tenne) gründlich geschrubbt in der Woche vor Pfingsten, zuvor wurden die ganzen Wände geweißt, die einzelnen Holzteile, Ständer u. Querhölzer mit schwarzer Farbe abgezogen. Dieses machte man nur bei Fachwerkbauten. So eine Deele, die sauber geweißt war, machte einen schönen Eindruck.
Das zweite Frühstück
Auf Plattdeutsch: „Froistucken“. Waren wir Männer schon des Morgens auf dem Felde, dann brachte eines der Mädchen um 9 Uhr das Frühstück. Butterbrote mit Speck belegt, eine Kanne Kaffee (nur Bohnenkaffee) außerdem ½ l Schnaps. Ein l: 35 % guter Korn kostete damals 40 Pfennig, in Korbflaschen von 25 l ab Brennerei. (N.B. schöne Zeit, wie liegst du doch so weit!!!)
Es gab auch mal zum Frühstück als Belag Schinkenwurst (Plockwurst) (auf plattdeutsch: „Plockwost“), das Fleisch war über ein grobes Sieb gemahlen, deshalb der Name „Plockwurst“. Geräucherte Mettwurst gab es kaum zum Frühstück, sie wurde durchweg im Eintopf verwandt, natürlich im gekochten Zustande. Spiegeleier wurden auch mal zum Frühstück gegessen. Vor der Einführung der Mähmaschine, als noch die Schnitter im Morgengrauen mit der Sense zur Erntezeit loszogen, um das Gras zu schneiden, kam um 6 Uhr das Frühstück zur Wiese. Dann gab es belegte Butterbrote u. satt Eier, der Schnaps fehlte auch nicht. (Ich habe diese Art des Frühstücks mit angeführt, weil ich es noch selbst erlebt habe.) Pfannekuchen gab es zum Frühstück weniger, denn zum Backen hatte die Hausfrau morgens kaum Zeit. Wurstebrot gab es öfter, es wurde geröstet und war ein ausgezeichneter Leckerbissen (nur im Winter). Das Wurstebrot heißt auf plattdeutsch „Worstebraut“. Das Frühstück wurde meist in einer Ledertasche aufs Feld gebracht, der Kaffee war in einer Blechkanne, Tassen aus Porzellan. Waren in der Erntezeit die Mädchen vor dem zweiten Frühstück mit auf dem Felde, langte die Ledertasche nicht, dann brauchte man den Armkorb, auch nachmittags. Der Armkorb hatte eine fast ovale Form und einen Deckel. War früher bei Verwandten oder in der Nachbarschaft ein Kind geboren, dann trat dieser schöne Korb in Tätigkeit. Er wurde gefüllt mit Zwieback und vielleicht auch einem passenden Stück Wäsche, Höschen oder auch ein kl. Jäckchen. Diesen Besuch bei der Wöchnerin nannte man auf plattdeutsch „Stuonen“ auf hochdeutsch: Stöhnen.
Die Tischordnung
In meiner Heimatgemeinde aßen durchweg alle an einem Tisch, Familie und Gesinde. Auch in anderen Gemeinden im Ravensberger Lande war es so, bei den Gutsherren nicht. Bei den Bauern stand in den meisten Fällen auf dem Flur (Diele), auch Küche genannt, ein langer Tisch, an dem alle Hausbewohner aßen, einschließlich der Kinder. War die Kinderzahl groß, dann war für diese ein kleiner Tisch vorhanden. Eine Spinnstube war in meinem elterlichen Hause um 1900 nicht mehr vorhanden, wohl bei einem unserer Kötter. Ein Tischtuch wurde nur aufgelegt, wenn Besuch kam. Wenn das Herbstgrün draußen weg war, besuchten sich die Nachbarn gegenseitig. Sie versammelten sich in der großen Wohnstube, es wurde ein guter Korn getrunken, auch die Tabakspfeife war in Betrieb. Manch’ schöne Erzählung aus alter Zeit kam zu Gehör.
Noch einiges zur Tischordnung: Wie ich schon vorher erwähnte, saßen wir alle an einem langen Tisch aus dem 17. Jahrhundert, es war Platz für etwa 10-12 Personen. Der Bauer saß vorm Ende, linke Seite die Bäuerin, dann die Tochter und die beiden Dienstmädchen, vor dem untersten Ende hatte der Knecht seinen Platz. Rechte Seite: Neben dem Bauern saß der Sohn, dann kam der Lehrling (auf plattd. Schulte). Hatten die Heuerleute schon morgens auf dem Hofe gearbeitet, saßen sie auch auf der rechten Seite neben dem Schulten. Zur Hofarbeit kamen morgens nur zwei Männer. (N.B. Erwähnen darf ich wohl noch, daß die eine Heuerlingsfamilie seit 1812 am elterlichen Hofe wohnte, die andre seit 1890.) Wenn alltags Besuch kam, dann aßen die Eltern nicht mit allen zusammen, dann nahm Tochter u. Sohn mit dem Gesinde die Mahlzeiten ein. Der Platz des Bauern wurde dann vom Sohn eingenommen.
Vorbereitung der Speisen
Die Erbsen wurden im Winter bei strenger Kälte mit dem Dreschflegel gedroschen; denn dann lösten sie sich gut aus den Schoten. Weiße Bohnen (Fizebohnen) wurden auch im Winter gedöppt.
Im Sommer, wenn die ersten Bohnen soweit waren, schnippelte die Hausfrau am Vorabend mit dem Küchenmesser die Bohnen für den nächsten Tag. Graue Erbsen kannte man hier kaum. Über das Einmachen von Sauerkraut u. Schnippelbohnen habe ich schon anfangs berichtet.
Das Essen
Der Bauer gab das Zeichen zum Tischgebet. Das Tischgebet sprach der Jüngste. In den meisten Fällen trug die erste Magd das Essen auf. Bei meinen Eltern wurden die Speisen in Schüsseln aufgetragen. Es gab wochentags meist Eintopf (Gemüse mit Kartoffeln durcheinander). Abends wurde das Gemüse aufgewärmt. Als Nachspeise gab es Milchsuppe. Es wurde jeden Tag zum Eintopfessen Fleisch gegessen, Speck, Mettwurst, im Winter nach dem Schlachten auch Kleinfleisch (plattd. Potthast), im Gegensatz von Speck u. Mettwurst ohne Rauch (nur gepökelt). […]
Schluß
Der Tagesablauf der Gegenwart ist gegenüber von damals insofern wesentlich anders, als viele Arbeit mit Maschinen gemacht wird u. gemacht werden muß. Früher hatte ein Hof wie mein elterlicher in Brockhagen (Kreis Halle i.W.) (bewirtschaftete Fläche: 26 ha) an Arbeitskräften: Bauer, Bäuerin, Tochter, Sohn, einen Knecht, zwei Dienstmädchen u. zwei Heuerlinge. Wenn die Arbeitsspitze war, kamen nochm. von jedem Heuerling zwei Personen. Und heute: Bauer, Bäuerin, Tochter u. Schwiegersohn (oder Sohn und Schwiegertochter). Die Heuerlinge (Kötter) existieren fast überhaupt nicht mehr, die Kinder sind meist abgewandert zur Industrie. Es gibt auch Betriebe, wo Mann u. Frau die ganze Belegschaft sind. Das ist das große Wirtschaftswunder!!