Fritz F., Lokomotivführer, geb. 1893
Wohnort: Dortmund
Datum der Niederschrift: 23. Dezember 1975
Berichtsort: Dortmund
betrifft die Zeit um 1905
Ein Werktag in meinem Elternhaus! Mutter war wie immer die Erste, die weckte. Dann hat der Vater uns Kinder geweckt. Der Vater mußte morgens um 7 Uhr zum Dienst (Dortmund Hauptbahnhof). Das erste Frühstück: Kaffeeersatz, Brot, Marmelade oder Rübenkraut. Dann gingen wir älteren Kinder um 6.45 Uhr aus dem Haus. Wir älteren Kinder mußten die letzten 2 Schuljahre jeden Morgen 7.10 Uhr zur Kirche. Mein Vater, nicht katholisch, hatte den selben Weg. Eines Morgens wurde mein Vater von einem Bekannten angesprochen, warum er die Kinder so früh zur Kirche schicke. Mein Vater antwortete ihm: „Wenn die Kinder da hinein gehen, dort werden sie nicht zum Zuchthäusler erzogen.“ Für mich war das ein schönes Erlebnis am frühen Morgen. Bei meiner Mutter habe ich wohl morgens gesehen, daß sie das Frühstück noch in der Nachtjacke machte, aber eine Nachtmütze habe ich bei ihr nicht gesehen. Für die Schule bekamen wir ja unser 2. Frühstück. Die Mutter hatte ja immer viel Arbeit im Hause. Sie kochte sich auch mal einen wirklichen Bohnenkaffee. Das war ja eine Delikatesse, aber für 10 oder 20 Pfg. konnte man bei Tengelmann schon ein Tütchen erstehen. Wenn wir mittags aus der Schule nach Hause kamen, war meistens das Essen schon fertig. Wenn es keinen Eintopf gab, dann kam es auch vor, daß wir erst zum Kaufmann mußten, wenn es Kopfsalat gab, und für 5 Pfg. Baumöl holen mußten. Baumöl, oder auf platt Baumoele. Heute kauft man eine Flasche Salatöl (Olivenöl). Zum Kartoffelsalat wurde Rüböl heiß gemacht und darüber gegossen. Wenn die große Bohnen-Zeit war, gab es auch mal dicke Bohnen mit Speck.
Da möchte ich Ihnen ein Verschen schildern von einem bekannten Dortmunder Humorist, Otto Haselhoff:
„Es sind nicht immer Malz und Hopfen,
die nur den deutschen Mann erfreu'n,
nein, nein es sind nicht immer Tropfen,
es kann auch was zum Essen sein.
Die Leut’, die in Westfalen wohnen,
verfolgen einen guten Zweck, sie pflanzen tüchtig dicke Bohnen
und essen dazu sehr viel Speck.
Es gibt nichts Schön’res auf der Welt,
das Leib und Seel’ zusammen hält.
Refr. Wenn man dicke Bohnen ißt, alle Sorgen man vergißt,
und kein Dichter kann es sagen,
wie die liegen in dem Magen,
ach, wie schwillt das Bäuchlein an,
so beim Weibchen und beim Mann,
was drauf folgt, ihr alle wißt, wenn man dicke Bohnen ißt.“
Nun zurück zum Abendbrot. Oft gab es abends Bratkartoffel. Scheiben in der Pfanne. Man aß gemeinsam aus der Pfanne. Zum Kartoffelsalat gab es auch oft Panhas (Pännengirtte, platt). Wir schlachteten ja nicht selbst, deshalb gingen wir zum Metzger und holten Wurstbrühe und die Mutter kochte dann mit Buchweizenmehl rohe Grütze. Panhas. Panhas wurde in der Pfanne gebraten. Oder Möpkenbrot. Das waren für uns Leckerbissen. Geflügel, Huhn z.B., wurde groß geschrieben. Das war für unsere Verhältnisse zu teuer. Heute ist Geflügel im Verhältnis zum Fleisch billiger. Am Freitag gab es meistens Reibekuchen. Sehr lecker mit Rübenkraut. Das essen wir am Freitag auch noch, obwohl der Freitag heute kein Abstinenztag ist. Reibekuchen gab es auch abends zum aufgewärmten Eintopf vom Mittagessen. Mein Schwiegervater, er, als alter Münsterländer, hatte nachmittags sein Kümpchen mit Milchkaffee, da brockte er seine Knabbel drin. Knabbel, Weißbrot nach dem Backen noch mal kurz im Backofen nachbacken, aber nicht rösten.
Bierbrauen. Hier in Dortmund haben wir ja Brauereien reichlich. Vor dem I. Krieg noch mehr (Kleinbetriebe). Habe mehrere Brauereien besichtigt und festgestellt, daß das Brauen heute auf eine sehr hygienische Weise gemacht wird.
Zu diesem Thema denke ich oft an die alte Wirtschaft „Haus Lenke“ an der Kückelke in Dortmund. Da hing ein Bild 40 x 50 cm. Es stellte eine Landschaft mit einem Bach dar. Folgende Worte, welche sehr drastisch lauten, standen unter diesem Bild. Sie lauteten:
„Ab morgen darf keiner im Bach sch...,
da übermorgen Bier gebraut wird.“
Entschuldigen Sie bitte, wenn ich das so wiedergebe. Für heute soll es nun genug sein, aber ich kann nicht umhin, noch etwas für jung und alt anzufügen:
„Der Mensch verändert an jedem Tage.
Der Mensch verändert in jedem Jahr.
Und wehmutsvoll denkt mancher ohne Frage
Gern an die Zeit, da er ein Kind noch war.
Wir alle sehnen oftmals uns vergebens
Nach jener Zeit voll Lust und Glück.
Jedoch die schönsten Jahre unseres Lebens,
Die Kinderjahre, kehren nie zurück.
Und kommt man erst über die 50 hinaus,
Dann merkt man sehr bald, man wird älter,
Dann merkt man, die Haare werden grau und gehen aus,
Und das Herz wird allmählich auch kälter.
Mit 60 hat mancher Streich aufgehört,
Mit 70 erlischt unser Streben,
als Kind möcht' man alt sein.
Jetzt ist’s umgekehrt.
So ist mal das menschliche Leben.“
(von Otto Reuter)
Einen Bericht von Fritz F. über den Sonntag finden Sie hier. Beide Berichte ergänzen sich gegenseitig.